Hamburger Abendblatt

Filmfest 2011

„My Perestroika“: Klassentreffen in Moskau

4. Oktober 2011

"My Perestroika", Doku von Robin Hessman „Ich muss kotzen, wenn ich mir Putin anhöre. Aber wissen Sie was? Früher, zu Breschnew-Zeiten, musste ich nicht nur kotzen, da wollte ich am liebsten tot sein, wenn die Generäle und Parteibonzen geredet haben.“ So ungefähr geht das Schlusswort des Geschichtslehrers Borya in Robin Hessmans sehenswerter Doku „My Perestroika“ (läuft noch am Mittwoch, 5.10., um 21.30 Uhr im B-Movie).
Borya ist einer von fünf alten Schulfreunden, die die amerikanische Filmemacherin und Russlandkennerin Robin Hessman in Moskau über eine längere Zeit mit der Kamera begleitet hat – drei Männer, zwei Frauen. Sie sind Kinder der 70er-Jahre, aufgewachsen im Kalten Krieg und erwachsen geworden in den späten 80ern, als Gorbatschow und Boris Jeltsin die Sowjetunion mit Perestroika und Glasnost umkrempelten. Hoch spannend zu sehen, wie unbeschwert alle fünf ihre Kindheit erinnern, wie wenig die Komsomolzen-Indoktrination sie verbiegen konnte, ja, wie bevorzugt sie sich als Kinder fühlten gegenüber den Menschen im Westen. Umso größer die geistige Initialzündung, als die meisten von ihnen feststellen mussten, wie weit politische Doktrin und Realität auseinanderklafften.
In „My Perestroika“ wird nicht etwa eine vermeintlich sonnige Vergangenheit nur mit Worten heraufbeschworen, hier wird sie gezeigt. Hessman bekam viel privates Super-8- und frühes Video-Filmmaterial von damals zur Verfügung gestellt. So sehen wir die Protagonisten als glückliche Kinder im Schnee oder fröhlich am 1. September, an dem in der UdSSR wie im heutigen Russland für alle nach dem Sommer die Schule wieder beginnt; später als coole Halbwüchsige.
Und heute? Borya und seine Frau Lyuba sind kettenrauchende Lehrer geworden, klassische Intellektuelle, denen nur mal jemand sagen muss, dass die chronisch verqualmte Wohnungsluft für ihren Sohn Mark kaum das Gelbe vom Ei ist. Andrei preist seine Unabhängigkeit. Er hat sich als Franchise-Nehmer eines französischen Hemdenfabrikanten vornehm in der postsowjetischen Gesellschaft eingerichtet, ohne deshalb zum angepassten Systemgewinnler geworden zu sein. Nur der früheren Klassenschönheit Olga hat das Schicksal übel mitgespielt. Sie lebt unter ziemlich prekären Verhältnissen. Und Ruslan, einst Mitbegründer der populären Punkband Naiv, macht immer noch Musik und leidet unter dem Ausverkauf von Idealen und Ideen. Er war vor Jahren aus der Band ausgestiegen, weil er es verlogen fand, wie ihr Sänger abends von der Bühne gegen die Banken anschrie, um tagsüber selbst als braver Angestellter mit weißem Hemd in einer Bank zu arbeiten.
„My Perestroika“ zeigt, wieviel Sowjet-Geist sich unter Putin und Medwejew schon wieder mehltauartig über Russland gelegt hat. Wir wissen das zwar, aus der Zeitung und von Fernsehberichten etwa über den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja oder über den Schau-Prozess gegen Chodorkowski. Doch die politische Klimaveränderung aus der Binnenperspektive dieser Leute zu sehen, das bleibt woanders im Gehirn hängen. (TRS)

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Soderbergh-Thriller fiel durch

4. Oktober 2011

Der Beifall im mit 1000 Zuschauern fast ausverkauften Cinemaxx fiel verhalten aus. Mit Steven Soderberghs neuem Film „Contagion“ hatte das Filmfest einen Blockbuster im Programm, der in den USA nach drei Wochen schon die Produktionskosten von 60 Millionen Dollar wieder eingespielt hat. Und der hochkarätig besetzt ist: Matt Damon, Marion Cotillard, Kate Winslet, Laurence Fishburne, Gwyneth Paltrow, Elliot Gould und Jude Law lautet die beeindruckende Besetzungsliste.

