Hamburger Abendblatt

Harbourfront

Kollektives Lesen ist ein Ereignis

20. September 2010

Von Thomas André

Klaus-Michael Kühne ist, jetzt im zweiten Jahr, ein Mann der Literatur: Sein Geld holt renommierte Autoren nach Hamburg. Es ist gut angelegt, denn das Harbour Front Festival entwickelt sich ganz prächtig, und so dürfte der nicht unbedingt anspruchslose Mäzen mit der Verpflichtung des früheren Ringers John Irving deutlich zufriedener sein als mit der mancher Fußballer, die der HSV mithilfe der Spediteursmillionen nach Hamburg transferierte.
20000 Zuhörer kamen zum zweiten Literaturfest am Hafen – 4000 mehr als 2009. Das Programm war gut, wartete mit literarischen Größen wie Michael Kleeberg und Joshua Ferris auf, ohne auf Publikumsmagneten aus dem leichten Fach wie Ildikó von Kürthy zu verzichten. Literatur, die privateste aller Künste, kann auch im Kollektiv ein Ereignis sein.
Trotzdem ist das Festival von privaten Geldgebern abhängig, und dass die ihr Engagement automatisch fortsetzen, ist nicht gesagt. Ein Sponsor wie Kühne bleibt nur gebefreudig, wenn auch die Kommune mit im Boot ist. Angesichts neuerlicher Sparüberlegungen ist das nicht gesagt. Wer über Generalintendanten im Theater nachdenkt, will vielleicht auch irgendwann Lese-Festivals aus dem Etat streichen. Hamburg hat zwei davon, eines im Frühjahr, eines im Herbst: die Vattenfall Lesetage und Harbour Front. Sie sind beide zu Recht etabliert. Der neue Kultursenator behauptet beruhigenderweise, ein Leser zu sein. Na also.

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Schmutz und Schmerzen

16. September 2010

Dass Philipp Meyers erstes Buch „gräßlich“ war und das zweite sich „zwischen mittelmäßig und schlecht“ bewegte, mag man für „fishing for compliments“ halten, aber es stimmt. Vor „Rost“ hat er vergeblich versucht, als Autor Fuß zu fassen, musste lernen, dass das Schreiben kein genialisches Vom-Himmel-Fallen eines fertigen Meisterwerks ist, sondern harte Arbeit. Die sich jetzt auszahlt.

Ob der Autor selbst auf Englisch liest oder Tom Schilling die Übersetzung von Frank Heibert, man wird sofort in die Szenen gezogen. Die inneren Monologe von Isaac und Poe wirken nicht gestellt, sie lassen einen Blick in den Kopf der Protagonisten zu, der Leser erlebt eine Welt, die genau so brüchig und angeschlagen ist wie die Psyche der Charaktere, die sie durchwandern. Pennsylvania ist weitab vom Glitzerbild, dass die Stereotypen prägt, dreckig, schmutzig, vor Problemen überquellend.

Meyer wählte die Gegend bewusst, auch die Entfernung von seiner Heimatstadt Baltimore ist kein Zufall. Autobiografische Anteile seien schwierig für ihn, einfacher wäre es gewesen, als Beobachter Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, ein für den Leser schlüssiges Bild zu schaffen, die Wahrheit zu erzählen. Wahrheit ist Meyer wichtig: Obwohl ihm klar war, dass die Entscheidung, den wirklich „unverdünnt bösen“ – wie Moderator Heibert es formuliert – Charakteren eine andere Hautfarbe zu geben, zu negativen Reaktionen führen würde, fühlte er sich der unbequemen Wahrheit verpflichtet. Er erklärt, dass in den Gefängnissen der USA ungeschriebene Gesetze der „Rassentrennung“ herrschen, deren Übertretung gefährlich ist. Der ungeschminkte Blick auf die Schattenseiten des Lands der unbekannten Möglichkeiten schmerzt beizeiten, aber er lohnt sich. (Alexander Josefowicz)

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Quer durch alle Problemfelder

16. September 2010

Auch, wenn man nicht wüsste, dass heute in der Fischauktionshalle ein ehemaliger Bundesminister liest, es gibt einige untrügliche Anzeichen: Im Saal bewegen sich einige auffällig unauffällige Anzugträger mit Knopf im Ohr, die Begrüßung übernimmt nicht irgendwer, sondern gleich der Chef der Buchhandelskette, die beim Harbour Front allgegenwärtig ist und vor dem Saal verteilen zwei Männer Flugblätter. Auf dem „Faktenblatt“, dass sie Interessierten wie Desinteressierten überreichen, legen sie dar, dass am 11. September kein terroristischer Anschlag auf die USA verübt wurde. Ob die beiden Clowns wohl für ihr Unterhaltungsprogramm bezahlt werden?

