Hamburger Abendblatt

Filmfest 2010

Ausgezeichnet – und ohne Job

5. Oktober 2010

„Ich glaube, heute sind 90 Prozent aller Hamburger Jungschauspieler hier“, kommt eine Stimme aus dem Hintergrund. Und tatsächlich hatten die Organisatoren der European Film Promotion nicht annähernd mit einem solchen Andrang beim Werkstattgespräch „Tales From The Casting Couch“ gerechnet. Mehr als 200 Interessierte dürften es sein, die sich in der Zentrale des Thalia-Theaters drängen, und sie werden ihr Kommen nicht bereuen. Hochkarätig die Besetzung: Die Schauspieler Agata Buzek und Georg Friedrich sind ebenso da wie die Regiseure Pia Marais und Stephan Wagner, für besondere Innenansichten garantieren die Casting Directors Simone Bär und Suse Marquardt.

Stellt Pia Marais, die beim Filmfest ihren zweiten Film „Im Alter von Ellen“ zeigt, zunächst noch fest, dass Regisseure aus finanziellen Gründen häufig gezwungen sind, auf Casting Agenturen zu verzichten, wird doch schnell klar, welchen Vorteil die professionelle Besetzung von Filmen bietet. Diese Agenturen seien für ihn eine Mischung aus Luxus und Notwendigkeit, erklärt Stephan Wagner, der vor allem für das Fernsehen arbeitet. Sie böten ihm eine Art Rückzugsraum und garantierten eine Schutzschicht bei der Auseinandersetzung mit Senderverantwortlichen.

Dass manche Rollen sich ohne die Mitwirkung einer Casting Agentur gar nicht besetzen lassen, wird klar, als Suse Marquardt von ihrem jüngsten Projekt erzählt. Gesucht wird ein 17-jähriger Osteuropäer, der Gitarre spielt wie einst Jimi Hendrix und auch noch perfekt Schlittschuh laufen kann. Da wäre jeder Regisseur, der auf eigene Faust auf die Suche geht, natürlich völlig überfordert.

Auch um die Schauspieler und ihre Erfahrungen mit Casting-Situationen geht es an diesem frühen Abend. Schnelles Fazit:  Große Erwartungen darf niemand haben, der zu einem Casting kommt.  Hingehen, seine Arbeit tun und gleich wieder vergessen, sei die einzige Art, sich nicht völlig verrückt zu machen und permanent auf einen Anruf zu warten, erzählen Agata Buzek („Valerie“) und Georg Friedrich („Hundstage“) übereinstimmend. Gefragt, ob ihr die Auszeichnung als „Shooting Star 2010“ beruflich geholfen habe, fügt Buzek hinzu, sie habe sich zwar gefreut, im Anschluss aber eher weniger Jobs gehabt. Vielleicht, weil Regisseure glauben, sie sei nun zu teuer oder habe keine Termine mehr frei, niemand weiß es so genau. Da erinnert vieles an Sibel Kekilli, die ja bei der Verleihung des Filmpreises geradezu um neue Jobs gebettelt hatte, und sich wohl in einer ähnlichen Situation befindet.

Im letzten Teil der Veranstaltung kommen dann auch hoffnungsvolle Nachwuchsschauspieler zu Wort, die ganz konkrete Fragen haben. Kann ich einfach bei einer Casting-Agentur anrufen oder gar vorbei schauen? Muss ich wirklich ein Video haben? Wie mache ich am besten auf mich aufmerksam? Welche Rolle spielt E-Casting im Internet? Die Antworten sind vielfältig, in einem Punkt aber eindeutig. Wer etwas werden will, muss viel einsetzen, seinen Internet-Auftritt immer auf dem neuesten Stand halten, ein qualitativ hochwertiges Video oder zumindest ein gefilmtes Interview vorweisen können ­und auf dem schmalen Grat zwischen Interesse wecken und Jetzt-doch-mal-nerven wandeln.

Eine hoch interessante Podiumsdiskussion und hoffentlich der Auftakt zu ähnlichen Veranstaltungen beim nächsten Filmfest.

