Hamburger Abendblatt

Reeperbahnfestival 2011

Kreuzworträtsel vorverlegen, Feierabend

25. September 2011

20110925-041214.jpg Sacht mal, Mädels: Was schleppt Ihr eigentlich nachts so alles ab? Am Eingang zum Docks stapeln sich jedenfalls ganze Drogerie-Hochregallager voller Haarlackdosen, Deosprays, Lotionen für und gegen alles und – noch was vor heute? – Duschcremes. Was schleppen wir mit? Flaschenöffner…

Auch Brooke Fraser ist gut frisiert. Die in Australien lebende Neuseeländerin ist in heimatlichen Gefilden schon ein Multi-Platinstar, hier aber noch Geheimtipp unter vielen. Ob sie den Rest der Welt nördlich von Down Under noch erobern wird, steht in den Sternen des Südens. Das kleine, sorgsam arrangierte Popdrama beherrscht sie und gibt uns ein wenig Wärme für den Rest der Nacht mit.

Ein feines Reeperbahn-Festival 2011 verneigt sich gegenüber dem Ende. Lang ist die Liste kommender Must-see-Konzerte, der zu kaufenden Alben, der Erlebnisse und Fährnisse. New International Musik galore, darum ging es hier. Damit gehen wir.

Sind wir schon am Limit? P-O-W zum E zum R, zur Aftershow, da geht noch mehr. Wir lesen uns wieder, das nächste Hurricane-Festival kommt bestimmt. Und Wacken. Und Dockville. Und Reeperbahn-Festival. Lebt das! (tl)

Dem Auruf schließe ich mich doch gerne an. Eine schöne Festival-Saison hatten wir, haben einen Riesensack voller toller, mittelmäßiger und überschätzter Bands gesehen. Platt, wund und modderig gelaufene Füße haben uns den Spaß nicht verderben, Wetterkapriolen irgendwann kaum noch überraschen können.
Bloß eins versteh‘ ich nicht: Was soll ich mit einem Flaschenöffner?
Wozu habe ich ein Feuerzeug? (josi)

Die Geschichten spielen auf der Straße

24. September 2011

20110924-234734.jpg Gar nicht doof, die Dame und die Herren von Still In Search. Wenn eh der ganze Kiez voll mit musik-begeisterten Chaoten ist, warum nicht einfach ein bisschen Eigenwerbung machen?

Die Hamburger Band hat kurzerhand ihr gesamtes Gerümpel auf dem Bürgersteig an der Ecke Talstraße aufgebaut und gibt ein improvisiertes Open-Air-Konzert. Und das, was sich das Trio da zurechtschrammelt, klingt gar nicht übel. Besser jedenfalls als der Post-Grunge von The Duke Spirit, die mich schnell wieder aus dem Gruenspan treiben. Nach einem kurzen Schlenker zur Makrele Bar und dem Orchester Herrengraben und dem überraschenden Freiluftgig treffe ich Kollege Lange wieder, der verschwitzt und leicht zerdellt aus dem Silber kommt.

Wenn man ihn so ansieht, scheint er nicht übertrieben zu haben, als er mit großen Gesten die Vorzüge von The Sea preist. (josi)

I’ll walk a mile for a Festival

24. September 2011

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Der alte Mann und The Sea

24. September 2011

20110924-225320.jpg Beim Reeperbahn-Festival 2009 war das Londoner Duo The Sea so nett, für unser Videotagebuch exklusiv und unplugged „Two Of Us“ von den Beatles in der – ‚türlich – Beatlemania zu spielen. Anschließend zerlegten sie mit feist lautem Garagenrock den Grünen Jäger.

Dieses Jahr muss zum zehnten Geburtstag von Popup Records das Silber dran glauben, wenn es krachen soll, dass das Blut aus den Ohren spritzt. Siehe Triggerfinger am Freitag. Auch Peter und Alex von The Sea nehmen wie üblich keine Gefangenen – und wenn doch, dann um ihnen mit Drumsticks und Gitarre die Kauleiste zu richten. Da hassu! Gib mir mal ’nen Kuss! Nee, ich küsse keine Männer! Du nennst mich Penner? Tanz für mich! BAMM! (tl)

Immer weiter, immer mehr

24. September 2011

20110924-101238.jpgRein und raus, hin und her. Das Elend des Festivals ist ja, dass man auch bei größtmöglicher Eile mehr verpasst als sieht.

Trotzdem kein Grund, stehen zu bleiben. Wir verlassen die vor Kiezreisegruppen berstende Amüsiermeile, um Susanne Sundfør in der St. Pauli Kirche zu besuchen. Auf dem Weg hören wir von hinten Gepöbel: „Scheiß St. Pauli! Wo ist denn hier alles? Ich bin aus Berlin, weissu?“

Das ist ja schön für den jungen Mann, dass er die Hauptstadt verlassen hat, um Hamburg mit seiner Gegenwart zu beehren. Etwas Häme können wir uns aber nicht verkneifen: Wenn es die Berliner geschafft hätten, aus der vor sich hin siechenden Popkomm… Aber lassen wir das. Die alte Fehde zwischen Hamburg und dieser anderen Stadt ist schließlich schon oft genug thematisiert worden.