Als Peer Steinbrück dann auftritt, macht er einen gut gelaunten Eintrag. Verständlich, denn ihm sitzt ein wohlwollendes Publikum gegenüber. Der Saal ist gut gefüllt, die Sitzplätze vollständig besetzt und als Miriam Meckel, Steinbrücks Gesprächspartnerin, das Wort „Kanzlerkandidat“ in den Mund nimmt, brandet spontaner Applaus auf. Davon will er nichts wissen, und er braucht auch keine wohlklingenden Stichwörter.

Mit seinen Äußerungen sorgt er immer wieder für Lacher, Applaus und zustimmendes Gemurmel. Ob er dem Vorsitzenden der FDP einen „gewissen Bedeutungsüberschuss“ attestiert, „linke oder rechte Spinner“ als allenfalls nachrangige Gefährdung für die Gesellschaft wahrnimmt oder dem Journalismus einen wachsenden Machthunger und die „Inszenierung“ von Politik unterstellt, Widerspruch muss der SPDler nicht fürchten. Das muss schön sein, einmal ohne ständige Rechtfertigung seine Meinung kundtun zu können. (Alexander Josefowicz)

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Musiker, bleib bei deinen Noten

16. September 2010

Was ist das denn? Iggy Pop darf sich in seine Hose laminieren lassen und mit freiem Oberkörper über die Bühne toben. Aber der Gitarrist, den sich Claude-Oliver Rudolph für die Lesung aus der Iggy-Pop-Biografie mitgebracht hat, wirkt optisch eher wie die schlimmstmögliche Mischung aus Kid Rock und einem goldenen Kondom. Und warum ein Schauspieler, auf dessen Konto auch mehrere Hörbücher gehen, den Vortragsstil eines gelangweilten Elftklässlers kopiert, ist mir auch nicht ganz klar. War er beleidigt, weil lediglich 50 Menschen am Mittwoch in der Markthalle erschienen sind? Oder liegt es an der dräuenden Erkältung, ausgelöst durch die bis zum Bauchnabel geöffnete Sweat-Jacke?

Leider entschädigen auch die anderen Neu-Literaten nur bedingt für den Auftritt von Rudolph. Schade, eigentlich, denn Joachim Seidel macht einen wirklich sympathischen Eindruck. Der Ex-Punk ist launig, verteilt Bier ans Publikum und besitzt eine Glitzergitarre. So jemandem kann man fast nicht böse sein. Aber „Himbeer Toni“ ist einfach kein gutes Buch, und Seidel kein guter Vorleser. Auch seine neueste Idee, tote Rockstars beim Saufen im Himmel zu beobachten, hakt gewaltig. Naja, es kommen ja noch mehr literaturaffine Musikschaffende.

Der nächste auf der Bühne ist Produzent Robin Felder und ich bin mir nicht ganz sicher, ob der hektische Stakkato-Rhythmus, mit dem er aus „Der Unsympath“ vorträgt charakterlich bedingt ist oder ein Stilmittel sein soll. Sein Protagonist erfüllt den Anspruch des Titels jedenfalls ganz hervorragend, mehr macht er aber auch nicht. Ich fühle mich an Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ erinnert, bloß ohne die Aspekte, die den hurenmordenden Yuppie interessant machten. Aber vielleicht sind Gesellschaftskritik und Bestialitäten ja irgendwo anders im Buch versteckt, dass Felder wahrscheinlich komplett durchgefräst hätte, hätte er nur zwei Stunden mehr Zeit gehabt.

Weiter geht’s mit dem lustigen Reigen. Martell Beigang betritt die Bühne, seinen Kollegen Tim Talent im Schlepptau, der den Drummer musikalisch und deklamatorisch unterstützt. Beides ist ganz hübsch anzuhören, Beigang hat sich von Ben, dem frustrierten Bassisten aus „Unverarschbar“ inspirieren lassen und greift neuerdings zum 4-Saiter. Solider Rock, dazu eine leidlich interessante Geschichte.

