Hamburger Abendblatt

Archiv für das Tag 'Berlinale'

Wenn Kinder töten müssen

17. Februar 2012

Am letzten Tag des Wettbewerbs scheint kurz vor Schluss ein weiterer Film in die Reihe möglicher Bären-Gewinner dazu gekommen zu sein: „War Witch“ von Kim Nguyen. Bereits seit zehn Jahren trägt sich  der in Kanada lebende Regisseur mit dem Gedanken, einen Spielfilm über afrikanische Kindersoldaten zu drehen. Im vergangenen Jahr konnte er sein Projekt im Kongo umsetzen.

„War Witch“ erzählt die Geschichte eines zwölf Jahre alten Mädchens, dessen Dorf von Rebellen überfallen wird. Bis auf die Kinder, die entführt werden, überlebt niemand. Komona (Rachel Mwanza) wird von den Rebellen gezwungen, ihre Eltern zu erschießen – eine Szene, die kaum zu ertragen ist. Zwei Jahre lang muss Komona als Kindersoldatin für den Rebellenführer Great Lion töten. Der unterstellt ihr seherische Fähigkeiten, sie ist ein „War Witch“ und genießt deshalb die Protektion des Söldneranführers – was ihr Leben aber nur unwesentlich leichter macht. Nguyen zeigt die kaum fassbare Brutalität dieser Söldner, die behaupten, gegen korrupte Regierungen zu kämpfen, und dabei einen gnadenlosen Terror gegenüber Unschuldigen anrichten.

„War Witch“ wirft noch einmal ein Schlaglicht auf Konflikte in Afrika, die angesichts der Aufstände in der arabischen Welt, insbesondere in Syrien, etwas in den Hintergrund geraten sind. „War Witch“ ist ein aufwühlendes  Kinostück, bei  dessen Dreh Nguyen auf dieselbe Methode zurückgegriffen hat wie Brillante Mendoza in seinem Wettbewerbsfilm „Captive“: Die Laiendarsteller durften das Drehbuch vorher nicht lesen, um möglichst authentische Darstellungen des Bürgerkriegs zu bekommen, der hier nicht einem bestimmten Land zugeordnet wird. Aber geografischer Details bedarf es nicht, um das große Leid dieser Kinder zu begreifen. (oeh)

 

 

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Terror gegen Roma

16. Februar 2012

Der Traum heißt Toronto. Doch bevor Mari (Katalin Toldi) mit ihren Kindern Anna (Gyöngyi Lendvai) und Rio (Lajos Sárkány) und dem Großvater (Györgi Toldi) ihrem Mann nach Kanada folgen kann, wird die Familie im Schlaf heimtückisch und brutal ermordet. Aus Hass. Und weil sie zur Volksgruppe der Roma gehören. Nur Rio kann fliehen, weil er den Worten der Mutter nicht traut: „Das ist nur der Wind“, sagt sie in der Nacht des Überfalls, als Rio verdächtige Geräusche hört.

„Nur der Wind“ hat der ungarische Regisseur Bence Fliegauf seinen Wettbewerbsbeitrag genannt. Fliegauf, bisher schon zweimal bei der Berlinale im Forum vertreten, greift in seinem auf tatsächlichen Ereignissen beruhenden Film rassistische Übergriffe in den Jahren 2008 und 2009 auf, bei denen Roma-Familien attackiert wurden und sechs Menschen ermordet worden.

Nicht nur Fliegaufs Story ist authentisch, auch seine Schauspieler sind es. Er hat ausschließlich mit Laiendarstellern gearbeitet, die er in einem langen Prozess unter Roma-Familien gecastet hat. Seine Hauptdarstellerin Katalin Toldi erzählte auf der Berlinale-Pressekonferenz von dem Rassismus, den sie am eigenen Leib in Ungarn erfahren hat, als ihr Ladenbesitzer und Handwerksmeister ins Gesicht sagten, dass sie einen Job nicht bekommen würde, weil sie Zigeunerin sei. „Als wir 2008 im Fernsehen von den Ermordungen und Überfällen gehört haben, waren wir natürlich verängstigt,“ beschreibt sie das Klima der Angst unter den Roma in Ungarn.

