Hamburger Abendblatt

Archiv für das Tag 'Filmfest'

Alles wegen Sarah – Wut nach Mitternacht

7. Oktober 2011

Nach den meisten Vorführungen beim Filmfest wird geklatscht. Mal lauter und euphorischer, wenn das Publikum sich wirklich amüsiert  oder das Gefühl hat, schlauer den Saal zu verlassen als ihn betreten zu haben. Was in diesem Jahr bei vielen Vorstellungen der Fall war, denn das Programm besaß sehr viele Höhepunkte und starke Filme. Mal fällt der Beifall auch lau aus wie bei Soderberghs enttäuschendem „Contagion“.  Und ganz selten wird sich lautstark empört.

Bei „Sarahs Schlüssel“, einem Spielfilm über die Deportation französischer Juden im Jahr 1942 und die Spurensuche einer amerikanischen Journalistin nach einem verschwundenen Mädchen, platzte einem Zuschauer am Donnerstag weit nach Mitternacht gehörig der Kragen. Er war mit dem Schluss von Gilles Paquet-Brenners Film nicht einverstanden, sprang vor Wut von seinem Platz auf, gestikulierte wild und schrie zweimal „Das glaube ich jetzt nicht!“ In Rage hatte den unbekannten Zuschauer Folgendes gebracht: Die Journalistin (gespielt von Kristin Scott-Thomas) nennt ihr eigenes Kind nach dem jüdischen Mädchen, dessen Leben sie erkundet hat. Dabei ist Sarah doch ein wirklich schöner Mädchenname. (oeh)

 

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Hinter verschlossenen Türen

7. Oktober 2011

Dass ein Regisseur einen Film über Angela Merkel drehen und dabei Hinerzimmer-Diplomatie, Regierungsinterna und Privates an die Öffentlichkeit bringen würde, ist hierzulande  undenkbar. Ein französischer Filmemacher und sein Drehbuchautor waren da mutiger: „The Conquest“ („Der Eroberer“) heiß ein Film über den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Xavier Durringer (Regie) und Patrick Rotman (Buch) haben einen fiktiven Film über Sarkozys Politkarriere zwischen 2002 und 2007 gedreht, von dem sie behaupten, dass 90 Prozent dokumentarisch sei.

„The Conquest“ zeigt all die Tricksereien und Ränkespiele hinter verschlossenen Türen zwischen Sarkozy, seinem Vorgänger Jacques Chirac und dem ehemaligen Premierminister Dominique de Villepin.  Wenn man diesen Spitzen der französischen Politik bei ihren Lügen und Verleumdungen zusieht und die rüde Sprache hört, mit der sie politische Gegner und Freunde herabsetzen, verliert man als Zuschauer ein weiteres Mal Vertrauen in die politische Kaste.

Nach der Vorführung von „The Conquest“ im Cinemaxx sagte Regisseur Xavier Durringer, dass es ihm nicht darum gegangen sei, Politiker zu demontieren, sondern zu zeigen, wie ein neues Machtsystem entstehe. Was entlarvend genug ist. Nicolas Sarkozy  wird über diesen Film, der außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen in Cannes lief, nicht sehr erfreut gewesen sein: „The Conquest“ zeigt ihn als opportunistischen Machtmenschen, der immer genau das öffentlich sagt, was ihm gerade Wählerstimmen bringt. Der zwischen rechtem und linkem Lager hin- und her diffundiert, sich mal für die Oberschicht einsetzt, dann wieder für die Arbeiter, gerade, wie es passt. „Ich hoffe, dass Carla Bruni den Film inzwischen gesehen hat“, sagte Durringer, „damit sie weiß, was geschah, bevor Sarkozy Präsident wurde und sie seine Frau.“ (oeh)

 

 

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Götz George auf „Nachtschicht“

6. Oktober 2011

„Meine Familie“ nennt Lars Becker die Schauspieler und die technische Crew, die mit ihm immer wieder zusammenarbeitet. Mit seinem eingespielten Team hat er inzwischen die zehnte Folge der „Nachtschicht“ für das ZDF gedreht. Es ist gute Tradition, dass die jeweils neue Folge beim Filmfest auf großer Leinwand gezeigt wird. Genauso ist es Tradition, dass Becker alle Schauspieler, Produzenten und Redakteure auf die Bühne holt, um sich öffentlich bei ihnen zu bedanken. Gestern Abend im Cinemaxx standen dort unter anderem Armin Rohde, Stefan Schad und Das Bo, die alle bei „Reise in den Tod“ mitgespielt hatten.

