Hamburger Abendblatt

Hurricane 2010

Die Schweine von heute sind auch nur die Schinken von morgen

20. Juni 2010

Körper: „Gehirn?“

Gehirn: „Mmmh?“

Körper: „Billy Talent gestern, das war ein Fest! Die vier Jungs aus Toronto, einst Vorgruppe von Danko Jones, machten ihrem Headliner-Status am Sonnabend alle Ehre. „Red Flag“, „Fallen Leaves“ oder „Devil On My Shoulder“ wurden gefeiert wie ein WM-Titel. Auch Billy-Talent-Sänger Ben nutzte die Gunst der Stunde für ein Bekenntnis: „Kanadischer Fußball saugt, ich unterstütze Deutschland“. Ein DFB-Trikot hatte er schon mitgebracht. Aber auch ohne Schland-Bekenntnisse wäre es ein guter Gig geworden, nicht wahr?“

Gehirn: „Mmmh!“ (Tino Lange)

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Jung und abgef…, kaputt und unglücklich

19. Juni 2010

Vielleicht standen einfach zu viele Helden der 90er-Jahre auf der Hauptbühne am Hurricane-Sonnabend. Denn während bei Deftones, Skunk Anansie, Porcupine Tree und Stone Temple Pilots recht entspannte Stimmung und viele Lücken in Publikum zu beobachten waren, herrschten auf der kleinen Zeltbühne (White Stage) Krawall und Remmidemmi: Frittenbude, das Münchner Trio aus dem Hamburger Label-Hause Audiolith, sind eine der angesagtesten Bands der Stunde bei den U30-Fans. Und so drängelten sich schon vor Konzertbeginn gut 2000 ausgelassene und enthemmte Zuschauer unter dem Zeltdach, während sich vor den Eingängen Hunderte weiterere Besucher, heiß wie Frittenfett, anstellten. Frittenbude stürmte dementsprechend optimistisch auf die Bühne und ließ „Acid, Acid, Acid“ in Elektro-Punk-Form in den Mob regnen.

Ein Meer aus Armen wedelte sich Luft zu, vor dem Zelt zog Bereitschaftspolizei auf, wir reichten backstage Wasserflasche auf Wasserflasche an erschöpfte Zuschauer. „So geht das nicht, die gehören auf die Hauptbühne“, war unsere Erkenntnis. Aber da war es auch schon zu spät. Der Andrang sowohl im als auch vor dem Zelt war zu groß, die Polizei beendete das Konzert nach drei Songs.

Noch eine halbe Stunde erschallten Sprechchöre, um die Band doch noch zurück auf die Bühne zu bewegen, die aber nur noch kam, um um die Menge zu beruhigen und die Absage zu erklären. Dafür erntete Frittenbude auch noch einen Hagel aus Bierbechern, obwohl die Jungs nichts für die Situation konnten. 

„Jung und abgefuckt, kaputt und glücklich“ heißt es in einem Frittenbude-Song. Diese Situation war leider nur unglücklich. Für die Band und die Fans. Manche Bühne ist einfach zu klein für eine Band, die noch Großes vorhat. (Tino Lange)

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Harte Arbeit als Gewinn – der Komödie zweiter Teil

19. Juni 2010

Ein Kontrollbesuch beim Roadie unseres Vertrauens bringt Erfreuliches zu Tage: kein Bühnefegen mehr, ein breites Grinsen im Gesicht und Fachvokabular im Stakkatotempo: „Wir haben dann halt den Change-Over gemacht, alles was Pult war, verstaut und die Cases wieder verladen.“

Das Gespräch währt nur kurz, denn schon taucht wieder jemand auf, der nach Jans Diensten verlangt. Augenscheinlich ist unser Gewinner voll integriert und macht seine Sache gut. Dass er Spaß daran hat, dafür sprechen schon sein Gesichtsausdruck und das Leuchten in den Augen, wenn er von seinem ersten Tag als Roadie in Scheeßel erzählt. (Alexander Josefowicz)

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Der (ganz normale) Zeltplatz-Wahnsinn

19. Juni 2010

Ein Streifzug über die Zeltplätze des Festivals bringt Erstaunliches zu Tage: neben den zu erwartenden Müllhalden und einem Pfand-Gegenwert von ca. 12,85 Euro pro Quadratmeter finden sich auch Angebote, die überraschen: Ponyreiten, Kuscheln für Kostnix und Kopulationsangebote für Münzgeld.