Doch Soderberghs Epidemie-Thriller ist nur bedingt spannend. Die Menschen sterben zu Millionen auf der ganzen Erde, die soziale Ordnung gerät aus den Fugen, aber die Katastrophe berührt den Zuschauer nicht wirklich. Die verschiedenen Handlungsstränge, über die ganze Welt verteilt, bleiben Stückwerk.

Besonders unsäglich ist die Performance von Jude Law als mahnendem Wissenschaftsblogger. Wie so oft in jüngster Zeit überzieht Law seine Rolle und wirkt mit seinem eitlen Spiel wie in Fremdkörper innerhalb des Ensembles. Oder sollte er komisch wirken? Auch das hat dann leider nicht hingehauen. Es gibt nur einen guten Satz in „Contagion“ und der wird Law um die Ohren gehauen: „Du bist kein Journalist. Du bist bloß Blogger, das ist wie Graffiti mit Satzzeichen.“ (oeh)

 

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Wenn Sprachen verschmelzen

3. Oktober 2011

Das Schöne an einem internationalen Filmfest ist, dass es schnell zur Normalität wird, viele unterschiedliche Sprachen zu hören. Untertitel lesen zu müssen, um den Inhalt verstehen zu können – diese Tätigkeit ist einem höchstens die ersten paar Minuten eines Films bewusst. Dann verschmelzen die fremden Laute mit den Worten der eigenen Muttersprache.

Am nächsten Morgen, nach einem langen Filmfestsonntag, schwirren die Klänge der Sprachen dann  alle im Kopf umeinander. Das afrikanisch eingefärbte Französisch, das dunkel  aus den Kehlen der Immigranten fließt in der Dokumentation „Paris Paradise“. Die vielen munteren bis hysterischen Ü-Laute, die die liebeskranken Frauen in der belgischen Komödie „Madly In Love“ ausstoßen. Und die kratzenden Konsonanten der dänischen Kleinkriminellen in „All For One“.

Die Bilder zu diesen Tönen sprechen oft ohnehin für sich. Aber all die Sprachen, sie nehmen einen mit auf die Reise. (bir)

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Kino-Enthusiasmus macht einsam, aber glücklich

3. Oktober 2011

1.15 Uhr. Schnell noch den zweiten Blogeintrag vom Tage posten  und dann ist ein langer Filmfest-Tag  zu Ende. Mit fünf außergewöhnlichen und unterschiedlichen Filmen, mit neuen Inspirationen und Anregungen und einer Menge Weisheiten. Aber auch mit wenig zu essen und noch weniger Kontakten zu anderen Menschen. Zu großer Kino-Enthusiasmus kann auch einsam machen.

Der Sonntagvormittag geht los wie der Sonnabend geendet hatte: mit einem Hirntumor. Absolut tödlich, Lebenserwartung nur wenige Monate. Was  Andreas Dresen in „Halt auf freier Strecke“ als halbdokumentarische Bestandsaufnahme des Sterbens innerhalb der Familie zeigt, ist bei Gus Van Sant die Romanze zwischen einem todgeweihten Mädchen und einem suizidgefährdeten Jungen.  Enoch (Henry Hopper), der seine Eltern bei einem Autounfall verloren hat und selbst monatelang im Koma gelegen hat,  möchte Annabel (Mia Wasikowska) beim Sterben helfen, doch er verliebt sich in sie und erfährt zum zweiten Mal in seinem Leben einen tiefen Verlust. Van Sant erzählt diese Geschichte ohne Sentimentalitäten, dafür mit viel schwarzem Humor.  Der Film hat mich tief beeindruckt, und ich bin froh, dass die Sonne scheint, als ich das Abaton verlasse („Restless“ am 4.10., 19 Uhr, Abaton und 8.10., 22.30 Uhr, Cinemaxx).

Schnell nach Hause, den Blog von der Douglas-Sirk-Preisverleihung schreiben, ein paar Frikadellen und einen Pfirsich  als Frühstück- und Mittagersatz reindrücken und dann wieder zurück ins Abaton zu „UFO In Her Eyes“ von Xiaolu Guo, deren Erstling „She, A Chinese“ mir vor zwei Jahren sehr gefallen hat.  Ganz schön, mal eine Komödie zu sehen, in der die Regisseurin die Probleme des modernen China messerscharf aufs Korn nimmt: Umweltverschmutzung, Drangsalierung der Bevölkerung durch die Kommunistische Partei, unsinnige Großprojekte, Raubbau an der Natur. Dazu spielt eine Blaskapelle die „Internationale“ so falsch wie eine Horde besoffener Feuerwehrleute (läuft am 6.10, 21.30 Uhr, Abaton und 8.10., 22 Uhr Cinemaxx).

