Hamburger Abendblatt

Reeperbahn-Festival

You’ll Never Walk Alone

26. September 2010

Das war es dann wohl. Inklusive Rays Show wurden mehr als 30 Bands von knapp 190 abgehakt. Einige Highlights, einige Flops.  Zumindest ist das den Aufzeichnungen zu entnehmen, die sich in den drei vergangenen Tagen angesammelt haben. Kryptische Schmierereien, von Regen und Bier verwischt. Änderungspfeile, die Diagramme ergeben oder Vektoren in der sechsten Dimension. 

Das Ergebnis eines fragilen Zeitplans. Nur eine Currywurst bei Schorsch oder ein Einlass-Stop in Moondoo und Molotow oder ein Song einer Band zuviel und alles bricht zusammen wie ein Kartenhaus. Barkasse Hedi? Verpasst. Konzerte in der St. Pauli Kirche am Pinnasberg? Verpasst! Das Arts-Programm, das Songwriter-Camp? Das 3D-Panel? Blood Red Shoes, Musée Mécanique, Hans Unstern? Verpasst, verpasst, verpasst!

Aber dafür gab es ja zahlreiche Glückstreffer. De Staat. Babylon Circus. Black Box Revelation und und und. Das Festival ist wie die Reeperbahn. Wen es in die Seitenstraßen des Programms verschlägt, der kann sowohl sein Glück als auch eine Faust ins Gesicht finden. Unberechenbare Tage zum Verlaufen, Versacken und Verlustieren.

17 000 Menschen liefen ebenfalls über den Festival-Kiez. Jeder hatte einen Plan. Und manches Ziel über Umwege erreicht. Oder überhaupt nicht. Und doch war man immer auf dem Weg, der auch 2011 weitergeht.

Mittlerweile weiß ich auch, welche britische Band aus Liverpool diesen Kiez-Mythos begründet hat, von dem alle – Medien, Macher, Musiker –  hier die ganze Zeit sprechen: Gerry & The Pacemakers! Ist doch klar! (Tino Lange)

God gave Blasmusik to you…

26. September 2010

Nach einem kurzen Abstecher in die Bunkerclubs, wo weder Superpunk noch Nils Koppruch es vermochten, mich länger zu fesseln, wage ich das Abenteuer: Mit der U-Bahn geht es zum oberen Ende der Reeperbahn, mein eigentliches Ziel aber sind die Große Freiheit und LaBrassBanda.

Der sonnabendnächtliche Spaziergang bietet die üblichen Hürden. Erlebnisorientierte Juvenile und getränkeorientierte Vereinsfeiern, wüst kostümierte Junggesellenabschiede (die mentale Strichliste vermerkt insgesamt elf) und teils ebenso abstrusen Modevorstellungen folgende Partyjünger. Vor dem Moondoo hilft nur noch der beherzte Wechsel der Straßenseite. Denn die durch Afrika Bambaataa, Islaam oder sonstwen angelockte und ob des Regens und der Angst, die Party zu verpassen langsam die Contenance verlierende Menge vor dem Laden ist einfach undurchdringlich.

Dass die Große Freiheit ebenso verstopft ist, versteht sich natürlich von selbst. Warum bin ich nicht hinten herum gegangen, ich Idiot?! Die Neongitarre kommt so langsam näher, dass ich zwischenzeitlich die Befürchtung hege, erst morgen früh anzukommen.

Dann aber habe ich es geschafft, stehe drinnen und stelle fest: Ich verstehe zwar kaum ein Wort von dem, was die barfüßigen Herren in kurzen Krachledernen da auf der Bühne von sich geben – spätestens gesungen könnte es sich bei dem merkwürdigen Idiom auch um Finnisch handeln – aber die Musik, die verstehe ich. Oder, besser gesagt: Meine Füße verstehen sie. Stillstehen ist nicht möglich, dass bajuwarische Blechbläser so viel akustischen Sexappeal ausstrahlen können, glaubt man vermutlich erst, wenn man die „Buam“ mal live erlebt hat. Crowdsurfing zu Blasmusik kennt man sonst allenfalls von den Wacken Firefighters.
(Alexander Josefowicz)

Siehst du dieses Licht?

25. September 2010

Willkommen, Festival-Höhepunkt. Im Knust spielen Black Box Revelation und uns ist das Grinsen ins Gesicht getackert. Die Jungs aus Brüssel machen einfach alles richtig, eine Wand schallt uns entgegen, hinter der sich die ganzen Szenenerds, Folk-Revivalisten und verständnissinnigen Hippieüberreste mal ganz gepflegt verstecken sollten.