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Halb Löffel, halb Gabel, ganz großartig

4. Oktober 2010

„Haben die sich beim Kuss geweigert oder hat denen das Vergnügen gemacht?“, will da ein Junge von Regisseur J. B. Ghuman Jr. wissen. Und genau solche Fragen sind der Grund, weshalb jedem Filmfest-Besucher mindestens eine Vorführung des Kinder- und Jugend-Filmfests „Michel“ verordnet werden sollte. Für das eigene Wohlbefinden. Für das Kind in uns. Und weil im Publikumsgespräch essentielle Fragen gestellt werden. Solche nämlich, die sich die Erwachsenen oft nicht  mehr zu fragen trauen. Oder die den Großen schlichtweg nicht einfallen. Zum Beispiel, ob der ausgestopfte Hund, den die Hauptfigur  auf Rädern hinter sich her zieht, denn ein echter ausgestopfter Hund ist. Oder ob „Spork“, Held des gleichnamigen Jugendfilms, denn nun ein Mädchen oder ein Junge oder beides sei.

Tatsächlich erzählt J. B. Ghuman Jr. von einem so genannten Hermaphroditen, Zwitter oder intersexuellen Menschen. Wie das englische Kombi-Besteck Spork (aus Spoon für Löffel und Fork für Gabel) ist die 14-jährige Heldin eine Mischung beider Geschlechter. Und für ihr biologisches Dasein jenseits der Norm muss sie in der Schule reichlich Häme einstecken. Doch als sich Spork zur Wehr setzt, findet sie neue Freunde und gewinnt mit Hilfe ihrer breakdancenden Nachbarin an Selbstvertrauen. „Jeder kommt in seinem Leben an einen Punkt, wo man rausfinden muss, wer man ist“, erklärt Ghuman Jr. seinen jungen Zuschauern im Cinemaxx. „Die Story von Spork steckt in jedem von uns.“

Und diese Außenseiter-Story, sie klingt, als hätte sie zum rührseligen Betroffenheitskino verkitscht werden können. Doch dem amerikanischen Regisseur, der „Spork“ in nur 18 Tagen drehte, ist ein poetisches und herrlich schrulliges Stück Nerd-Teen-Kino gelungen. Und auch die Sprache ist alles andere als pädagogisch weich gespült, was der Erfahrungswelt vieler Jugendlicher wohl auch eher entspricht als hyperkorrekte Wortwahl. Da wird ein beherztes „bitch“ von der Live-Sprecherin im Kinosaal mal als „Schwester“, „Biest“, „Schlampe“ oder „Miststück“ übersetzt.

„Warum sind manche der Wolken am Himmel denn gemalt?“, erkundigt sich ein Kind später noch. Und der Filmemacher antwortet: „Weil ich zeigen wollte, dass Spork in einer Hyperrealität lebt.“ Die Fantasie, sie ist so selbstverständlich wie das vermeintlich Normale. So einfach ist das. Und so gut. (Mitarbeit: bir)

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Ein Trip ohne Drogen

4. Oktober 2010

Einen Konzertfilm zu drehen ist eine schwierige Angelegenheit. Jedenfalls wenn es ein guter sein soll. Einer, der nicht bloß das Geschehen auf der Bühne abbildet, sondern ein Gefühl transportiert. Das Gefühl, selbst dabei zu sein und in Sphären gehoben zu werden, die nichts weniger sind als spirituell durchwirkt. Ein Trip ohne Drogen sozusagen. „This Movie Is Broken“ von Bruce McDonald ist so ein Film.

Im ausverkauften B-Movie sorgt schon der vorangestellte Kurzfilm, das Musikvideo „Kaffee und Kippen“ mit Menschen, die als Zigarettenstummel oder Tassen durchs Bild tanzen, für Stimmung, bevor McDonald uns nach Toronto entführt. In die Heimat der Band Broken Social Scene. Deren Konzert im Harbourfront Center ist Hintergrund (nein, eigentlich viel mehr als das) einer romantischen Liebesgeschichte, die an Richard Linklaters „Before Sunrise“/„Before Sunset“ erinnert und mit einem  offenen Ende verzaubert. Unvorhersehbar und irgendwie organisch sei diese Band, heißt es an einer Stelle im Film, und das trifft es genau. Auch wenn mehr als ein Dutzend Musiker auf der Bühne stehen, fällt alles an den richtigen Stellen ineinander und ist das Ganze tatsächlich viel mehr als die Summe seiner Teile. Sehr schön illustriert an einer Stelle, als Emily Haines singt und vor ihr die Hände der anderen Musiker zu sehen sind, gen Himmel gereckt wie bei einem Gospel-Gottesdienst. Ein Film, der wie auf Wolken durch’s frühherbstliche Hamburg schweben lässt.

