Hamburger Abendblatt

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Aufhören mitzumachen

5. Oktober 2011

Und auf einmal fasst man diesen einen Gedanken. Was wäre, wenn ich einfach weiter fahre? Wenn ich nicht an der gewohnten Haltestelle meiner mich zur Arbeit verfrachtenden Buslinie aussteige, sondern einfach sitzen bleibe im Bus? Jeder hat da schon mal dran gedacht.
Der israelische Film „The Exchange“ von Eran Kolirin erzählt von der Entfremdung vom eigenen Leben, davon, die Strukturen, die das Leben lenken zu durchbrechen und heimlich aufzuhören, sich von ihnen leiten zu lassen.
Das Ehepaar Oded (wunderbar: Rotem Keinan) und Tami (Sharon Tal) lebt miteinander nebeneinander her, ohne sich bewusst darüber zu sein. Sie sind glücklich. Alles hat seine Ordnung. Oded arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität und Tami, Architektin, sucht einen Job.

Als Oded eines Nachmittags kurz nach Hause fährt, um seinen vergessenen Ordner zu holen, trifft er seine Frau ruhig schlafend in der gemeinsamen Wohnung an. Doch wie ein Schulkind, das wegen Erkrankung früher von der Schule nach Hause geschickt wird, empfindet er sein Heim plötzlich als fremdartig und anders als sonst.
Er hat die bisherige Struktur seines Lebens unbewusst durchbrochen, indem er zu einer für ihn atypischen Zeit in sein zu Hause kommt, das er unter diesen Umständen nicht kennt. Mit dieser ersten Entfremdung fängt es an: Er wird zum passiven Beobachter seiner selbst und der Begebenheiten und Menschen um ihn herum. Und dann bleibt er im Bus sitzen. Es ist eine kleine, ganz eigene Rebellion, die subtil anfängt, sich in ihm auszubreiten. Ohne Revolutionsgedanken, ohne anarchische Anti-Haltung. Er hört nur auf mitzumachen.

„The Exchange“ geht tief und hallt nach, bei jedem Schritt, der danach getätigt wird. Selten fühlt man sich von einem Film langfristig so selbst ertappt.

„The Exchange“ ist nochmal am 8.10. um 17.30 im Kino 3001 zu sehen. (hpls)

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