Ansonsten viele Zeltplätze, die eher nach dem Einmarsch von Dschingis Khan als nach Camping von Teens und Twens aussehen, Flunkyball-Matches (für alle, die nicht wissen, worum sich dieses Spiel dreht, sei eine kurze Eingabe in gängige Suchmaschinen empfohlen. Oder folgende Kürzestbeschreibung: Zwei Teams, die versuchen, durch Alkoholvernichtung in Höchstgeschwindigkeit den Sieg davonzutagen), mit Klebeband zusammengehaltene Bierdosentürme und Pavillons, deren einzige Ähnlichkeit zur Verpackungsillustration in der Farbe besteht.

Ein buntes Treiben, dem man sich nur unter Verachtung sämtlicher Ratschläge von Hausarzt, Arbeitgeber und Elternteilen anschließen sollte. (Alexander Josefowicz)

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Wenn ich groß bin, möchte ich auch Spießer werden

19. Juni 2010

Irgendwo zwischen den Müllbergen auf dem Campingelände finden wir sie: Sarah, 23, hübsch, Single und aus Münster. 2005 war sie erstmals auf dem Hurricane und zählt mittlerweile zu den Veteraninnen in Scheeßel. Während ihre Ravioli auf dem Campingkocher brutzeln, feuern wir den Fragenkatalog ab.

Schnell kommen wir zu der Frage der Fragen: Ob sie denn schon  geduscht hätte. Ihre Antwort: „Auf Festivals dusche ich nie“. Alexander kann es nicht fassen: „Wie kann man sich denn nie auf Festivals duschen, das ist ja grauenhaft. Ich dusche täglich!“.

Sarah: „Spießer!“

Alexander: „Wie bitte? Spießer? Ich bin kein Spießer.“

Tino: „Doch, das bist Du. Willkommen in meiner Welt.“

(Tino Lange)

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Harte Arbeit als Gewinn – der Komödie erster Teil

19. Juni 2010

Zu – aus Festivalperspektive – nachtschlafender Zeit, nämlich um 10 Uhr morgens, ist ein Treffen mit dem Gewinner der Verlosung vom Abendblatt und Jack Daniel’s vereinbart. Für den beginnt nämlich der erste Arbeitstag als Roadie. Geschlafen hat er wenig und nicht gut, der Rücken tut weh. Ideale Bedingungen also, um Cases, Kabel und Instrumente durch die Gegend zu schleppen.

Und es geht auch gleich gut los. Denn die erste Aufgabe für Jan ist: Bühne fegen. So hat er sich das vermutlich nicht vorgestellt. Doch was sich nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahme anhört, hat einen ernsthaften Hintergrund. Wenn schwere Kisten mit Instrumenten und Ausrüstung für zigtausende von Euros über die Bühne rollen, kann schon eine herumliegende Schraube zu abrupter Bremsung und einem 250teiligen Gitarrenpuzzle führen. Die ungeliebte, aber wichtige Aufgabe hat bald ein Ende, denn schon harren LKW der Entladung.

Jetzt beginnt der Job, wie man ihn sich vorstellt: Türme von Instrumenten, Mischpulte und ominöse Kästen, deren Inhalt nur ein Soundtechniker versteht, wollen schnellstmöglich auf die Bühne gebracht werden. Mal schauen, wie sich die Stimmung im Verlauf des Nachmittags entwickelt… (Alexander Josefowicz)

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Das Fleisch war billig, nur der Geist war nicht wach

19. Juni 2010

Gehirn: „Körper, was ging gestern noch?“

Körper: „Einiges. Einiges. Paramore und Madsen rockten die Teenies in den ersten 20 Reihen vor der Green Stage im Wortsinne in Grund und Boden. Beides sind nicht unbedingt Bands, von denen man Platten braucht. Aber zu sehen, wie der von den Fans aufgewirbelte Staub gen Himmel steigt – das hatte schon was.

Das gilt natürlich auch für die Headliner des ersten Abends, die Beatsteaks aus Berlin. Aus Berlin! Schon die Ärzte fragten ja im Song „Unrockbar“: „Wie kannst Du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben?“ Ruhig sitzen blieben die Wenigsten, schon nachmittags war das Bühnengelände so voll wie noch nie. Als es dunkel wurde, ging nichts mehr. Gedrängel im Gedengel. Und was ging bei dir, Gehirn?“

Gehirn: „Ooch, ich war auf Stand-by.“  (Tino Lange)

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Analog, digital – auch egal

19. Juni 2010

Der Abend schreitet fort und man trabt von Bühne zu Bühne, um das zu tun, was 75 000 Leute und ungezählte Helfer, Organisatoren und allgemein schwer beschäftigtes Volk zusammengeführt hat: Musik zu hören. Von der Green Stage schallen besinnliche Klänge, die an grüne Wiesen, dunkles Bier und kaum verständliches Englisch denken lassen. Das Intro der „Dropkick Murphys“ ist so besinnlich, dass man sich kurz fragt, ob man versehentlich die falsche Band auf die Bühne geschickt hat. Doch dann verhallen die ruhigen Töne und es wird laut, schnell und dreckig. Die Amerikaner, die sich die Verschmelzung von Punk und Irish Folk auf die Fahnen geschrieben haben, schraddeln ihre Hits und Folk-Klassiker in mörderischem Tempo herunter.

