Hamburger Abendblatt

Archiv für das Tag 'Filmfest Hamburg'

Fusselbart

6. Oktober 2011

Sich mehrere Filme hintereinander anzuschauen, schärft den Blick ungemein. Liebevolle Details werden noch mehr goutiert, Ungereimtheiten fallen aber leider auch stärker ins Auge.

Eine cineastisch veranlagte Freundin, die das Filmfest Hamburg mit einer Zehnerkarte besucht, hatte nach dem Film „The Music Never Stopped“ im Abaton am Mittwoch nur einen Kommentar auf den Lippen: „Dieser Bart! Der hat mich echt gestört!“ Was war geschehen?

Regisseur Jim Kohlberg erzählt  von Gabriel, der Mitte der  80er-Jahre an einem Hirntumor operiert wird und danach jegliche Erinnerung verloren zu haben scheint. Erst die Musik aus seiner Hippie-Zeit – Bob Dylan, The Beatles, The Rolling Stones und vor allem The Greatful Dead – bringen ihm langsam die Vergangenheit zurück. Ausgerechnet jene Songs und Verse, die in den 60er-Jahren dazu geführt haben, dass Gabriels Vater und er sich  zusehends voneinander entfremdeten.

„The Music Never Stopped“ ist eine bewegende Familiengeschichte und vor allem eine Hommage an die heilsame Kraft der Musik. Wenn da nicht dieser Bart wäre! Wenn Schauspieler in ein und demselben Film eine große Altersspanne darstellen müssen, ist ein Bart stets ein probates Mittel, um einen Mann älter wirken zu lassen. Aber ein bisschen weniger fusselig und aufgeklebt hätte das gute Stück schon aussehen dürfen. Dann klappt’s auch mit dem kritischen Cineasten-Blick. (bir)

Soderbergh-Thriller fiel durch

4. Oktober 2011

Der Beifall im mit 1000 Zuschauern fast ausverkauften Cinemaxx fiel verhalten aus. Mit Steven Soderberghs neuem Film „Contagion“ hatte das Filmfest einen Blockbuster im Programm, der in den USA nach drei Wochen schon die Produktionskosten von 60 Millionen Dollar wieder eingespielt hat. Und der hochkarätig besetzt ist: Matt Damon, Marion Cotillard, Kate Winslet, Laurence Fishburne, Gwyneth Paltrow, Elliot Gould und Jude Law lautet die beeindruckende Besetzungsliste.

Doch Soderberghs Epidemie-Thriller ist nur bedingt spannend. Die Menschen sterben zu Millionen auf der ganzen Erde, die soziale Ordnung gerät aus den Fugen, aber die Katastrophe berührt den Zuschauer nicht wirklich. Die verschiedenen Handlungsstränge, über die ganze Welt verteilt, bleiben Stückwerk.

Besonders unsäglich ist die Performance von Jude Law als mahnendem Wissenschaftsblogger. Wie so oft in jüngster Zeit überzieht Law seine Rolle und wirkt mit seinem eitlen Spiel wie in Fremdkörper innerhalb des Ensembles. Oder sollte er komisch wirken? Auch das hat dann leider nicht hingehauen. Es gibt nur einen guten Satz in „Contagion“ und der wird Law um die Ohren gehauen: „Du bist kein Journalist. Du bist bloß Blogger, das ist wie Graffiti mit Satzzeichen.“ (oeh)

 

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Wenn Sprachen verschmelzen

3. Oktober 2011

Das Schöne an einem internationalen Filmfest ist, dass es schnell zur Normalität wird, viele unterschiedliche Sprachen zu hören. Untertitel lesen zu müssen, um den Inhalt verstehen zu können – diese Tätigkeit ist einem höchstens die ersten paar Minuten eines Films bewusst. Dann verschmelzen die fremden Laute mit den Worten der eigenen Muttersprache.