Schnell mit dem Bus ins Cinemaxx, denn dort läuft „Holidays By The Sea“ von Pascal Rabaté.  Die Komödie des ehemaligen Comic-Autors kommt ohne Dialoge aus, so wie die Filme seines Landsmanns Jacques Tati. Doch Rabaté sieht sich eher in der Tradition des wortkargen Finnen Kaurismäki. „Mich interessiert nicht so sehr Tatis nostalgischer Blick, sondern das Sandkorn, das die Maschine zum Stoppen bringt“, erzählt er dem Publikum.  Sein herrlicher Urlaubsfilm beschreibt so unterschiedliche Unbill wie den ungleichen Kampf zwischen zwölf Windstärken und einem Fünf-Mann-Zelt, die Rettung eines davon geflogenen Drachens aus einem Nudisten-Camp und die missliche Lage eines gefesselten Sadomasochisten, dem die Domina  mit den Handschellenschlüsseln abhaut (7.10., 19 Uhr, Abaton).

Beschwingt geht es wieder zurück ins Abaton. Eine Stunde Pause liegt vor mir. Schnell die aktuellen Bundesliga-Ergebnisse und ein paar Mails gescheckt. Nächster Programmpunkt ist Charlotte Rampling. Oder soll ich  die Doku auslassen und zwischendurch schreiben? Hunger und Durst stellen sich ein. Der Kollege Behrens rät mir zu „The Look“. Als müssen ein Glas Weißwein und drei Schokoladen-Happen (leider zartbitter) im Festivalzentrum auf dem Allende-Platz reichen. Nach 90 Minuten weiß ich, dass es eine gute Entscheidung war, denn Angelina Maccarones Porträt der englischen Schauspielerin ist umwerfend. In Charlotte Rampling paart sich Schönheit mit Weisheit und Sinnlichkeit und das alles völlig unprätentiös. Nach Ende des Filmfests werde ich wohl ein paar Rampling-Filme nachholen müssen, denn ich bin zum Spät-Fan geworden.

Die Fragen & Antworten, auch in Hamburg im internationalen Sprachgebrauch Q & A genannt (question & answer), mit Maccarone verpasse ich, denn für meinen letzten Film des Tages muss ich wieder ins Cinemaxx.

Dort läuft „Restoration“, ein israelischer Film von Joseph Madmony, der beim Sundance Festival den Preis für das beste Drehbuch erhalten hat.  „Restoration“ erzählt die Geschichte eines von der Pleite bedrohten Möbelrestaurateurs in Tel Aviv. Sein Partner ist gestorben, der Betrieb hoch verschuldet, sein Sohn verweigert Hilfe. Die könnte von einem jungen Mann namens Anton kommen, der im Lager ein Steinway-Klavier aus dem Jahr 1882 entdeckt. 100.000 Dollar würde der Verkauf bringen, wenn man es wieder aufmöbelt. Nur widerwillig lässt sich Yaakov Fidelman auf den Plan ein, doch das Feuer des jungen Mannes steckt ihn an. Bis der alte Grantler merkt, dass er mitten in einem Konflikt zwischen seinem leiblichen Sohn Noah und seinem spirituellen Sohn Anton steht. Madmonys bewegende Familiengeschichte läuft noch einmal am 4.10. um 21.15 Uhr im Cinemaxx.

Ein toller Kinotag ist zu Ende. Sechs weitere liegen noch vor mir. (oeh)

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Skandinavische Schummelkönige

2. Oktober 2011

Der dänische Regisseur Rasmus Heide versteht was vom Durchschummeln. Nicht nur, dass er in seiner kalauernden Kleinganovenkomödie „All For One“ vier Freunde aus Kindertagen in eine „Ocean’s Eleven“-artige Handlung verstrickt. Eine Sequenz seines Films,  die im Hamburger Hafen spielen soll, hat er einfach in Aarhus gedreht. War billiger.

Vermutlich kam es ebenfalls günstiger, dass Mick Ogendahl nicht nur die Rolle des freundlichen Proleten Ralf gespielt, sondern  auch direkt noch das Drehbuch geschrieben hat. „Und ich hatte kein Bodydouble“, betonte Ogendahl angesichts einer Szene, in der er mit seinen blanken Pobacken einen Kugelschreiber halten muss.

