Hamburger Abendblatt

Wacken 2010

Alte Männer unter sich

6. August 2010

Es war der Abend der alten Männer. Erst Alice Cooper, dann Mötley Crüe, danach Iron Maiden: Viel mehr Metal-Historie geht nicht. Einerseits beeindruckend, andererseits aber auch überraschungsfreie Zone. Cooper, der ehemalige Großmeister des Schockrock, sieht wirklich so alt aus, wie er ist (62) und die Glam-Rock-Amis Mötley Crüe haben tatsächlich ihre besten Zeiten längst hinter sich. Was in den ersten Minuten noch funktioniert und gefälliges Fäusterecken nach sich zieht, wird doch bald langweilig. Immerhin zeigt sich Frontmann Vince Neil von den Fanreaktionen begeistert und schießt ein Erinnerungsfoto. Das wolle man demnächst auf der bandeigenen Website hochladen, um aller Welt zu zeigen, wie man in Europa (immer noch) gefeiert werde. Dann aber besser keinen Videoclip vom letzten Teil des Sets einbauen, denn der würde dokumentieren, dass die Zugaberufe extrem verhalten sind.

Mag auch daran liegen, dass inzwischen alles auf Iron Maiden wartet. Die waren vor zwei Jahren erstmals in Wacken und spielten ein zweistündiges Best-of-Programm. Diesmal hingegen haben Bruce Dickinson und Co. ein brandneues Album im Gepäck (erscheint am 13.8.) und lassen sogar den Überhit „Run To The Hills“ aus. Trotzdem ein unterhaltsames Konzert mit vielen Testosteron geschwängerten Bühnenbildern und druckvollem Sound. Etwas nervig nur die zahlreichen Crowdsurfer. Da kommt man kaum dazu, sich auf die Musik zu konzentrieren, weil sich alle zwei Minuten jemand auf Händen tragen lassen will und einem dabei gerne mal die verdreckten Springerstiefel ins Gesicht hält.

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Rosa Bikinis und ein String-Nichts

5. August 2010

„Keine Chance, da reinzukommen!“ Der Pressekollege weiß, wovon er spricht, wollte er doch mal einen Abstecher zu den Oil Catching Girls in der „Bullhead City“ unternehmen oder, noch besser, bei der angekündigten „Bondage Show“, ähem, recherchieren. Doch das wollen viele  hier in Wacken:  Mit der Digicam im Anschlag ein paar unvergessliche Eindrücke mit nach Hause nehmen. Und so heißt es an den Türen schon lange vor Start der Haut-Beschau: nix geht mehr.

Na, was soll’s, wer auf nachte Tatsachen steht, kommt hier auch so auf seine Kosten. Ob beharrte Engländer in rosa Bikinis oder hübsch tätowierte Metalgirls im schwarzen String-Nichts: alles da.  Und immer bereit, sich knipsen zu lassen. Demnächst mehr davon…

Zeltaufbau ist gar nicht so einfach

5. August 2010

Endlich da! Und auch schon wichtige Erfahrungen gemacht.  Zum Beispiel die, dass ein grün markiertes Gestängeteil beim Zeltaufbau tatsächlich in die grüne Schlaufe gesteckt werden muss – und nicht in die blaue.  Naja… Immerhin, die (schon jetzt muffige) Schlafkammer für die nächsten drei Nächte steht und ein Belohnungsbier gab’s auch schon. In Sachen T-Shirt-Kauf konnte leider kein Erfolg vermeldet werden. Das ersehnte Dio-Gedächtnis-Shirt ist nur in der Wacken-Zentrale im Ort zu haben, und für diesen Abstecher ist momentan einfach keine Zeit. Und was das sonstige Wacken-Merchandise angeht, da heißt es schon jetzt, wenige Stunden nach Festival-Eröffnung, großflächig „ausverkauft“. Wer XXXL oder S trägt, mag noch zum Zuge kommen, aber für Menschen mit L-Oberkörper bleiben nur neidische Blicke auf alle jene, die früher da waren.

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Einmal werden wir noch wach…

4. August 2010

Nur noch einmal schlafen, dann geht’s endlich los. Also heißt es jetzt packen. Und zwar sorgfältig. Nicht auszudenken, wenn plötzlich der Flaschenöffner fehlt. Oder die Taschenlampe, ohne die nachts das eigene Zelt kaum wiederzufinden ist. Oder das obercoole Saint-Vitus-Tourshirt, das seinen Träger als eingefleischten Doom-Metaller mit Traditionsbewusstsein ausweist. Wichtig auch: die persönliche Running Order, die sich dankenswerterweise auf der Wacken-Homepage erstellen lässt. Die wirft zwar noch einige Fragen auf („Warum spielen Candlemass und Immortal zur gleichen Zeit??? Schaffe ich es, bis zum Auftritt von The Devil’s Blood um 2 Uhr morgens wachzubleiben???), hilft aber, im Wust der Bühnen und Bands nicht völlig die Orientierung zu verlieren.