Fliegauf zeigt den alltäglichen Rassismus an vielen kleinen Beispielen, die in der Summe zum Gefühl für die Roma werden, Menschen zweiter Klasse zu sein. Der Bus hält zum Beispiel 50 Meter hinter der Stelle, an der Anna zusteigen will. Der Hausmeister der Schule geht zu Anna und erzählt ihr, dass Computerzubehör gestohlen wurde, weil er natürlich Zigeuner für den Diebstahl verantwortlich macht. Ein Polizist sagt: „Das Schlimme an Zigeunerjungen ist, dass sie erwachsen werden.“

Mit „Nur der Wind“ hat die Berlinale einen weiteren Film, der mit um den Goldenen Bären konkurriert. Zudem hat er ein Thema zum Inhalt, mit dem sich viele der Wettbewerbsfilme beschäftigen: Terror. (oeh)

Abschiedsbriefe vor der Erschießung

14. Februar 2012

Was schreibt man in seinen Abschiedsbrief, wenn man nur noch eine Stunde Zeit hat? Was sind die letzten Gedanken, bevor man unschuldig hingerichtet wird? In seinem berührenden Berlinale-Beitrag „Das Meer am Morgen“ geht Regisseur Volker Schlöndorff dieser Frage nach. Hintergrund seiner Geschichte ist die Ermordung von 150 französischen Geiseln durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1941 als Vergeltung für die Tötung eines Nazi-Offiziers in Nantes. Der Anlass war jedoch der Brief eines 17-jährigen Jungen namens Guy Moquet, der zu den Ermordeten gehörte, an seine Freundin Odette, kurz bevor er aus einem Internierungslager zu seiner Hinrichtung abtransportiert wurde. Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte angeregt, Moquets Brief jedes Jahr an allen Schulen am Jahrestag seines Todes verlesen zu lassen. In Frankreich ist Moquet das Pendant zu Sophie Scholl.

„Das Meer am Morgen“ zeigt die Gnadenlosigkeit, mit der die deutschen Besatzer in Frankreich mit Hilfestellung französischer Polizei und Behörden gewütet haben. Schlöndorff sagte gestern, dass es ihm mit seinem Film um die Frage gegangen sei, wie man sich in einer Extremsituation wie der eines Krieges richtig verhalte. Als positives Beispiel dient ihm der junge Soldat Otto (Jacob Matschenz), der sich weigert, an dem Erschießungskommando teilzunehmen. Als literarische Vorlage nannte Schlöndorff „Das Vermächtnis“, eine Erzählung von Heinrich Böll, in der dieser seine Erlebnisse als Soldat in Frankreich schildert.

Als Zuschauer verfolgt man besonders das letzte Drittel des Films mit großer Beklommenheit. Schlöndorff zeigt die Erschießung von 27 Franzosen in drei Gruppen. Jedesmal die gleichen Kommandos, das Durchladen, die Schüsse, die zusammensackenden Körper, der finale Kopfschuss. Bilder, die nur schwer auszuhalten sind.

Volker Schlöndorff hat lange keinen Film mehr gemacht, der so wichtig ist wie dieser. Bei der Berlinale wird er in vier öffentlichen Vorführungen im Kino gezeigt, anschließend ist nur noch eine Auswertung per DVD und im Fernsehen geplant. ARD und Arte haben „Das Meer am Morgen“ mitproduziert. (oeh)

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Ein Denkmal für den König des Reggae

13. Februar 2012

Als sein Film „ Life In A Day“ vor einem Jahr Weltpremiere bei der Berlinale feierte, konnte Regisseur Kevin Macdonald nicht nach Berlin kommen, weil er sich damals auf Jamaika aufhielt. Ein Jahr später hat er es nach Deutschland geschafft, um jetzt die Ergebnisse seiner Arbeit von damals zu präsentieren: „Marley“, eine zweieinhalbstündige Dokumentation über den jamaikanischen König des Reggae, feierte gestern Abend im Friedrichstadt-Palast Weltpremiere.

Mit Unterstützung von Marleys großer Familie – er hat elf Kinder mit sieben Frauen gezeugt – wertete McDonald riesige Mengen von Material aus: Konzertmitschnitte, Interviews, Videos. Als erster Regisseur erhielt er Zugang zum Privatarchiv der Marleys. Außerdem führte er Dutzende von Interviews mit Weggefährten, Musikern von Marleys Band The Wailers, mit Freundinnen, Familienmitglieder und natürlich mit Marleys langjährigen Produzenten Chris Blackwell, der auch zu den Mitproduzenten dieser beeindruckenden Dokumentation zählt.

Macdonald zeigt ein sehr differenziertes Bild dieses herausragenden Musikers, der aus einfachen Verhältnissen stammte und Zeit seines Lebens darunter litt, ein „Halbblut“ zu sein: seine Mutter war schwarz, sein Vater ein weißer englischer Ingenieur, den er nie zu Gesicht bekommen hat. In spannenden zweieinhalb Stunden zeichnet er die Karriere von Bob Marley nach, der wie kaum ein anderer für Frieden und Versöhnung stand und so populär war, dass immer wieder Politiker versuchten, ihn vor ihren Karren zu spannen. Wie kein anderer hat Bob Marley den Reggae in der ganzen Welt populär gemacht, Songs wie „Could You Be Loved“, „No Woman No Cry“ oder „I Shot The Sheriff“ sind schon lange zu Klassikern geworden.