In der zehnten Folge ermittelt die „Nachtschicht“-Crew um Kommissar Erichsen (Rohde) gegen illegale Menschenhändler, die Afrikaner aus Italien nach Deutschland bringen, um sie hier in die Prostitution zu zwingen oder sie als billige Arbeitskräfte in Restaurants oder als Haushaltshilfe auszubeuten. Wie bei Becker gewohnt, ist das Thema genau recherchiert, mit ästhetischen Mitteln des Kinos fürs Fernsehen umgesetzt und erstklassig besetzt.

Die Hauptrolle auf der Verbrecherseite spielt diesmal Götz George. Wieder einmal zeigt der inzwischen 73-Jährige seine außerordentlichen  schauspielerischen Fähigkeiten in der Rolle eines Schleusers, der Skrupel bekommt. Leider konnte George zur Premiere nicht nach Hamburg kommen, weil er schon wieder einen Zweiteiler dreht.

„Reise in den Tod“ wird im Januar 2012 im ZDF gezeigt. (oeh)

 

 

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Von geistiger und handfester Nahrung

5. Oktober 2011

„Ein Mars, bitte!“, ordert die Dame um kurz vor zehn  am Tresen des Abaton. Und sie  klingt wie eine Verdustende, die ruft: „Wasser, ich brauche Wasser!“ Nach fünf Tagen Filmfest bedarf es für manche der Akkreditierten schon eines amtlichen Schokoriegels, um am frühen Vormittag in einen weiteren langen Kinotag starten zu können. Dafür werden sie am Mittwoch zum Auftakt mit der chinesischen Komödie „The Piano In A Factory“ belohnt (Fr 7.10., 19.15 Uhr, Metropolis).

Regisseur Zhang Meng erzählt die Geschichte von Chen, dessen Frau sich von ihm scheiden lässt. Damit die gemeinsame Tochter bei ihm bleibt, beschliesst er, dem Mädchen ein Klavier zu bauen. Sehr selbstverständlich wechseln Slapstick-Einlagen mit poetischen Momenten. Als Kulisse dienen Industriebrachen, die Meng mitunter mit farbigen Details  kontrastiert. Ein pinker Mantel auf Grau etwa. Das sind die wunderschönen, klaren und spannenden Bilder, die diesen Film ausmachen.

Letztlich hat Meng eine Parabel geschaffen. Man gebe den Menschen ein Projekt, bei dem es nicht ums Geldverdienen, ums blanke Überleben geht, sondern um das, was die Gesellschaft darüber hinaus zusammen hält: Familie, Freundschaft, Kunst. Ganz nebenbei wird der Betrachter auch noch ein klein wenig in die chinesische Esskultur eingeführt. Er sieht zum Beispiel, wie die Runde Fleischstücke an einem Tischgrill brät und dann direkt mit den Stäbchen isst.

Die Verpflegung ist grundsätzlich auch für den Filmfest-Besucher ein Thema. Für geistige Nahrung ist ja reichlich gesorgt. Aber ab und an brauchen Hirn, Herz und der restliche Körper auch Handfestes. Zum Glück haben die Organisatoren in der Zeltstadt auf dem Allende-Platz eine Art Mini-Kantine eingerichtet, die  für faire fünf bis sieben Euro warme Mahlzeiten für Cineasten bereit hält. Ob Lammgulasch mit Kartoffelgratin, Lasagne oder Gemüsecurry – alles äußerst schmackhaft.

Interessant ist natürlich auch immer, wie sich die Langzeit-Besucher ansonsten so ausstatten, um zum Teil fünf bis sechs Filme am Tag durchzusitzen. Wasserflasche, Rückencréme und Müsliriegel wurden bereits gesichtet. Standard bei allen ist jedoch das Programmheft, das im Laufe des Festivals zunehmend aussieht wie ein abgeliebtes Plüschtier. Immer wieder wird darin geblättert, auf der Suche nach dem nächsten Film, nach einer weiteren bewegenden Story.