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Ein Dorf sieht schwarz

3. August 2010

Ein Dorf sieht schwarz
Markus und Jan sind verwirrt. Seit einer Dreiviertelstunde stapfen sie nun schon durch die Nacht, aber ihr Igluzelt ist einfach nicht zu finden. Dabei hatten sie extra eine Totenkop“ahne als Orientierung  ochgezogen. Nur, auf den Gedanken sind andere auch gekommen. Immerhin ist das hier Wacken, der Nabel der Metal- Welt. Dass ihr Lager irgendwo auf Campingplatz C liegt, wissen die beiden noch, aber ansonsten stellen die Freunde aus Hannover fest: Bei Nacht sind alle Zelte grau.Dass sie schoneinpaarLiterFrischgezapftes intus haben und ihnen noch die Ohren vom Auftritt der norwegischenDeath-Metaller Amon Amarth klingeln, trägt auch nicht gerade zur Problemlösung bei. Andererseits: Was heißt da Problem? Dies hier ist Holy Wacken Land, Sehnsuchtsort der weltumspannenden Metal-Gemeinde. Hier findet sich das schon. Irgendwie. Irgendwann. Auch bei 75!000 Besuchern, die sich auf gut 30!000 Zelte verteilen. Zwei Jahrzehnte zuvor gab’s diese Orientierungsprobleme noch nicht. Als Holger Hübner und Thomas Jensen 1990 mit ein paar Freunden das erste Wacken Open Air auf die Beine stellten, spielten an zwei Tagen lediglich sechs Bands, die heute fast niemand mehr kennt. 800 Besucher kamen, und die knapp 2000 Bewohner des schleswig-holsteinischen Dorfes schlossen die Haustüren doppelt ab. Auch wenn das Line-up in den nächsten Jahren etwas prominenter wurde, das Publikumsinteresse blieb überschaubar, und 1993 stand das Festival nach erheblichen Verlusten sogar auf der Kippe. Nur weil die ElternvonHübnerundJensenfür eineFinanzspritze sorgten, konnte es weitergehen, aber einigen Mitorganisatoren, die fürchteten, in Privathaftung genommen zu werden, wurde das Eisen zu heiß. Sie stiegen aus. Und schienen recht zu behalten, als im Sommer 1996gerademal 1000Tickets abgesetztworden waren. Doch dann der große Coup: Hübner und Jensen buchten in einem Akt der Verzweiflung kurzfristig die schwer angesagten Böhsen Onkelz – was ihnen 9000 zahlende Gäste bescherte. „Das war der Durchbruch“, erinnert sich Jensen, und tatsächlich ging es fortan nur noch in eine Richtung: bergauf. Motörhead, Slayer, Twisted Sister, Iron Maiden: Aus dem Zwei-Tage-Festival von Fans für Fans irgendwo in der norddeutschenTiefebene ist einMega-Event geworden, zu dem nicht nur die Superstars der Szene, sondern auch mehr als 70!000 Fans aus aller Welt anreisen. 30 Prozent der Besucher, sagt Jensen, kommen aus dem Ausland. Und für alle gilt, was Regisseur Sam Dunn in seiner Wacken-Doku „A Headbanger’s Journey“ so schön auf den Punkt bringt: „Irgendwann musst du nach Wacken!“ Deshalb sparen sie ein ganzes Jahr, all die Schweden und Finnen, die Spanier und Franzosen, die Mexikaner und Japaner, um vier Tage Ausnahmezustand zu erleben.
Ein Ausnahmezustand, der beginnt, sobald die Ortsgrenze überschritten ist. Wer das erste Mal nach Wacken kommt, hat das Gefühl, unversehens in ein Paralleluniversum zu geraten. Schwarzgekleidete Langhaarige überall. Ein rotes oder gelbes T-Shirt ist hier so selten wie ein vierblättriges Kleeblatt auf einer abgegrasten Kuhweide. Und wer kein Tattoo trägt, ist mindestens gepierct. Oder lässt sich später auf dem Festivalgelände noch was stechen. Dass auf den Shirts wahlweise satanistische Symbole, Skelette oder bleiche Musiker mit der Aura von Untoten zu sehen sind, muss nicht verschrecken. Auch gern getragene Losungen wie „Ich töte für Metal“ oder „Devil inside“ sind nicht allzu ernst zu nehmen:
Die meinen das nicht so, die wollen nur rocken. Wofür auch die alljährliche Veranstalter-Bilanz spricht: „Wir erleben hier nicht nur das größte, sondern auch das friedlichste Metal-Festival der Welt“, frohlockte Thomas Jensen 2009. Und die Itzehoer Polizei lieferte gleich die Zahlen dazu: Bei 75!000 Besuchern hatte es lediglich 17 Anzeigen wegen Körperverletzung gegeben, eine sensationell niedrige Quote. Wacken, das neue Woodstock: so riesig wie friedlich. Ein Festival, das nur Gewinner kennt. Auch im Dorf selbst, mit seinen zwei Supermärkten, dem kleinen Freibad und den Menschen, die es 360 Tage im Jahr eher ruhig angehen lassen. Doch am ersten Augustwochenende ist alles anders. Da sitzen die Wackener auf Holzbänken vor ihren Einfamilienhäusern und gucken Metalhead-Kino – wenn sie die tollen Tage nicht nutzen, um das Geschäft des Jahres zu machen. Hatte es anfangs vereinzelt Widerstand gegen das Festival gegeben, ist das Gros der Dörfler längst mittendrin statt nur dabei. Während im Edeka am Ortsrand das Bier gar nicht so schnell nachgeliefert werden kann, wie es von Ewigdurstigen abtransportiert wird, bieten die einen deftiges Katerfrühstück mit Spiegeleiern und Speck an, andere für wenig Geld eine warme Dusche. Oma verkauft am Jägerzaun selbst gemachte Sanddornmarmelade, und ihr Enkel karrt mit dem Bollerwagen für ein paar Euro die in erster Linie flüssigen Einkäufeder Besucher gen Camping-Areal. So mancher hat sichineinpaarTagen den Sommerurlaub finanziert. Und einer ist sogar zumStar geworden: Bauer Uwe Trede, der mit dem Quad durchs Dorf braust, in den Zeltstädten nach dem Rechten sieht und Metaller, die sich aufgrund erhöhter Promillewerte daneben zu benehmen drohen, so freundlich wie bestimmt zurechtweist. Kettenraucher Trede koordiniert die vielen freiwilligen Helfer und gehört in Wacken zu den meistfotografierten Männern, seit er in der preisgekrönten Doku „Full Metal Village“ der koreanischen Regisseurin Sung-Hyung Cho zu sehen war.
Überhaupt, der Film: Er war 2006 der Ritterschlag für das Wacken Open Air. Klar, über die schwermetallische Massenbewegung hatte es schon ein paar TVReportagen gegeben, aber die fanden sich meist bei den Privatsendern zwischen Beiträgen über Mietnomaden und Klebsto“ schnü“elnde Jungmütter. „Full Metal Village“ hingegen: Kino. Hochkultur. Aber mit trocken-norddeutschem Witz. Da sprangen auch die Feuilletons aufs Trittbrett, die sich in komplexe Analysen des Phänomens verstiegen.
Dabei ist doch alles so einfach: Wacken bedeutet schlicht Urlaub vom Alltag. Und zwar unter 75000 Gleichgesinnten. Welche Bands spielen, ist für die meisten gar nicht wichtig, zumal auf den vier größten Bühnen ohnehin immer ein verlässlich starkes Programm geboten wird. Viel Massentaugliches findet sich da, in diesem Jahr zum Beispiel Iron Maiden, Slayer und Alice Cooper. Dazu ein Metal-Gemischtwarenladen, der so ziemlich alle Sub-Genres von Death- und Black- bis hin zu Folk- und Power-Metal abdeckt. Doch Wacken hat seit den Anfangsjahren auch in Sachen Publikumsbespaßung mächtigdraufgelegt.ObStripshow,Wet-T-Shirt-Contest oder Wrestling, ob Filmnacht, Wikingerdorf oder Mittelaltermarkt: Es ist immer was los. Und dann will ja auch noch die große Metal-Börse nach raren Scheiben durchstöbert werden. Zwar kostet das Wacken-Ticket inzwischen sportliche 130 Euro, ausverkauft ist das Festival dennoch schon Monate vorher.
Da mag manch Altgedienter den Tagen nachtrauern, als es noch keine Sponsorenstände mit knapp bekleideten Hostessen gab. Den Tagen, als die Kuttenträger noch unter sich waren und niemand Grund hatte, sich über „Event-Touristen“ zu beschweren, die „uns die besten Zeltplätze wegnehmen“. Unterm Strich ist das W:O:A immer noch ein Festival von Fans für Fans, auf das Holger Hübner und Thomas Jensen am liebsten die Bands einladen, die sie selbst gerne sehen wollen. „Ich hatte Tränen in den Augen, als vor zehn Jahren Rose Tattoo auf der Bühne standen“, erinnert sich Jensen an den Auftritt seiner australischen Helden. Und für Hübner dürfte in diesem Jahr ein Traum in Erfüllung gehen, wenn die zeitweise verschollene Hair-Metal-Truppe Mötley Crüe die glorreichen Achtziger auferstehen lässt.
Auf den riesigen Zeltplätzen wird es dann ähnlich hoch hergehen, wie direkt vor der Bühne, denn Wacken ist am ersten August-Wochenende stets eine kollektive Partyzone, kreisende Schnapspullen und brüllend laute Beschallung aus dem Ghettoblaster inklusive. Wer da mal nachts die Orientierung verliert und am Zelt vorbei torkelt, hat eigentlich kein Problem. Sondern die Chance, ein paar neue beste Freunde zu finden. Und für Schlaf ist an diesen vier Tagen sowieso keine Zeit.