Jan Paternoster und Dries Van Drijck veranstalten zu zweit einen Alarm auf der Bühne, dass man sich fragt, ob sich hinter der Bühne vielleicht noch Iggy Pop, Keith Richards und Jimmy Page verstecken. Mit einer Selbstverständlichkeit, die an Arroganz grenzt, rotzen sie einen Brocken von Konzert raus. Irgendwas muss an diesem merkwürdigen Früchtebier dran sein… (Alexander Josefowicz)

Wer den Lichtblick nicht erblickt, der blickt nicht durch

25. September 2010

Letztes Jahr versuchten die Veranstalter, die Lücke zwischen Reeperbahn und Feldstraße mit einem Sponsoren-Bühnenzelt (doof) auf dem Heiligengeistfeld und kostenlosen Rikschas (super) zu schließen. Dieses Jahr liegt zwischen den Hotspots ein langer Fußmarsch oder langes Warten an der U-Bahn.

Auf dem Weg Richtung Knust lauert das Gruenspan, in dem die Schwanzrocker Love Amongst Ruin langweilen. Nebenan im Indra sind Thee Attacks schon fertig. Aber kurz hinter der Jägerpassage (wo das berühmte Hauseingang-Foto von Mick Jagger… Keith Moon… verdammt!) liegt der Grüne Jäger, in dem die blutjungen Schrabbel-Stoner-Rocker Murmansk aus Finnland schwitzen müssen. Ein kleiner Lichtblick auf dem langen Marsch, aber noch kein großer Sprung nach vorne. (Tino Lange)

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Komm auf die dunkle Seite…

25. September 2010

Es sieht schon etwas seltsam aus, wie Nabiha und ihre Backgroundsängerin da auf der Bühne herumtanzen. Nicht ungelenk, aber halt etwas merkwürdig. Kurzes Nachdenken führt die Erkenntnis zu Tage, dass man derartige Choreografien normalerweise auf größeren Bühnen findet, wo sie von ganzen Horden unterernährter Tänzer zu industriegenormtem RnB-Pop performt werden.

Überhaupt scheint sich die junge Dänin sehr an Rihanna, Anastacia und den anderen üblichen Verdächtigen zu orientieren. Darunter leidet die Musik. Die Stücke könnten guter Pop sein, arrangierte man sie nicht gar so sehr mit dem Blick über den großen Teich. So ist’s langweilig, da sind wir uns einig.

Star-Wars-Fan Nabiha sollte sich die unsterblichen Worte Yodas zu Herzen nehmen: „Noch viel üben du musst, junger Parmesan“ (oder so ähnlich).  Kollege Lange gibt das Signal zum Aufbruch. Kaffeepause in der halboffiziellen Festivalhomebase am Hamburger Berg. Dann geht’s weiter Richtung Große Freiheit. (Alexander Josefowicz)

Nach dem Goldrausch

25. September 2010

Das Reeperbahn-Festival steht für Newcomer und Geheimtipps – die Hamburger Band Fotos ist mittlerweile weder das Eine, noch das Andere. Aber trotz drei Alben – aktuell: „Porzellan“ – geht es für die Vier einfach nicht vorwärts. Auch in der gut gefüllten Großen Freiheit 36 bleibt die Anteilnahme des Publikums trotz feiner Fotos-Songs wie „Nach dem Goldrausch“ oder „Angst“ überschaubar. Heimspiele sehen anders aus.

Noch im Goldrausch ist das Moondoo. Nachdem der Klub am Freitag auch von Festival-Bändchenträgern Eintritt für Afrika Bambaataa verlangte, herrscht am Sonnabend plötzlich Jacken-Abgabezwang und dreifache Taschenkontrolle. Allerdings ist der Andrang bei den gefälligen französischen Chanson-Poppern Féloche so groß, dass diese Idee wieder verworfen wird. Auch komisch: Das Pressezelt schließt heute schon um 20 Uhr. Scheinbar arbeitet außer uns keiner mehr…
(Tino Lange)

Überall Musik. Wirklich überall.

25. September 2010

Als ob die mehr 180 Bands noch nicht genug wären, der Kiez hält auch seine ganz eigene musikalische Unterhaltung bereit: Auf dem Weg zum Docks werde ich von einem bärtigen Mann mit Filzhut angerappt. Sein Freestyle beschreibt mich, die Umgebung und sich selbst so schön und lustig, dass ich hektisch beginne, meine Hosentaschen nach Kleingeld zu durchforsten. Wer so kreativ schnorrt, hat eigentlich mehr als nur Münzen verdient, aber eine Recording Session habe ich leider nicht in der Tasche.

Lauffaul, wie ich bin, beginne ich den Konzertabend im Docks. The Broken Beats sind heute erst aus Århus angereist, die Fahrt hat aber keine sicht- oder hörbaren Spuren hinterlassen. Kim Munk schraubt seine Stimme mühelos in Höhen, die ernsthafte Zweifel an seiner Zeugungsfähigkeit aufkommen lassen, kommt aber beruhigenderweise auch schnell wieder in normalere Regionen, bevor die Gläser in den Regalen zerbrechen.