Und wer in den Pausen nur kurz Zeit hat für einen Gang auf die Toilette, aber trotzdem ein wenig cineastischen Austausch braucht, der plaudert halt vor den Waschbecken über das Gesehene. Das Treiben vor den Spiegeln erinnert mitunter an Flughäfen, wo sich die Passagiere auch schnell frisch machen, bevor es auf den nächsten langen Flug geht. Das passt. Denn selbst  wenn die Sitze auf Dauer nicht immer sonderlich bequem sind: Auch beim Gucken von Filmen lohnt sich die Reise meistens. (bir)

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Ein Gesicht, zwei Figuren

4. Oktober 2011

Da ist dieses eine Gesicht. Und beim Filmfest Hamburg war es direkt zwei Abende in Folge auf der Leinwand zu sehen. Am Montag im Passage, am Dienstag im Abaton.

Mia Wasikowska hat einen blassen Teint und braune Augen, die dunkel und zugleich transparent scheinen. Unverwechselbar. Und doch lieh sie  dieses Gesicht in jeweils großartigen Filmen zwei sehr unterschiedlichen Frauenfiguren.

Die eine ist Jane Eyre, die Zeit ist das 19. Jahrhundert. In Cary Joji Fukunagas Verfilmung des Brontë-Klassikers ist Wasikowskas Gesicht gerahmt von langen, roten Haare, die meist zu wuchtigen Knoten geschlungen sind.

Die andere ist Annabel Cotton, die Zeit ist das Heute. In Gus van Sants „Restless“ ist das Haar kurz und blond. Das Gesicht ist noch blasser als sonst. Denn Annabel hat Krebs.

Beiden Darstellungen gemein ist das Spiel von Wasikowska, die durchdringende Zurückhaltung, die sanfte Wucht, der störrische Witz, womit sie ihre Charaktere verkörpert.

Am Ende von „Restless“, damit ist nicht zu viel verraten, stirbt Annabel. Ein Bilderrahmen auf der Beerdigung zeigt ein Foto von ihrem  Gesicht. Da sind die Tränen schon längst über das eigene gelaufen. (bir)

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Von Mode auf der Straße – und im Kino

1. Oktober 2011

Als Filmfest-Besucher möchte man natürlich nicht allzu stumpf interpretieren, dass gewisse Themen ein bestimmtes Publikum anziehen. Aber am Nachmittag des Sonnabends waren im Passage-Kino in der Innenstadt schon einige auffällig gut gekleidete Gäste zu sehen. Männer in Hemden oder gar Anzug, mit kantigen Brillen und adrettem Scheitel. Die Frauen in bunten Kleidern, Blusen, Faltenröcken, die Haare glatt frisiert oder toupiert. Immerhin galt es, in „Bill Cunningham New York“ ein Urgestein der Modefotografie bei der Arbeit zu beobachten.
Regisseur Richard Press zeichnet das Bild eines passionierten, bescheidenen Mannes, der demokratisch sowohl die Society als auch Straßen-Couture ablichtet. Zehn Jahre hat Press für seine Dokumentation gebraucht – acht um Cunningham zu überreden, zwei um zu drehen.
Die sommerlichen Temperaturen in der City zu verlassen, hat sich jedenfalls gelohnt. Allein die extravagante Garderobe, die da ein nepalesischer Diplomat in New York zur Schau stellt, ließ das Publikum Tränen lachen. (bir)

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Großes Abenteuer für die Kleinen

30. September 2011

20110930-182833.jpg „Sollen wir unser Geld zusammen legen und zwei kleine Cola und eine große Popcorn holen“, beraten sich zwei Jungs angesichts der für das Taschengeld nicht gerade freundlichen Preise im Cinemaxx. Echte Freunde teilen eben, was sie haben. Wie auch Tom Sawyer und Huckleberry Finn im Eröffnungsfilm des Kinder- und Jugend-Filmfests Michel. Und sie helfen einander. Etwa, wenn der andere einen astreinen Stunt auf der Kinotreppe hinlegt und das Popcorn quer über den Teppich fliegt.
Buntes Gewusel herrschte, bis alle ihre Plätze gefunden hatten, um Hermine Huntgeburths packende Abenteuergeschichte zu sehen. Zum Start schrien alle im Saal lauthals „Film ab!“. So macht Kino Spaß!
„Hat das Hinfallen weh getan?“, wollten die Kids im Publikum im Anschluss von Benno Fürmann wissen, der den Bösewicht Indiana Joe spielte. Und woher er so gut spucken könne. „Ich bin in Kreuzberg aufgewachsen“, antwortete der und lachte – im Gegensatz zu seiner Rolle – sehr freundlich.
Viel Beifall erhielt auch Tom-Sawyer-Darsteller Louis Hofmann von den jugendlichen Filmfans. Allerdings räumte er mit der Illusion von einer schulfreien Drehzeit auf. Am Set gab es extra einen Lehrer. Nun gut, bestimmt mussten Huck und Tom bei dem aber keine 1000 Bibelsprüche kennen – so wie im Film. (bir)