In der Kirche angekommen, sind wir beeindruckt: Selten haben Spielort und Künstlerin besser zueinander gepasst als bei Susanne Sundfør. Die elegischen Klänge der Norwegerin scheinen nicht wirklich von dieser Welt zu sein, sind jen- und diesseitig gleichermaßen. Da wird sogar dem eingefleischten Atheisten ein wenig metaphysisch ums Herz. (josi)

Was kostet ein Bier? 8000 Mark!

24. September 2011

20110924-211811.jpg Die jungen Festivalbesucher gehen schon auf dem Schlauch. Eine Gruppe Teens möchte unbedingt per Velo-Taxi zum Silber chauffiert werden. Eine großartige Idee, so an der Reeperbahn, Ecke Silbersackstraße… Eine Kreuzung weiter purzeln die Junggesellenabschiede schon busweise auf die Straße. Krawall und Remy… Remy Mart… Remmidemmi.

Wir reißen ordentlich Kilometer ab. Von Dear Reader im Gruenspan zu [ME] in der Prinzenbar. Die australischen Artrocker hatten uns auf der gestrigen Aftershow-Tanzfläche ihre Karte mit handschriftlicher Einladung in die Hand gedrückt – der Weg war nicht umsonst. Gute Band, das.

Und wieder zurück in die Große Freiheit, Nummer 36. Audiolith-Labelabend. Supershirt zerstören grundlos Kunstwerke, lassen die Beats bratzen und den Synthie stalinorgeln. Hier geht es auf zum Auftakt, es ist noch Platz. Der Mob wird zum Bär, süchtig nach Tob. Was kostet Freibier? 8000 Mark! (tl)

Nur weil es nervt, ist es noch keine Kunst

24. September 2011

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Mund zu, Ohren auf

24. September 2011

20110924-085531.jpgRatzinger – oder wem auch immer – sei Dank. Die Schlange vorm Keese ist zwar länglich, hat aber zum Glück nichts mit frühzeitiger Überfüllung zu tun. Yoav ist einfach der erste, der heute hier die Bühne erklimmt. Das Ball-Paradox-Café hatte einfach noch nicht auf.

Eine kleine Weile später ist der Laden tatsächlich gesteckt voll, ein Moderator quasselt Belanglosigkeiten vor sich hin. Jaja, wir wissen schon, dass Yoav geborener Israeli ist. Ist doch sch***egal, wo er herkommt, scheuch ihn auf die Bühne!

Einmannband 2.0. Samplen, abspielen, loopen. Was der Junge mit der Gitarre gerade spielt, was Aufnahme von vor zehn Sekunden ist, man weiß es schnell nicht mehr. Mit dem „Biest“, dem Sortiment von Gadgets, die er mit den nackten Füßen bedient, macht Yoav Dinge. Welche genau, das ist nicht so wichtig. Das Ergebnis zählt. Songwriting, Beats und Lagerfeuerstimmung fummelt er so gekonnt zusammen, dass Kinnladen immer wieder in die korrekte Position gerückt werden müssen. (josi)

Liebeslesen

24. September 2011

20110924-202107.jpg Die Hasenschaukel platzt am Sonnabend schon beim ersten Konzert aus den Nähten. Dabei ist es für das Alternative-Country-Duo This Frontier Needs Heroes aus Brooklyn noch viel zu früh. Brad Laurettis Stimme klingt schon arg übernächtigt, wie Neil Young nach – oder während – seinem ersten Vollsuff. Seine Schwester Jessica gibt dem Klang noch eine Portion melancholische Anlehnung. Zu früh!

Im Gruenspan absolviert Dear Reader aus Südafrika respektive Berlin den zweiten Reeper-Gig. Im Vergleich zum Auftritt vor zwei Jahren wirkt Sängerin Cherilyn weniger zerbrechlich und verlässt die Folk-Pop-Pfade in Richtung ambitionierter, mal filigraner und mal großformatiger Mini-Epen. Jap, der Umzug nach Berlin hat hörbare Spuren hinterlassen. Ein Hörkonzert, kein Festival-Hallogallo. Aber dafür sind ja auch andere zuständig. Audiolith, looking at you! (tl)

Fünfzehn Minuten Rum

24. September 2011

20110924-185431.jpg Mit der Zeit haben wir ein Näschen dafür entwickelt, wo es für lau Bier abzugreifen gibt. So gehen wir erneut zur Ray-Cokes-Revue ins Schmidt-Theater, weil Josi sich als Bühnen-Barmann bewerben will. Das funktioniert zwar nicht (ein Jesus ist immer schneller), aber es wird auch so eine Runde für das Publikum geworfen.

Die Gäste sind heute toll, sowohl musikalisch als auch im Gespräch mit Ray. Dikta aus Island, der in Israel geborene Fahrensmann Yoav (drei Pässe und ein Führerschein aus vier Kontinenten) und Francis International Airport aus Wien machen Spaß.

Wie immer am finalen Showtag schreiben zwei Songwriter einen Song mit Lyrics aus Publikumszurufen. Für die Aufführung wird noch ein Backgroundchor gesucht. Ray fragt Josi, aber der kneift… (tl)

Was heißt hier kneifen? Das war soziales Verantwortungsbewusstsein in höchster Vollendung! Niemand, der mich einmal hat singen hören, möchte diese Erfahrung wiederholen. Und außerdem hast Du Dich doch ganz gut gemacht auf der Bühne: „Oooo-lalaaaa…“
Das ist der Stoff, aus dem Platinplatten gepresst werden. (josi)

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