Am nächsten Morgen, nach einem langen Filmfestsonntag, schwirren die Klänge der Sprachen dann  alle im Kopf umeinander. Das afrikanisch eingefärbte Französisch, das dunkel  aus den Kehlen der Immigranten fließt in der Dokumentation „Paris Paradise“. Die vielen munteren bis hysterischen Ü-Laute, die die liebeskranken Frauen in der belgischen Komödie „Madly In Love“ ausstoßen. Und die kratzenden Konsonanten der dänischen Kleinkriminellen in „All For One“.

Die Bilder zu diesen Tönen sprechen oft ohnehin für sich. Aber all die Sprachen, sie nehmen einen mit auf die Reise. (bir)

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Kino-Enthusiasmus macht einsam, aber glücklich

3. Oktober 2011

1.15 Uhr. Schnell noch den zweiten Blogeintrag vom Tage posten  und dann ist ein langer Filmfest-Tag  zu Ende. Mit fünf außergewöhnlichen und unterschiedlichen Filmen, mit neuen Inspirationen und Anregungen und einer Menge Weisheiten. Aber auch mit wenig zu essen und noch weniger Kontakten zu anderen Menschen. Zu großer Kino-Enthusiasmus kann auch einsam machen.

Der Sonntagvormittag geht los wie der Sonnabend geendet hatte: mit einem Hirntumor. Absolut tödlich, Lebenserwartung nur wenige Monate. Was  Andreas Dresen in „Halt auf freier Strecke“ als halbdokumentarische Bestandsaufnahme des Sterbens innerhalb der Familie zeigt, ist bei Gus Van Sant die Romanze zwischen einem todgeweihten Mädchen und einem suizidgefährdeten Jungen.  Enoch (Henry Hopper), der seine Eltern bei einem Autounfall verloren hat und selbst monatelang im Koma gelegen hat,  möchte Annabel (Mia Wasikowska) beim Sterben helfen, doch er verliebt sich in sie und erfährt zum zweiten Mal in seinem Leben einen tiefen Verlust. Van Sant erzählt diese Geschichte ohne Sentimentalitäten, dafür mit viel schwarzem Humor.  Der Film hat mich tief beeindruckt, und ich bin froh, dass die Sonne scheint, als ich das Abaton verlasse („Restless“ am 4.10., 19 Uhr, Abaton und 8.10., 22.30 Uhr, Cinemaxx).

Schnell nach Hause, den Blog von der Douglas-Sirk-Preisverleihung schreiben, ein paar Frikadellen und einen Pfirsich  als Frühstück- und Mittagersatz reindrücken und dann wieder zurück ins Abaton zu „UFO In Her Eyes“ von Xiaolu Guo, deren Erstling „She, A Chinese“ mir vor zwei Jahren sehr gefallen hat.  Ganz schön, mal eine Komödie zu sehen, in der die Regisseurin die Probleme des modernen China messerscharf aufs Korn nimmt: Umweltverschmutzung, Drangsalierung der Bevölkerung durch die Kommunistische Partei, unsinnige Großprojekte, Raubbau an der Natur. Dazu spielt eine Blaskapelle die „Internationale“ so falsch wie eine Horde besoffener Feuerwehrleute (läuft am 6.10, 21.30 Uhr, Abaton und 8.10., 22 Uhr Cinemaxx).

Schnell mit dem Bus ins Cinemaxx, denn dort läuft „Holidays By The Sea“ von Pascal Rabaté.  Die Komödie des ehemaligen Comic-Autors kommt ohne Dialoge aus, so wie die Filme seines Landsmanns Jacques Tati. Doch Rabaté sieht sich eher in der Tradition des wortkargen Finnen Kaurismäki. „Mich interessiert nicht so sehr Tatis nostalgischer Blick, sondern das Sandkorn, das die Maschine zum Stoppen bringt“, erzählt er dem Publikum.  Sein herrlicher Urlaubsfilm beschreibt so unterschiedliche Unbill wie den ungleichen Kampf zwischen zwölf Windstärken und einem Fünf-Mann-Zelt, die Rettung eines davon geflogenen Drachens aus einem Nudisten-Camp und die missliche Lage eines gefesselten Sadomasochisten, dem die Domina  mit den Handschellenschlüsseln abhaut (7.10., 19 Uhr, Abaton).

