Hamburger Abendblatt

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Wie die graue Lady mit dem Internet umgeht

7. Oktober 2011

Die Annahme, dass das Filmegucken andere Kulturtechniken verdrängt, wurde am Donnerstag im ausverkauften Abaton eindrucksvoll widerlegt. Kurz bevor sich der Vorhang vor der Leinwand öffnete, waren da gleich mehrere Besucher zu beobachten, die in Hardcover-Büchern schmökerten. Eines trug den Titel „Brotsuppe & Bohnen“.

Ebenfalls gesichtet wurden zwei Menschen in einer Reihe, die in ihrem iPad lasen, tippten und wischten. Die eine Dame hielt nicht nur die digitale Flachware in Händen, sondern zugleich auch noch ihr Handy. Ein Prototyp des modernen Mediennutzers. Und genau darum ging es auch in der Dokumentation „Page One: Inside The New York Times“. Filmemacher Andrew Rossi hat ein Jahr lang bei der renommierten amerikanischen Zeitung verbracht, um zu erfahren, wie die Redaktion mit dem publizistischen Wandel durch das Internet umgeht, mit dem Zeitungssterben, dem gestiegenen Aktualitätsdruck.

Die Kamera folgt unter anderem dem  Vollblutjournalisten David Carr, der recherchiert, wie zahlreiche Medienhäuser zunehmend von Gewinnmaximierung statt von Ethik und Inhalten getrieben werden. Auch dem Einfluss von neuen Plattformen wie WikiLeaks und Twitter spürt der Film nach.

Was in den knapp anderthalb Stunden vor allem klar wird: Die „graue Lady“, wie die New York Times umgangssprachlich gerne genannt wird, hat die digitale Revolution keineswegs verschlafen. Doch traditionelle Formen des Journalismus – die Informationsbeschaffung und Gewichtung, das Gespräch mit Informanten und der Austausch mit Kollegen – sind nach wie vor essenziell für seriöses Arbeiten.

Mit diesem weiten Themenfeld befasste sich auch eine Diskussion, die Matthias Dell vom „Freitag“ vor der Filmvorführung im Festivalzentrum auf dem Allende-Platz moderierte. Der Kulturredakteur sprach mit der Dokumentarfilmerin Gisela Tuchtenhagen, der freien Journalistin Simone Schellhammer und Volker Lilienthal, Professor für die „Praxis des Qualitätsjournalismus“ an der benachbarten Universität.  „Uns geht’s mit unserer Zeitungslandschaft ja noch gold im Vergleich zu den USA“, sagte Lilienthal angesichts der viel zitierten Krise. Und er betonte: „Eine freie Gesellschaft, die sich selbst optimieren will, kann gar nicht genug gute Journalisten haben.“

Heftig rüttelte der kalte Herbstwind  an den Zeltwänden, die Unterhaltung auf dem Podium verlief jedoch relativ milde. Keiner der Anwesenden wollte sich, wie Dell anmerkte, so recht in die Rolle begeben, das Internet und all die damit verbundene Technik wie iPhone und Laptop schlichtweg besser zu finden als althergebracht auf Papier Gedrucktes. Muss ja auch nicht sein. Kulturtechniken müssen einander nicht zwingend ausstechen. Wie wir im Abaton gelernt haben. (bir)

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„My Perestroika“: Klassentreffen in Moskau

4. Oktober 2011

"My Perestroika", Doku von Robin Hessman „Ich muss kotzen, wenn ich mir Putin anhöre. Aber wissen Sie was? Früher, zu Breschnew-Zeiten, musste ich nicht nur kotzen, da wollte ich am liebsten tot sein, wenn die Generäle und Parteibonzen geredet haben.“ So ungefähr geht das Schlusswort des Geschichtslehrers Borya in Robin Hessmans sehenswerter Doku „My Perestroika“ (läuft noch am Mittwoch, 5.10., um 21.30 Uhr im B-Movie).
Borya ist einer von fünf alten Schulfreunden, die die amerikanische Filmemacherin und Russlandkennerin Robin Hessman in Moskau über eine längere Zeit mit der Kamera begleitet hat – drei Männer, zwei Frauen. Sie sind Kinder der 70er-Jahre, aufgewachsen im Kalten Krieg und erwachsen geworden in den späten 80ern, als Gorbatschow und Boris Jeltsin die Sowjetunion mit Perestroika und Glasnost umkrempelten. Hoch spannend zu sehen, wie unbeschwert alle fünf ihre Kindheit erinnern, wie wenig die Komsomolzen-Indoktrination sie verbiegen konnte, ja, wie bevorzugt sie sich als Kinder fühlten gegenüber den Menschen im Westen. Umso größer die geistige Initialzündung, als die meisten von ihnen feststellen mussten, wie weit politische Doktrin und Realität auseinanderklafften.
In „My Perestroika“ wird nicht etwa eine vermeintlich sonnige Vergangenheit nur mit Worten heraufbeschworen, hier wird sie gezeigt. Hessman bekam viel privates Super-8- und frühes Video-Filmmaterial von damals zur Verfügung gestellt. So sehen wir die Protagonisten als glückliche Kinder im Schnee oder fröhlich am 1. September, an dem in der UdSSR wie im heutigen Russland für alle nach dem Sommer die Schule wieder beginnt; später als coole Halbwüchsige.
Und heute? Borya und seine Frau Lyuba sind kettenrauchende Lehrer geworden, klassische Intellektuelle, denen nur mal jemand sagen muss, dass die chronisch verqualmte Wohnungsluft für ihren Sohn Mark kaum das Gelbe vom Ei ist. Andrei preist seine Unabhängigkeit. Er hat sich als Franchise-Nehmer eines französischen Hemdenfabrikanten vornehm in der postsowjetischen Gesellschaft eingerichtet, ohne deshalb zum angepassten Systemgewinnler geworden zu sein. Nur der früheren Klassenschönheit Olga hat das Schicksal übel mitgespielt. Sie lebt unter ziemlich prekären Verhältnissen. Und Ruslan, einst Mitbegründer der populären Punkband Naiv, macht immer noch Musik und leidet unter dem Ausverkauf von Idealen und Ideen. Er war vor Jahren aus der Band ausgestiegen, weil er es verlogen fand, wie ihr Sänger abends von der Bühne gegen die Banken anschrie, um tagsüber selbst als braver Angestellter mit weißem Hemd in einer Bank zu arbeiten.
„My Perestroika“ zeigt, wieviel Sowjet-Geist sich unter Putin und Medwejew schon wieder mehltauartig über Russland gelegt hat. Wir wissen das zwar, aus der Zeitung und von Fernsehberichten etwa über den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja oder über den Schau-Prozess gegen Chodorkowski. Doch die politische Klimaveränderung aus der Binnenperspektive dieser Leute zu sehen, das bleibt woanders im Gehirn hängen. (TRS)

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