Weil man das alles ja schon kennt, begibt man sich neugierig in Richtung White Stage, um Kap Bambino in Augen- und Ohrenschein zu nehmen – und fliegt fast wieder aus dem Zelt. Wie ein Flummi auf Koks hüpft Caroline Martial über die Bühne, schreit Texte und Anfeuerungen heraus, als ob ihr Leben davon abhinge. Dazu ein dickes Paket Beats von Orion Bouvier und das Elektro-Punk-Wurfgeschoss ist fertig. Was die Dropkick Murphys auf der Hauptbühne analog machen, wird auf der Zeltbühne ins digitale Zeitalter überführt.  (Alexander Josefowicz)

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Auf (k)ein Bier mit Danko Jones

18. Juni 2010

Das Zeltaufbauen – im Regen, wie auch sonst – und die restlichen Vorbereitungen sind beendet, die Arbeit ruft: ein Interview mit Danko Jones. Der äußerst angenehme Gesprächspartner ist ganz anders, als man erwarten würde, wenn man „nur“ seine Bühnenperformance kennt. Freundlich, höflich, wortgewandt, kaum ein Vergleich zur Rampensau mit der überlangen Zunge. Und doch sagt er, eigentlich sei er auf wie neben der Bühne der Gleiche, man müsse ihn nur besser kennen. Seine Empfehlung für das Hurricane: Porcupine Tree. Ansonsten? Nüscht.

Der Mann, der laut eigener Aussage nicht gerne in Bars geht und die Zeit zwischen Auftritten lieber zum Schreiben von Kolumnen als zum Betrinken mit Bandkollegen und Crew benutzt, wirkt so ernsthaft bei dieser Aussage, dass man ihm glaubt. Und spricht entspannt über den erst langsam wieder anwachsenden Erfolg im Heimatland der Band, Kanada. Sie seien immer dabei gewesen, hätten aber in Europa mehr Potential gesehen, sagt er. Und fügt hinzu, dass die Kanadier Danko Jones mittlerweile nicht mehr ignorieren könnten. Das liegt sicherlich zum Teil auch am Video zur neuen Single „Full Of Regret“, das mit einem echten Staraufgebot aufwartet: Lemmy von Motörhead, Mike Watts von den Stooges, Elijah Wood, hinlänglich bekannt als Frodo und, natürlich, Danko Jones.

Deren Vorgruppe waren übrigens in den Neunzigern mal „Pezz“, heute besser bekannt als „Billy Talent“. Die sind dieses Jahr auch beim Hurricane dabei, verkaufen mittlerweile aber mehr Platten als Danko Jones.  (Alexander Josefowicz)

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Auf dem Boden der Tatsachen zwischen Serbien und Scheeßel

18. Juni 2010

Während wir das Campingelände wieder verlassen, pilgert die Masse zuerst zum Public-Viewing-Bereich, der für die Übertragung der WM-Spiele eingerichtet wurde. Zehntausende fiebern mit Jogis Löwen und sind am Ende fassungslos. Aber was sind ein Grottenkick, ein blinder Schiedsrichter und ein verschossener Poldi-Elfer schon gegen die Aussicht auf drei Tage Hurricane?

Dennoch ist der Frust bei den ersten Konzerten noch spürbar. Immerhin hat Songwriter Frank Turner trotz für die zweite große Bühne eher untauglicher Folk-Songs die richtige Mischung aus Kater und Zorn in der Stimme, um seinen Gig nicht in der Resignation der Fans untergehen zu lassen. Gegenüber auf der Green Stage toben schon die ersten Pogo-Kreisel zum Punk von Hot Water Music. Wir sind zurück auf dem Boden der Tatsachen. Und dieser Boden besteht aus Stoppelfeld-Halmen, Sand, Rindenmulch und Staub, der sich schon am ersten Abend mit gelegentlichem Nieselregen vermischt.

(Tino Lange)

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