Beschwingt geht es wieder zurück ins Abaton. Eine Stunde Pause liegt vor mir. Schnell die aktuellen Bundesliga-Ergebnisse und ein paar Mails gescheckt. Nächster Programmpunkt ist Charlotte Rampling. Oder soll ich  die Doku auslassen und zwischendurch schreiben? Hunger und Durst stellen sich ein. Der Kollege Behrens rät mir zu „The Look“. Als müssen ein Glas Weißwein und drei Schokoladen-Happen (leider zartbitter) im Festivalzentrum auf dem Allende-Platz reichen. Nach 90 Minuten weiß ich, dass es eine gute Entscheidung war, denn Angelina Maccarones Porträt der englischen Schauspielerin ist umwerfend. In Charlotte Rampling paart sich Schönheit mit Weisheit und Sinnlichkeit und das alles völlig unprätentiös. Nach Ende des Filmfests werde ich wohl ein paar Rampling-Filme nachholen müssen, denn ich bin zum Spät-Fan geworden.

Die Fragen & Antworten, auch in Hamburg im internationalen Sprachgebrauch Q & A genannt (question & answer), mit Maccarone verpasse ich, denn für meinen letzten Film des Tages muss ich wieder ins Cinemaxx.

Dort läuft „Restoration“, ein israelischer Film von Joseph Madmony, der beim Sundance Festival den Preis für das beste Drehbuch erhalten hat.  „Restoration“ erzählt die Geschichte eines von der Pleite bedrohten Möbelrestaurateurs in Tel Aviv. Sein Partner ist gestorben, der Betrieb hoch verschuldet, sein Sohn verweigert Hilfe. Die könnte von einem jungen Mann namens Anton kommen, der im Lager ein Steinway-Klavier aus dem Jahr 1882 entdeckt. 100.000 Dollar würde der Verkauf bringen, wenn man es wieder aufmöbelt. Nur widerwillig lässt sich Yaakov Fidelman auf den Plan ein, doch das Feuer des jungen Mannes steckt ihn an. Bis der alte Grantler merkt, dass er mitten in einem Konflikt zwischen seinem leiblichen Sohn Noah und seinem spirituellen Sohn Anton steht. Madmonys bewegende Familiengeschichte läuft noch einmal am 4.10. um 21.15 Uhr im Cinemaxx.

Ein toller Kinotag ist zu Ende. Sechs weitere liegen noch vor mir. (oeh)

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Skandinavische Schummelkönige

2. Oktober 2011

Der dänische Regisseur Rasmus Heide versteht was vom Durchschummeln. Nicht nur, dass er in seiner kalauernden Kleinganovenkomödie „All For One“ vier Freunde aus Kindertagen in eine „Ocean’s Eleven“-artige Handlung verstrickt. Eine Sequenz seines Films,  die im Hamburger Hafen spielen soll, hat er einfach in Aarhus gedreht. War billiger.

Vermutlich kam es ebenfalls günstiger, dass Mick Ogendahl nicht nur die Rolle des freundlichen Proleten Ralf gespielt, sondern  auch direkt noch das Drehbuch geschrieben hat. „Und ich hatte kein Bodydouble“, betonte Ogendahl angesichts einer Szene, in der er mit seinen blanken Pobacken einen Kugelschreiber halten muss.

Die Fragen der Zuschauer im Metropolis-Kino beantworteten Ogendahl und Heide am Sonntagabend teils in ihrer Muttersprache Dänisch, teils in gebrochenem Deutsch. Das war bei Ogendahl zwar mitunter schwer zu verstehen, klang aber äußerst amüsant. Es muss ja nicht immer alles konkret und zielführend sein. Das ist zumindest auch Heides Philosophie für seine Protagonisten, die am Ende wieder ohne Geld dastehen.

„All For One“ sei auch eine Hommage an die dänischen Kriminalkomödien um die Olsen-Bande, erklärte Heide. Auch diese Herren waren ja bekanntlich Meister des Durchschummelns. (bir)

 

 

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