Apropos Zerbrechen: Warum haben die Dänen eigentlich diesen Namen gewählt? Das Power-Pop-Programm (so, endlich alliterier ich auch mal in der Gegend herum) wirkt wie aus einem Guss, keinesfalls geborsten oder sonstwie kaputt. Außerdem mag ich Bands mit Bassistinnen. Und singen kann Line Hoeck auch noch. Da schleicht sich doch schon wieder gute Laune ein… (Alexander Josefowicz)

HH – Hamburg Hangover

25. September 2010

Der nachmittägliche Sonnabend hängt noch etwas in den Seilen. St. Pauli kriegt gerade die Jacke vollgehauen und auch die Branchen-Vertreter des „Reeperbahn-Campus“ wirken angeschlagen.

Ray Cokes bringt es beim Finale seiner täglichen Revue im Schmidt-Theater auf den Punkt: „Jetzt weiß ich, wofür HH steht: Hamburg Hangover“. Topfit sind allerdings seine Gäste, die Band Young Rebel Set aus Stockton On Tees. Sie sind stolz wie Oskar, dass ihre Konzerte in Deutschland stets gut gefüllt sind und die Leute artig Mitsingen. Im heimatlichen England kennt sie angeblich keine Sau, die Lage dort ist schlicht „crap“. Hier aber könne man „nach dem Gig direkt in die Peepshow stolpern, ist das nicht großartig?“

Mal sehen, wo Young Rebel Set nach dem abendlichen Auftritt im Terrace Hill aufschlägt. Die Waliser Toy Horses aus Cardiff sind auf Nachfrage von Cokes jedenfalls sehr stolz, in der Stadt spielen zu dürfen, wo auch schon diese andere britische Band in den frühen 60ern auftrat. Wie hieß sie denn noch? Rolling Stones? The Who? Ich komme noch drauf… (Tino Lange)

Mit Beats für und wider die Gesellschaft

25. September 2010

Manchmal fragt man sich, warum Audiolith-Bands überhaupt noch unter ihrem eigenen Namen auftreten. Schließlich artet fast jedes Konzert in eine Label-Party aus. So auch heute zu fortgeschrittener Stunde im Uebel & Gefährlich. Saalschutz sind angesagt, Saalschutz treten auf, aber längst nicht nur die. Egotronic, der Pandabär und Labelchef Lars Lewerenz turnen ebenfalls über die Bühne, auch die Bayern von Frittenbude wurden erfolgreich im Publikum ausgemacht. Ravepunk für eine bessere Welt? Ja, gerne.

Mit den Audiolith-Chaoten wird der Hedonismus zum Gesellschaftskonzept, die Gesellschaft zum sozialen Happening, das Clubkonzert zum politischen Event. Aber mit Spaß und ohne den erhobenen Zeigefinger, bitteschön. Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn. Obwohl der durch die Betonmauern wohl eher weniger vom Umsturz auf Beat-Ebene mitbekommt. (Alexander Josefowicz)

Willkommen bei den Sch’tis

25. September 2010

Wer den unglaublich witzigen französischen Kinofilm  „Willkommen bei den Sch’tis“ gesehen hat, der weiß, dass die Region Nord-Pas-de-Calais angeblich nicht gerade hip ist. Und doch scheint in der Hauptstadt des Départments Nord Lille so Einiges zu gehen. Zumindest das Duo Curry & Coco versetzt die aus allen Nähten platzende Prinzenbar in pure Ekstase – dazu braucht es nur Schlagzeug, Keyboard und Mikro, Abrissbirnen aus BassBassBass, Synthie-Eskapaden, 80er-Wave-Anklänge und ein gutes Stück Selbstironie.

„Im Sommer geht’s einigermaßen, da hat’s um Null Grad, aber im Winter, da wird es kälter und kälter und kälter: Minus Zehn, Zwanzig, Zwanzig, Dreißig, da bleibst du lieber im Bett, denn plötzlich sind es Minus Vierzig. Ist schließlich der Nooorden“, heißt es im Film.

Curry & Coco aber sind heiß wie eine Frittenhütte und feiern eine Party, die weitaus besser klingt als die in einer Privatwohnung gleich nebenan: Aus dem geöffneten Fenster weht „Coco Jamboo“ von Mr. President auf die Straße und nervt die Menschentraube vor der Prinzenbar. Für die, die 1996 nicht dabei waren: „Put me up, put me down! Put my feedback on the ground! Put me up, feel my heart and make me happy! Ayyayaya Coco Jamboo! Ayyayeh!“ Und jetzt alle Mitsingen!

Moment, es klingelt…  ich soll vor die Tür kommen? Baseball? Um die Uhrzeit? (Tino Lange)

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