Die Fragen der Zuschauer im Metropolis-Kino beantworteten Ogendahl und Heide am Sonntagabend teils in ihrer Muttersprache Dänisch, teils in gebrochenem Deutsch. Das war bei Ogendahl zwar mitunter schwer zu verstehen, klang aber äußerst amüsant. Es muss ja nicht immer alles konkret und zielführend sein. Das ist zumindest auch Heides Philosophie für seine Protagonisten, die am Ende wieder ohne Geld dastehen.

„All For One“ sei auch eine Hommage an die dänischen Kriminalkomödien um die Olsen-Bande, erklärte Heide. Auch diese Herren waren ja bekanntlich Meister des Durchschummelns. (bir)

 

 

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Gegen die Banalisierung des Films

2. Oktober 2011

Am Freitagabend hatte sie noch den „Faust“-Marathon im Thalia-Theater absolviert, am Sonnabend saß Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler  schon wieder im Cinemaxx bei der Verleihung des Douglas-Sirk-Preises an Andreas Dresen und Peter Rommel.  Nur für ein Grußwort bat Festivalchef Albert Wiederspiel sie auf die Bühne, doch dieses Grußwort entpuppte sich als eine tiefe und kenntnisreiche Auseinandersetzung mit dem Werk  Andreas Dresens, der Filme wie „Die Polizistin“, „Nachtgestalten“ und „Wolke 9“ gedreht hat. Die eigentliche Laudatio hielt später Joachim Gauck, führender Mitgestalter der deutschen Wiedervereinigung, ebenfalls mit einer sehr klugen Rede. Gauck lobte Dresens Film über das Sterben eines Mannes und dessen Auswirkungen auf seine Familie als ein „Hoffungszeichen gegen die Banalisierung des Films“.

Schön zu hören war auch, dass Barbara Kisseler mehr Mut von Produzenten und  Regisseuren bei der Auswahl und der Umsetzung ihrer Themen forderte und von den Fernsehanstalten, für herausragende Filme wie Dresens „Halt auf freier Strecke“ vernünftige Sendeplätze zu finden.

Andreas Dresen ist der erste deutsche Regisseur, der den Douglas-Sirk-Preis verliehen bekommen hat. Die Reihe der Preisträger ist mit Namen wie Clint Eastwood, Wong Kar-Wai, Atom Egoyan und Jodie Foster hochkarätig. Mit Dresens Freund und Filmpartner Peter Rommel wurde zum ersten Mal überhaupt ein Produzent in Hamburg ausgezeichnet.

Zu diesem gelungenen Abend mit einem überragenden Film trug auch das Rahmenprogramm bei – beileibe keine Selbstverständlichkeit.  Gabriela Maria Schmeide, die „Polizistin“ aus Dresens gleichnamigen Film und Ensemblemitglied am Thalia-Theater, sang ebenso für Dresen und Rommel wie auch Gisbert zu Knyphausen, dessen Song „Sommertag“ im Soundtrack von „Halt auf freier Strecke“ zu hören ist.  Sein optimistisches Lied passte  zum positiven Ende eines eergreifenden Flms über das Sterben und den Tod. (oeh)

 

 

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Stütz-Bier für Andreas Dresen

2. Oktober 2011

Regisseure sehen ihre eigenen Filme im Kino nicht so gern noch einmal im Kino an, wenn sie vorher Wochen oder Monate im Schnitt und in der Postproduktion gesessen haben. Das war auch beim Douglas-Sirk-Preisträger Andreas Dresen nicht anders. Der brauchte erst einmal ein Stütz-Bier, als die Zuschauer im Cinemaxx sich „Halt auf freier Strecke ansahen. „Ich komme gerade von einem völlig anderen Planeten“, sagte Dresen. Er steckt gerade mitten in den Proben zu „Die Hochzeit des Figaro“. Er inszeniert den Mozart-Klassiker an der Potsdamer Winteroper. Premiere ist am 4. November. (vob)

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Eitel Sonnenschein

1. Oktober 2011

Der gefährlichste Feind des Kinos ist die Sonne. Sollte man meinen, noch dazu bei diesem unfassbaren Geschenk von einem Nachsommer, dessen jahreszeitlicher Vorgänger mit der Sonne so geizig war. Aber sind die Hamburger Filmfest-Kinos deswegen leer? Nö. Selbst die Vorstellungen für die Akkreditierten zur schönsten Zeit des Tages sind gut besucht. Und so weit ich’s überblicke, leiden auch die Abendvorstellungen trotz heftiger Grill- und Balkonparty-Konkurrenz nicht an Publikumsschwund.

