Hamburger Abendblatt

Archiv für das Tag 'Nur der Wind'

Terror gegen Roma

16. Februar 2012

Der Traum heißt Toronto. Doch bevor Mari (Katalin Toldi) mit ihren Kindern Anna (Gyöngyi Lendvai) und Rio (Lajos Sárkány) und dem Großvater (Györgi Toldi) ihrem Mann nach Kanada folgen kann, wird die Familie im Schlaf heimtückisch und brutal ermordet. Aus Hass. Und weil sie zur Volksgruppe der Roma gehören. Nur Rio kann fliehen, weil er den Worten der Mutter nicht traut: „Das ist nur der Wind“, sagt sie in der Nacht des Überfalls, als Rio verdächtige Geräusche hört.

„Nur der Wind“ hat der ungarische Regisseur Bence Fliegauf seinen Wettbewerbsbeitrag genannt. Fliegauf, bisher schon zweimal bei der Berlinale im Forum vertreten, greift in seinem auf tatsächlichen Ereignissen beruhenden Film rassistische Übergriffe in den Jahren 2008 und 2009 auf, bei denen Roma-Familien attackiert wurden und sechs Menschen ermordet worden.

Nicht nur Fliegaufs Story ist authentisch, auch seine Schauspieler sind es. Er hat ausschließlich mit Laiendarstellern gearbeitet, die er in einem langen Prozess unter Roma-Familien gecastet hat. Seine Hauptdarstellerin Katalin Toldi erzählte auf der Berlinale-Pressekonferenz von dem Rassismus, den sie am eigenen Leib in Ungarn erfahren hat, als ihr Ladenbesitzer und Handwerksmeister ins Gesicht sagten, dass sie einen Job nicht bekommen würde, weil sie Zigeunerin sei. „Als wir 2008 im Fernsehen von den Ermordungen und Überfällen gehört haben, waren wir natürlich verängstigt,“ beschreibt sie das Klima der Angst unter den Roma in Ungarn.

Fliegauf zeigt den alltäglichen Rassismus an vielen kleinen Beispielen, die in der Summe zum Gefühl für die Roma werden, Menschen zweiter Klasse zu sein. Der Bus hält zum Beispiel 50 Meter hinter der Stelle, an der Anna zusteigen will. Der Hausmeister der Schule geht zu Anna und erzählt ihr, dass Computerzubehör gestohlen wurde, weil er natürlich Zigeuner für den Diebstahl verantwortlich macht. Ein Polizist sagt: „Das Schlimme an Zigeunerjungen ist, dass sie erwachsen werden.“

Mit „Nur der Wind“ hat die Berlinale einen weiteren Film, der mit um den Goldenen Bären konkurriert. Zudem hat er ein Thema zum Inhalt, mit dem sich viele der Wettbewerbsfilme beschäftigen: Terror. (oeh)