Zum Beispiel ins Cinemaxx, wo der grüne Teppich an diesem Sonntagabend für Udo Lindenberg ausgerollt wird. Der Mann mit Hut und Sonnenbrille ist zur Premiere der Dokumentation „Die Akte Linderberg: Udo und die DDR“ gekommen, die Reinhold Beckmann und Falko Korth gedreht haben. Für Beckmann eine Herzensangelegenheit, war er doch 1983 aus Kameraassistent dabei, als Panik Udo im Rahmen eines FDJ-Friedenskonzerts im Palast der Republik auftrat. Die Hintergründe, vor allem die Angst der SED-Spitze vor Lindenberg und seiner Wirkung aus die DDR-Jugend, beleuchtet dieser Film, in dem auch zahlreiche ehemalige Parteikader, darunter Egon Krenz zu Wort kommen. Viel Beifall für dieses sehenswerte Erinnerungsstück.

Da ist Musik drin

3. Oktober 2010

Na, wer wird denn da Müdigkeit vortäuschen? „Ich bin gerade so eben mal ausgeschlafen“, sagt eine Frau, die um kurz nach 14 Uhr am grünen Teppich vorm Cinemaxx noch eine Zigarette raucht. Und ein Mitvierziger im Kinosaal erzählt seinem Sitznachbarn: „Ich bin ganz schön geschafft. Ich war heute früh schon beim Kinderfilmfest.“ Doch die Cineasten, sie müssen und wollen noch weiter aushalten. Immerhin ist noch nicht einmal Halbzeit beim Filmfest. Und für die Produktion von Wüste Film, die am Sonntag zu bester Brunchzeit gezeigt wird, hat sich der Weg zum Dammtor allemal gelohnt.

„Etwas Besseres als den Tod“ erzählt die Geschichte des alternden Schlagerstars Alexander (Peter Lohmeyer), der nach einem Herzinfarkt sein Gedächtnis verloren hat und in einer Reha-Klinik („Was’n das hier für’n Scheißhotel? Noch nicht mal ne Minibar!“) seine Erinnerung zusammen kratzt. Mit seinem Klinikkollegen, dem Pianisten Heinrich (ein wunderbar warmherzig blickender Paul Kuhn), gründet er im Musiktherapieraum eine Jazzband und findet so zurück ins Leben.

Der Cast in diesem Film aus der Reihe „Fernsehen im Kino“ hat wahrhaft überzeugt. Der eigentliche Hauptdarsteller ist jedoch  die Musik, die unter anderem von dem Hamburger Songschreiber Bernd Begemann und Paul Kuhn einfühlsam arrangiert wurde.

Nach dem Film holt Regisseurin Nicole Weegmann dann stolz ihr Team vor die Leinwand, bis drei Dutzend Menschen eifrig beklatscht werden. Ein besonders rührender Moment: Paul Kuhn erhält Standing Ovations, als Lohmeyer ihn nach vorne führt. Der 82-jährige Entertainer strahlt wie aus dem Ei gepellt im Anzug samt seiner markanten gelben Brille. Eine Kondition, von der sich so mancher Filmfest-Besucher eine Scheibe abschneiden kann. (Mitarbeit: bir)

Man mag gar nicht hinsehen…

3. Oktober 2010

Ein Mann, vollgestopft mit Stimulanzien für Zuchtbullen, stürzt sich auf eine angekettete nackte Frau und köpft sie während des brutalen Geschlechtsakts mit einer Machete. Ein blutiger Säugling wird direkt nach seiner Geburt vergewaltigt ­ – im Beisein seiner vermutlich unter Drogeneinfluss lächelnden Mutter.  Ein Mann, das Gesicht bereits ein Breiklumpen,  stirbt durch die Penetrierung seiner linken Augenhöhle.

