Hamburger Abendblatt

Hurricane 2011

Morgen zusammen!

18. Juni 2011

So der Tag kann beginnen. Das Kaffeewasser kocht, das Zelt hat Regenschauer und Windböen erfolgreich überstanden, der Schädel zeigt sich von der bisherigen Getränkeauswahl gänzlich unbeeindruckt. Ein einsamer Zeltplatz-Wanderer mit Megafon fordert: „Steh auf, wenn Du am Boden liegst…“ Und der Himmel zeigt sich zwar wolkenverhangen, aber die Sonne gibt sich Mühe, Anwesenheit zu signalisieren
Der große Wetterfrosch im Himmel hat bisher überhaupt erstaunlich viel Einsehen mit der Scheeßel-Meute. Ein paar Tropfen hier und da, richtigen Niederschlag gab’s gestern aber erst nachdem die Chemical Brothers fertig damit waren, den konsensuellen „Information Overflow“ zu zelebrieren. Was eine Kollegin abfällig mit „Ich hab’s nur kurz gehört und musste an das Safri Duo denken“ abtut, war für mich ein anderthalbstündiger Trip ins Nirvana der elektronischen Tanzmusik. Mit einer Lichtshow, wegen der man Krümmel heimlich noch einmal eingeschaltet hat, um einen landesweiten Blackout zu vermeiden und Bass direkt aus dem Erdkern nieteten Tom Rowlands und Ed Simons ihrer Gemeinde das Grinsen ins Gesicht.
Ein feiner Ausklang für Tag 1. Monster Magnet, Incubus und die Kaiser Chiefs werden sich mächtig anstrengend müssen, um an das gestrige Highlight-Stakkato heranzukommen. Ich bin schon gespannt. Übrigens auch darauf, was Frittenbude 2011 mit dem weißen Zelt anstellt. Vor 364 Tagen musste wegen Massenansturm abgebrochen werden… (josi)

Ich wollte doch…

18. Juni 2011

…noch so viel mehr Bands sehen. Ganz simpler Hunger ließ mich den Großteil von Kaizers Orchestra verpassen. Na gut, mein Problem. Ich hätte ja vor- oder nachher essen können.
Aber ich kann wirklich nichts dafür, dass Jimmy Eat World spurlos an mir vorbeigegangen ist: Daran sind Elbow und Portishead schuld. Denn ich habe ganz bestimmt nicht verfügt, dass beide Bands so gut spielen sollen, dass ich mich beim besten Willen nicht losreißen kann, um die Bühne zu wechseln. Die halbe Stunde zwischen den Ellenbogen und der unendlich schönen Traurigkeit von Beth Gibbons hätte ich wohl eh für den Weg von Green zu Blue und wieder zurück benötigt: Denn es ist voll-voll-voll.
Schon am Nachmittag wälzten sich erstaunlich große Bündel Mensch übers Gelände. Und es wurden immer mehr. Die traditionellen Dauercamper, die das gesamte Wochenende auf dem Zeltplatz verbringen, sind ausgestorben. Zumindest sieht es so aus. Denn spätestens bei Arcade Fire scheinen wirklich alle da zu sein.
A propos Arcade Fire: Die haben mir Sick Of It All, die Crystal Fighters und den Rest von Suede geklaut, die Schweine. Diese genialen, faszinierenden Schweine. Ob ich es wohl wenigstens von den Chemical Brothers zu Digitalism Live schaffen werde? Vermutlich nicht. Luxusprobleme sind halt auch Probleme. (josi)