Lichtblick des Abends ist Elektropionier und Ex-Kraftwerk-ler Wolfgang Flür. Seine „Rheinland-Groteske“ rund um ein Ehepaar  ist wirklich angenehm abstrus und wird – nicht ganz unwichtig für eine Lesung – ansprechend vorgetragen. Ach ja, Samy Deluxe war auch da, hatte aber laut eigener Aussage keine große Lust, vorzulesen. Hätte er nicht erwähnen müssen, das hörte man auch so. (Alexander Josefowicz)

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Sowas…

15. September 2010

Da ist man einmal vernünftig und versucht, zu einer halbwegs sinnvollen Zeit ins Bett zu gehen. Und darf am nächsten Tag feststellen, dass Julian Dawson drei der liebreizenden Organisatorinnen des Festivals nach seiner Lesung ein kleines Privatkonzert auf der Cap San Diego gegeben hat. Der Mann kann also nicht nur über Musiker schreiben, sondern auch selbst eine kleine Melodei zum besten geben.

Wenn ich mich dann später zum Boot schleppe, ist garantiert überhaupt nix Spannendes los…
(Alexander Josefowicz)

Man munkelt…

14. September 2010

Wer in der Salon-Bar die Ohren aufsperrt, erfährt Interessantes. Wenn am Mittwoch in der Markthalle bei den Literatönen Literatur auf Musik trifft, bekommt man mehr, als das Programm verrät: Neben Kraftwerk-Gründungsmitglied Wolfgang Flür, Musiker Martell Beigang, Schauspieler Claude-Oliver Rudolph und Produzent Robin Felder wird auch Rapper Samy Deluxe auf die Bühne treten, um zu beweisen, dass er auch jenseits des Stakkatotaktes seiner Raps mit Worten umzugehen vermag. Aber psst… (Alexander Josefowicz)

Doch nicht ganz so wie in der Volkshochschule

14. September 2010

Harry Rowohlt kann nicht einfach nur vorlesen. Ohne skurrile kleine Geschichten, Zwischenrufe und Erklärungen zu seinem Berufsstand kommt er nicht aus; Publikum und Ken Bruen danken es ihm: „Thank god for Harry, he makes me sound intelligent.“ Auf der Bühne des St. Pauli-Theaters lesen Autor und Übersetzer aus den Krimis um den irischen Privatermittler Jack Taylor, der raucht, säuft und flucht. Parallelen zu Rowohlt drängen sich auf oder zumindest zu dessen früheren Auftritten. Seit 2007 muss das „Schausaufen mit Betonung“ ohne große Mengen irischen Whiskeys und französischer Zigaretten auskommen. Das nimmt der Veranstaltung zwar den Reiz des Verruchten, nicht aber den Spaß. Selbst Ken Bruen fängt immer wieder an zu lachen, obwohl laut eigener Aussage kein Wort von dem stehe, was der Mensch gewordene Brummbär von sich gibt.

Der wiederum erklärt den Zuschauern, dass er nicht dafür bezahlt würde, Sandwich mit Sandwich zu übersetzen, „sondern mit Klappstulle“, zieht aus dem unvermeidlichen Jute-Büddel (mit „Lindenstraße“-Logo) große Mengen an Zetteln und beginnt vorzutragen. „Erst lese ich eine Stelle auf Deutsch vor, dann liest Ken die gleiche Stelle auf Englisch vor. Das wird ein bisschen wie in der Volkshochschule, aber so ist es geplant.“

Kommen wird es anders. Während Rowohlt in seinen Notizen blättert und die vom Verlag ausgewählten Textstellen aus verschiedenen Jack-Taylor-Krimis zu Gehör bringt, beschränkt sich Bruen auf den ersten Band „The Guards“ (zu deutsch: Jack Taylor fliegt raus). Man erfährt im Laufe des bilingualen Vorlese-Erlebnisses einiges über Irland, so wie der Autor es sieht. Der Niedergang der Pub-Kultur, angetrunkene Polizisten und den stetig grummelnden, betrunkenen Jack. Und über Hamburg: Laut Rowohlt sei das St.-Pauli-Theater die einzige Bühne, auf der der „Faust“ je ein Happy End gehabt habe. Das Kiez-Publikum forderte bei einer Aufführung in grauer Vorzeit lautstark „Heiraten, Heiraten!“ und aus Angst um das Gestühl habe man der Forderung nachgegeben und Faust um Gretchens Hand anhalten lassen. Geschichtlein wie diese entschädigen auch für das Gekrakel, die die beiden bei der Signierstunde in den Büchern hinterlassen. „Für leserliche Autogramme wende man sich an Uns Uwe Seeler, der macht das richtig schön konzentriert, mit Zunge raus.“ Danke für diese Information, Herr Rowohlt. (Alexander Josefowicz)