PS: Olaf Scholz war heute schon wieder im Kino, bei „Halt auf freier Strecke“, Andreas Dresens Großtat von einem Film. (TRS)

Von Mode auf der Straße – und im Kino

1. Oktober 2011

Als Filmfest-Besucher möchte man natürlich nicht allzu stumpf interpretieren, dass gewisse Themen ein bestimmtes Publikum anziehen. Aber am Nachmittag des Sonnabends waren im Passage-Kino in der Innenstadt schon einige auffällig gut gekleidete Gäste zu sehen. Männer in Hemden oder gar Anzug, mit kantigen Brillen und adrettem Scheitel. Die Frauen in bunten Kleidern, Blusen, Faltenröcken, die Haare glatt frisiert oder toupiert. Immerhin galt es, in „Bill Cunningham New York“ ein Urgestein der Modefotografie bei der Arbeit zu beobachten.
Regisseur Richard Press zeichnet das Bild eines passionierten, bescheidenen Mannes, der demokratisch sowohl die Society als auch Straßen-Couture ablichtet. Zehn Jahre hat Press für seine Dokumentation gebraucht – acht um Cunningham zu überreden, zwei um zu drehen.
Die sommerlichen Temperaturen in der City zu verlassen, hat sich jedenfalls gelohnt. Allein die extravagante Garderobe, die da ein nepalesischer Diplomat in New York zur Schau stellt, ließ das Publikum Tränen lachen. (bir)

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Freigeist unter Hausarrest

1. Oktober 2011

Was für eine Durchhaltekraft, was für ein Galgenhumor! Jafar Panahi, der zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufsverbot verurteilte iranische Regisseur, dreht während seines Hausarrests einen Dokumentarfilm mit sich selbst als unfreiwilligem Hauptdarsteller: „This Is Not A Film“ nennen er und der befreundete Dokumentarfilmer Mojtaba Mirtahmasb die extemporierte Bestandsaufnahme eines Lebens in der luxuriösen Gefangenschaft der eigenen, weitläufigen Wohnung in Tehran. Der Titel lässt an René Magrittes surrealistisches Pfeifenbild „Ceci n’est pas une pipe“ denken. Aber er enthält auch etwas von Davids List gegen Goliath: Okay, wenn ihr mir das Fimemachen verbietet, dann mache ich eben keinen Film ­– und sage das ganz unmissverständlich auch gleich im Titel dieses Films, den ich nicht mache.

Wie Panahi auf seinem schönen Perserteppich im Wohnzimmer mit Kreppband den Spielraum eines Films über ein eingesperrtes Mädchen markiert, den er nicht drehen durfte: das zeigt mit erschütternder Wahrhaftigkeit, wie alternativlos das Filmemachen für jemanden ist, der Filme macht – gerade so wie die Musik für einen Musiker, dem man seine Instrumente wegnimmt. Die Fantasie bleibt, das Handwerk, die Sicht auf die Welt – nur der Transmissionsriemen fehlt. „If we could tell a film why make a film“, sagt Panahi in einem abrupten Moment tiefer Resignation, als ihm klar wird, dass Worte und ein vorgelesenes Drehbuch niemals die Atmosphäre und die Zwischentöne des wirklichen Films rüberbringen können. Die emotionale Gewalt im Film geht eben von den Bildern aus.

Bei aller Künstler-Monomanie – Panahi zieht jeden Beteiligten ziemlich vollständig in seinen eigenen, ja nur räumlich peinvoll eingeschränkten Kosmos hinein – ist sein Lebenszeichen auch ein Lehrstück übers Filmemachen selbst, ein bei aller Absurdität der Umstände großartiges Making of von etwas, das nicht gemacht werden durfte.

Und wenn man den schweigsamen, zutraulichen Leguan der Familie Panahi sieht, wie er unglaublich elegant durchs Bücherregal steigt, dann möchte man sofort auch so ein tolles Haustier haben. (Zu sehen beim Filmfest am Sonntag, 2. Oktober, 21.15 Uhr im Cinemaxx und am Sonnabend, 8. Oktober, 17.00 Uhr, im Metropolis.)  (TRS)

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