Vom Ellenbogen bis zur Hand ist es nicht weit

17. Juni 2011

Hände, überall Hände. Riesige Gliedmaßen, die sich strecken, winken und mir bedrohlich nahe kommen. Und rosa sind sie auch noch. Beziehungsweise, um mich hier nicht der sprachlichen Ungenauigkeit schuldig zu machen, magentafarben. Ein gesetzlich geschützter Farbton, um einmal ganz genau zu sein. Möglicherweise war das letzte Bier schlecht. Oder die Riesenflossen gehören doch einfach zu dem, was Elbow-Frontmann Guy Garvey „Festivalstuff“ nennt. Genau wie die Seifenblasen, selbst zusammengefummelten Getränkehalter und die trotz des langsam verblassenden Tageslichts tapfer weiter spazierengeführten Sonnenbrillen.
Aber nicht einmal telekommunikative Give-Aways und hippieske Anwandlungen können das erste Highlight des Hurricanes schmälern. Virtuos spielt Garvey auf der emotionalen Klaviatur zwischen Überschwang und Nachdenklichkeit und offenbart ganz nebenbei erstaunliche Rampensau-Qualitäten, wenn er das Publikum zu Mitmachquatsch animiert: „Let me see your hands.“
Waaah, schon wieder alles voller rosa Hände. Und jetzt sind da auch noch zwei riesige aufblasbare Figuren neben der Bühne. Gott sei Dank, sie sind blau. Sonst hätte ich auch langsam begonnen, an meiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. (josi)

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Der kleine Unterschied

17. Juni 2011

Das Hurricane ist ein Festival der Gemeinsamkeiten. Alle sehen irgendwie ähnlich aus – spätestens übermorgen, nach drei Tagen mobiler sanitärer Anlagen und zu wenig Schlaf – fühlen sich ähnlich und lassen es sich zusammen gut gehen. Doch es gibt auch kleine Unterschiede

So wie der zwischen dem Werbestand eines Sportschuhherstellers und dem der Grillbude gegenüber. Zelebriert man auf der einen Seite den urbanen „Lifestyle“ mit Halfpipe und Basketballfeld, eigenem DJ und großem Brimborium, geht es auf der anderen Seite deutlich hemdsärmeliger zu: „Manta Platte“ steht in großen Lettern über dem roten Häuschen; darunter hat der geschäftstüchtige Betreiber aus dem wenig appetitlich klingenden Ort Brakel noch „Currywurst mit Pommes und Mayo“ geschrieben. Sicher ist sicher.

Maximale Selbstversicherung, dass man zum hippen, tollen Teil der Bevölkerung gehört trifft auf das Wort gewordene Maurerdekolletee. Am Eichenring versteht man sich. Und sei es nur für ein Wochenende. (josi)

Hallo Welt!

17. Juni 2011

Was ist das denn?! Die ersten musikalischen Töne des Festivals kommen aus einer nicht genau zu ortenden Quelle auf dem Zeltplatz; und sie sind gräßlich.

Komm mit mir ins Abenteuerland…“ Pur? Hallo, geht’s noch? Ein Gutes hat die akustische Belästigung: Der Zeltaufbau ist schnell erledigt. Vom Fluchtreflex getrieben erreiche ich die Blue Stage gerade noch rechtzeitig, um zumindest die letzten beiden Songs von Yoav mitzubekommen. Und schon geht es mir besser. Der Junge mit der Gitarre und dem verwirrenden Aufbau von technischen Spielereien vor seinen Füßen sorgt für gute Stimmung. Und sonst?

Muss ja. Das Wetter hält sich noch nicht an die Tradition: Es ist angenehm warm, der Regen verzichtet bislang auf ein Gastspiel.

Dafür sind die üblichen Verdächtigen ansonsten fast vollzählig erschienen: Der Mann mit der Penismütze, die Mädels mit den Filzstift-verschmierten Armen, der grimmig dreinschauende Security-Troll und die Ordnungshüter in eng anliegendem Fahrrad-Beinkleid; der Verwirrte, der schon am Nachmittag unter akutem Verlust der Muttersprache leidet und die Planer, die – stets mit einem Auge auf dem minutiös zusammengestellten Lineup – von Bühne zu Bühne eilen. Ist es wirklich schon wieder ein Jahr her? (josi)

Die Herren des Eichenrings entfesseln den Sturm

16. Juni 2011

 