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Hell-Dunkel-Kontraste

30. September 2011

20110930-134343.jpg In der Regel zeichnet sich der Cineast dadurch aus, dass er oder sie in der Dunkelheit des Kinos in eine Geschichte eintaucht. Am Vormittag des ersten Filmfest-Tages jedoch verweilen die ersten Akkreditierten noch einen Moment im hellen Schein der Sonne, nachdem sie sich ihre Unterlagen beim Festivalzentrum, genauer gesagt in einer Verkaufserdbeere der Firma Glanz abgeholt haben. Der Wind bläst milde durch die Bäume am Allende-Platz, die Fahnen sind gehisst, in der kleinen Zeltstadt vorm Abaton-Kino werden die letzten Stühle gerückt und beim Kaffee vor der Ponybar kommt es zu ersten Plaudereien über das Programm der kommenden neun Tage. Also: Film ab! In der Hoffnung auf helle Momente in der Dunkelheit. (bir)

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Titel jetzt abrollen!

29. September 2011

20110929-100112.jpg Volljährig ist das Filmfest Hamburg schon im vergangenen Jahr geworden. Entsprechend erwachsen kommt das Programm in diesem 19. Jahr daher, auch wenn es natürlich für die jungen Zuschauer das Michel Kinder- und Jugendfilmfest gibt. Nachdenklich schaut Nina Hoss auf dem Foto aus „Fenster zum Sommer“. Im magisch-romantischen Film von Hendrik Handloegten geht sie abends an der Seite ihres neuen Freundes August (Mark Waschke) in Finnland schlafen und wacht am nächsten Morgen bei ihrem alten Freund Philipp (Lars Eidinger) einige Monate vorher in Berlin wieder auf. Traum oder Albtraum? Wie soll sie die Zeit nutzen, die vor ihr liegt? Soll sie die Ereignisse beim zweiten „Durchlauf“ verändern?

Ein Höhepunkt dürfte die Deutschland-Premiere des Krebsdramas „Halt auf freier Strecke“ werden. Taschentücher einpacken! Der Regisseur des bewegenden Films, Andreas Dresen, und sein Produzent Peter Rommel bekommen in diesem Jahr den Douglas-Sirk-Preis. Joachim Gauck hält die Laudatio auf die Preisträger.

Spannung verspricht „Headhunters“. Morten Tyldum hat einen Krimi von Jo Nesbø verfilmt, in dem ein Personal-Scout für Führungskräfte ein Doppelleben führt. Seinen Luxus finanziert er mit Geld, das er seinen Klienten stiehlt. Neugierig sein darf man auch darauf, was „Sin nombre“-Regisseur Cary Fukunaga in seiner Verfilmung aus Charlotte Brontës Klassiker „Jane Eyre“ gemacht hat. Er verspricht eine Mischung aus Psychodrama, Horrorfilm und Krimi. US-Regisseur Gus van Sant erzählt in „Restless“ vom sonderbaren Enoch, der mit dem Geist eines japanischen Kriegspiloten befreundet ist. Bis er die lebensfrohe, aber todkranke Annabel kennenlernt.

Das Filmfest präsentiert auch wieder eine Reihe von Dokumentationen. Eine davon: Angelina Maccarones ungewöhnliches Porträt in neun Stationen einer berühmten Schauspielerin: „Charlotte Rampling – The Look“. Und wer Elmar Wepper in „Kirschblüten“ gern zugesehen hat, sollte ihn in Christian Züberts Culture-clash-Komödie „Dreiviertelmond“ nicht verpassen. Da kümmert er sich als grantelnder Taxifahrer widerstrebend, aber liebevoll um ein verlassenes, sechs Jahre altes türkisches Mädchen. (vob)

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