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Die andere Seite des Tresens

12. September 2010

Wenn Jon Flemming Olsen die Geschichte von Hannes, dem stillen Gast in „Ludes Imbiss“ fünfhundert Meter vor der dänischen Grenze vorliest, wird es still im Imperial Theater. Denn der „Fritten-Humboldt“ ist zwar über weite Strecken komisch, aber kein reiner Klamauk, er porträtiert – um eine Formulierung bei Dittsche zu entleihen – das wirklich wahre Leben. Und so gesellen sich zu haarsträubend komischen Geschichten von übereifrigen saarländischen Imbissbetreibern und durch den Autoren verwechselten Wochentagen ein ehemaliger KZ-Häftling, der auf der Mundharonika „Lili Marleen“ intoniert, streitende Ehepaare und der Ekel vor fremden Essensresten.

Olsen schafft nicht nur den Spagat zwischen Menschelndem, Rührendem und Lustigem, er trägt seine Beobachtungen auch noch sehr unterhaltsam vor. Die Auswertung von fast 150 Stunden Originaltönen aus 16 Bundesländern hat sich gelohnt: Zumindest für das norddeutsche Ohr klingt Olsens Version des Saar-Platts sehr überzeugend. Wie viel Däne in ihm steckt, weiß man zwar immer noch nicht, aber immerhin hat man einem längeren Exkurs zur Familiengeschichte von Olsens Mutter lauschen dürfen. Denn Jon bringt sonst wieder alles durcheinander und verwechselt Nord- und Ostfriesland. (Alexander Josefowicz)

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Einmal Pommes Schranke und einen Regenschirm, bitte!

12. September 2010

Das Wetter lädt eigentlich nicht zum Ausgehen ein. Bindfadenregen, wirklich warm ist es auch nicht mehr, auf dem Spielbudenplatz sitzt ein einsamer Gitarrenspieler und spielt vor rapide weniger werdendem Publikum. Fast schon deprimierend, die Stimmung.

Doch der Ausblick auf eine literarische Führung durch die Pommesbuden der Republik lässt Vorfreude entstehen, auf die nächste Portion goldgelber fettiger Kartoffelstifte und auf das gemütliche Plüschambiente des Imperial Theaters. Es ist angerichtet, wohl bekomm’s!
(Alexander Josefowicz)

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Applaus für den Literatur-Kritiker

12. September 2010

Warum beklatscht man einen Autoren von Weltruf, wenn der einige Brösel Deutsch in seinen Redefluss einstreut? Es klingt ja durchaus charmant, wenn John Irving von einem „Straßenplan“ spricht, der jedem Roman zugrunde liegt. Aber applauswürdig? Nun ja.

Interessanter sind doch die Teile seiner Lebensgeschichte, die er erzählt. Vom Aufwachsen in einem Theater (seine Mutter war Souffleuse), von seiner literarischen Sozialisation mit Hawthorne, Dickens, Sophokles, Shakespeare und Melville. Wenn er davon spricht, dass moderne Literatur die falschen Vorbilder, zu wenig auf Handlung setzt, dann beginnt man, sich neugierig nach vorn zu lehnen. Folgt auf Irvings Theorie, es gäbe zu viele Hemingway-Imitatoren und zu wenige Dickens-Nachahmer vielleicht eine Diskussion über Literaturbegriffe, über Schönheit, Wahrheit, Kunst? Nein, leider nicht. Denn Familie Lebert möchte lieber wissen, welches Essen man zum ersten Date servieren sollte oder wie man den Baum im heimischen Garten fällt.

Die eigentliche Lesung entschädigt für die wenig kreativen Fragen, die Vater und Sohn an Irving stellen. Im sprachlichen Wechsel von Englisch zu Deutsch lesen Irving und Schauspieler Stephan Benson, die Textstellen sind schön gewählt und sorgen bei den Gästen, die noch nicht am Twisted River waren, sicherlich für Neugier. Dass Irving gerne auch laut vorliest, hört man. Zwar kann er nicht ganz mit Benson konkurrieren, aber es macht durchaus Spaß, dem Geschichtenerzähler zuzuhören. (Alexander Josefowicz)

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