Markus und Jan sind verwirrt.  Seit einer Dreiviertelstunde stapfen sie nun schon durch die Nacht, aber ihr Igluzelt ist einfach nicht zu finden. Dabei hatten sie extra eine Totenkopffahne als Orientierung  ochgezogen. Nur, auf den Gedanken sind andere auch gekommen. Immerhin ist das hier Wacken, der Nabel der Metal- Welt. Dass ihr Lager irgendwo auf Campingplatz C liegt, wissen die beiden noch, aber ansonsten stellen die Freunde aus Hannover fest: Bei Nacht sind alle Zelte grau. Dass sie schon ein paar Liter Frischgezapftes intus haben und ihnen noch die Ohren vom Auftritt der schwedischen Death-Metaller Amon Amarth klingeln, trägt auch nicht gerade zur Problemlösung bei. Andererseits: Was heißt da Problem? Dies hier ist Holy Wacken Land, Sehnsuchtsort der weltumspannenden Metal-Gemeinde. Hier findet sich das schon. Irgendwie. Irgendwann. Auch bei 75.000 Besuchern, die sich auf gut 30.000 Zelte verteilen. Zwei Jahrzehnte zuvor gab’s diese Orientierungsprobleme noch nicht. Als Holger Hübner und Thomas Jensen 1990 mit ein paar Freunden das erste Wacken Open Air auf die Beine stellten, spielten an zwei Tagen lediglich sechs Bands, die heute fast niemand mehr kennt. 800 Besucher kamen, und die knapp 2000 Bewohner des schleswig-holsteinischen Dorfes schlossen die Haustüren doppelt ab. Auch wenn das Line-up in den nächsten Jahren etwas prominenter wurde, das Publikumsinteresse blieb überschaubar, und 1993 stand das Festival nach erheblichen Verlusten sogar auf der Kippe. Nur weil die Eltern von Hübner und Jensen für eine Finanzspritze sorgten, konnte es weitergehen, aber einigen Mitorganisatoren, die fürchteten, in Privathaftung genommen zu werden, wurde das Eisen zu heiß. Sie stiegen aus. Und schienen recht zu behalten, als im Sommer 1996 gerade mal 1000 Tickets abgesetzt worden waren. Doch dann der große Coup: Hübner und Jensen buchten in einem Akt der Verzweiflung kurzfristig die schwer angesagten Böhsen Onkelz – was ihnen 9000 zahlende Gäste bescherte. „Das war der Durchbruch“, erinnert sich Jensen, und tatsächlich ging es fortan nur noch in eine Richtung: bergauf. Motörhead, Slayer, Twisted Sister, Iron Maiden: Aus dem Zwei-Tage-Festival von Fans für Fans irgendwo in der norddeutschen Tiefebene ist ein Mega-Event geworden, zu dem nicht nur die Superstars der Szene, sondern auch mehr als 70.000 Fans aus aller Welt anreisen. 30 Prozent der Besucher,  sagt Jensen, kommen aus dem Ausland. Und für alle gilt, was Regisseur Sam Dunn in seiner Wacken-Doku „A Headbanger’s Journey“ so schön auf den Punkt bringt: „Irgendwann musst du nach Wacken!“ Deshalb sparen sie ein ganzes Jahr, all die Schweden und Finnen, die Spanier und Franzosen, die Mexikaner und Japaner, um vier Tage Ausnahmezustand zu erleben. Den ganzen Beitrag lesen »

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