Arcade Fire

Arcade Fire

Vor einigen Jahren konkurrierten die großen deutschen Festivals darum, wer die größten Headliner auf seinem Plakat drucken konnte. Schwindelerregend hohe Gagen wurden bei diesem Überbietungswettbewerb zur Freude von Künstlern und Managern gezahlt, doch die mit Schlafsack, Zelt und Sixpacks bepackten Musikfans strömten zu Zehntausenden in die ländlichen Festivalorte, auch wenn nicht Metallica, Rammstein oder AC/DC in großen Lettern angekündigt waren. Es ist eine junge Generation von Festivalbesuchern nachgewachsen, die vor allem an einem breiten Programm interessiert ist und nicht nur an einer Band, von der sie jede CD im Schrank stehen hat. Beim Hurricane-Festival in Scheeßel ist seit zwei oder drei Jahren auffallend, wie viel Teenager-Mädchen in die Kleinstadt zwischen Hamburg und Bremen kommen. Ganze Mädchencliquen ziehen mit den Programmheftchen in der Hand über das Gelände und arbeiten minutiös zusammengestellte Auftrittspläne ab.
Auch in diesem Jahr wird es wieder zu Kollisionen kommen, wenn zum Beispiel am Sonntag die Eels und die Arctic Monkeys zur selben Zeit auf unterschiedlichen Bühnen spielen. Aber bei inzwischen vier Bühnen sind Überschneidungen unvermeidlich und fordern eine intensive Beschäftigung mit dem Programm. Mit Dave Grohls Foo Fighters gehört ein echter Headliner zum Lineup des Hurricane, doch für die Fans ist mindestens ebenso entscheidend, wer noch so auf den zwei großen und den beiden Zeltbühnen auftreten wird. Für viele Besucher ist das Hurricane wie eine Entdeckungsreise durch die Klubszene der großen Metropolen, denn hier spielt an einem Wochenende eine Reihe von Kapellen, die auf dem Sprung zu einer großen Karriere sind. Da ist zum Beispiel Friendly Fires, ein englisches Trio, das gerade im Molotow eine mitreißende Show abgeliefert hat. Oder die britischen Vaccines, die frühen Rock ’n‘ Roll mit Punk vermischen. Oder die kalifornische Post-Rock-Mädchenband Warpaint, die noch als Geheimtipp gehandelt wird. Das Lineup enthält wie jedes Jahr auch einige alte Bekannte, die schon früher auf dem Hurricane gespielt haben, was allerdings angesichts der 15. Auflage in diesem Jahr nicht überraschend ist. Die Hives, die Chemical Brothers, Gogol Bordello, die Wombats und die Kaiser Chiefs sind Beispiele dafür, jede der Gruppen steht für Livequalität.

Besonders gespannt darf man in diesem Jahr auf Arcade Fire sein. Die kanadischen Indierocker haben im vergangenen Jahr mit „The Suburbs“ eine der herausragenden Platten des Jahres veröffentlicht und sind damit zum ersten Mal in Norddeutschland zu erleben. Auch Conor Obersts Band Bright Eyes tauchte im Frühjahr mit einem neuen Album auf, die reformierten Suede sind ebenso am Start wie die Trip-Hop-Band Portishead, die an einem neuen Album arbeitet. Sehr großer Beliebtheit erfreute sich bereits 2010 die zweite Zeltbühne, in der vor allem Elektrobands auftreten wie Digitalism und Frittenbude.
Noch ein weiterer alter Bekannter hat sich für dieses Jahr angesagt, auf den jeder verzichten kann: der Regen. Die Wetteraussichten für das Wochenende prognostizieren eine Menge Schauer. Gummistiefel sollten in jedem Fall zur Ausrüstung dazugehören. (Heinrich Oehmsen)

Das Programm

Für Kurzentschlossene: Hurricane-Festival Fr-So 17.-19.6., Eichenring Scheeßel, Karten 128,25; Internet: www.hurricane.de

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