Macdonald zeigt auch Bob Marleys Kampf gegen den Krebs, den er fast ein Jahr lang in einer Klinik im bayrischen Rottach-Egern zu besiegen versuchte. Doch auch die Methoden des deutschen Arztes Josef Issels konnten ihm nicht helfen. Marley beschloss, zum Sterben nach Jamaika zurückzukehren. Doch er schaffte es nur bis Miami, weil er zu schwach für die letzte Etappe war. Am 11. Mai 1982 1981 starb er im Alter von nur 36 Jahren. Mit „Marley“ hat Kevin Macdonald dem Sänger und Gitarristen mit den Dreadlocks ein respektvolles cineastisches Denkmal gesetzt. (oeh)

Ich möchte Eiswürfel in Pyramidenform

13. Februar 2012

Nicht nur auf der Leinwand auch davor, im realen Leben, lebt man hier mitunter gefährlich. Wer es auf dem Empfang des Landes NRW am Sonntagabend in den dicht gefüllten Innenraum geschafft hatte ohne schwere Rippenprellungen zu erleiden, tat gut daran, in Deckung zu gehen.

Eine Bar stürzte mit lautem Klirren ein, eine Garderobe sackte herunter – wie gut, dass die Filmbranche keine Branche ist, die zum Aberglauben neigt. Sie neigt vielmehr zur großen Geste, reiht Empfang an Party an Premierenparty an Sponsorenparty – und weil es das in dieser Form noch nicht gibt, erfand der Schauspielverband rasch den Deutschen Schauspielerpreis. Stefan Kurt wurde hier geehrt, Petra Schmidt-Schaller, Ulrich Noethen und Katharina Thalbach, Jasmin Tabatabai gab einen Schlager zum Besten, dass manch einer schnell nach draußen zum Telefonieren flüchtete. Oder auf den nächsten Empfang. (jac)

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Shakespeare im Gefängnis

11. Februar 2012

Acht jahre hat Salvatore Striano im Gefängnis Rebibbia wegen Drogenhandels verbracht. Zusammen mit vielem Mördern und Mafia-Gangstern. Heute sitzt er auf dem Podium der Berlinale.  In Freiheit. Striano hat seine Strafe abgesessen, inzwischen verdient er sein Geld als professioneller Schauspieler, er hat in „Gomorrha“ von Matteo Garone debütiert und mit Abel Ferrara und Marco Risi gearbeitet.  Entdeckt wurde er  in Rebibbia, als er unter der Regie von Fabio Cavalli in Shakespeares „Sturm“ mitspielte und brillierte. Jetzt ist Striano für einen Film an den Ort zurückgekehrt, an dem er lange eingesperrt war. Die Brüder Paolo und Vittorio Taviani, Altmeister des italienischen Kinos und schon oft zu Gast bei der Berlinale gewesen, haben im Rebibbia-Gefängnis Shakespeares Tragödie „Julius Ceasar“ in Szene gesetzt. Mit Ex-Knackis wie Striano und aktuellen Insassen, viele von ihnen mit lebenslänglichen Strafen.

Diese originelle Shakespare-Inszenierung passt trefflich zur Berlinale mit seinen vielen politischen und ernsthaften Filmen, denn  Tyrannenstürze haben gerade wieder Konjunktur.  „Caesar Must Die“, so der Titel des im Wettbewerb laufenden Films, ist weit mehr als nur ein Theaterstück an einem ungewöhnlichen Ort. Shakespeares Verse und das Wort „Freiheit“ bekommen in diesem Kontext noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Weite Teile des Films  sind in Schwarz-weiß gedreht, damit „etwas Irreales entsteht“, sagt Vittorio Taviani heute in Berlin. „Durch die Entscheidung in Schwarz-weiß zu drehen, bekommt der Film eine Dimension, die nicht der Wirklichkeit entspricht.“ Für die Intensität des Spiel, mit dem die Laienschauspieler agieren, findet Taviani ebenfalls eine plausible Erklärung: „Viele haben genau so eine Geschichte erlebt.“  Salvatore Striano sagt, dass viele der Häftlinge „durch das Theater und die Kunst um Vergebung bitten für das, was sie getan haben.“  Für manchen der Inhaftierten bedeutet die Theaterarbeit auch eine neue Bewusstwerdung der persönlichen Situation. Cosimo Rega, der den Cassius spielt, sagt, als er wieder in seine Zelle gesperrt wird: „Erst, seit ich die Kunst kennengelernt habe, ist die Zelle zum Gefängnis geworden.“

Das Theater im Rebibbia-Gefängnis ist übrigens fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Seit zehn Jahren führt  Fabio Cavalli dort Stücke mit Gefangenen auf. Mehr als 22.000 Besucher hatte das Theater in dieser Zeit, 60 Prozent davon Schüler.

Heinrich Oehmsen

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