Man mag kaum schreiben und schon gar nicht sehen, was der serbische Regisseur Srdan Spasojevic dem Publikum mit „A Serbian Film“ zumutet. Ganz gewiss  ist dieser Film auf legalem Wege an Härte nicht mehr zu überbieten, wofür auch die heftigen Diskussionen in einschlägigen Internetforen sprechen. Allerdings: Das Gros der Diskutierenden hat nur Trailer, aber nicht den kompletten Film gesehen, da er nur auf wenigen Festivals lief, lediglich in Serbien einen Verleih gefunden hat und auch (noch) nicht auf DVD erhältlich ist. Er habe den Film beim Filmfest in Novisad entdeckt und halte es für wichtig, ihn in Hamburg ungeschnitten zu zeigen, erklärt Festivalleiter Albert Wiederspiel vor der Vorführung im Metropolis, und der extra angereiste Regisseur sekundiert, „A Serbian Film“ sei nicht etwa Schock um des Schocks willen, sondern „eine Metapher für das Leben in unserer Region“. Ob die circa 150 Zuschauer, zu schätzungsweise 80 Prozent Männer zwischen 20 und 30, gekommen sind, um sich mit den Gräueltaten während des Balkankriegs zu beschäftigen, ist indes fraglich. Vielen dürfte es eher darum gehen, den  härtesten Film des Genres mit eigenen Augen zu sehen.

Was sie zu sehen bekommen, ist zunächst einmal die Geschichte eines ehemaligen Pornostars, der sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat und mit Sohn und Frau in einer Kleinfamilienidylle lebt. Einziges Problem: das zurückgelegte Geld wird langsam knapp. Der Hauptgrund, warum Milos, so der Name des Vorzeigestechers, die höchst lukrative Hauptrolle in einer Art Avantgarde-Porno des undurchschaubaren, dämonisch anmutenden Regisseurs Vukmir annimmt. Warum es in dem Film genau geht, will Vukmir nicht sagen, Milos solle sich überraschen lassen und „einfach er selbst sein“. Als am ersten Drehtag in  einem verlassenen Waisenheim eine Frau von Vukmirs Gehilfen brutal geschlagen wird und ein minderjähriges Mädchen auftaucht, versucht  Milos aus dem Projekt auszusteigen ­– nur um Tage später blutüberströmt in seinem Bett zu erwachen. Was in der Zwischenzeit passiert ist, rekonstruiert er mit Hilfe gefundener Videotapes. Was die zeigen? Siehe oben…

Einige Zuschauer verlassen den Saal vorzeitig, andere halten sich bei den extremsten Szenen die Hände vor das Gesicht, doch der große Skandal bleibt aus. Niemand protestiert oder ruft gar die Polizei. Wohl auch, weil Regisseur Spasojevic, der eher wie der nette junge Mann von nebenan wirkt, denn wie ein Gewaltfetischist, sich bemüht hat, deutliche Bezüge zum Balkankonflikt einzubauen. So erinnert beispielsweise die Figur des Vukmir überdeutlich an den Kriegsverbrecher Radovan Karadzic.

Mag sein, dass Spasojevic mit „A Serbian Film“ einen gesellschaftspolitischen  Kommentar abliefern will, doch seine Botschaft ertrinkt in den Strömen von Blut, wird völlig zugekleistert von den Bildern des Schreckens, die immer wieder eine perverse Schaulust provozieren und wie Muskelprotzerei aus der Abteilung „Wetten, das haltet ihr nicht mehr aus?“ wirken. Dampframme statt Florett: Das ist keine große Kunst, sondern schlicht die einfachste Art, sich aus der Affäre zu ziehen.

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Eine Feier des Lebens – noch ohne Verleih

3. Oktober 2010

Das Thema ist von aktueller Brisanz. Frankreich hat im August 200 Roma aus Osteuropa ohne Prüfung des Einzelfalls ins Ungewisse zurückgeschickt und jetzt eine Klage der EU wegen Diskriminierung am Hals. Von einer solchen mit verheerenden Folgen erzählt auch „Korkoro“, am Sonnabend im Abaton.

Korkoro, das bedeutet in der Roma-Sprache Freiheit. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film die Geschichte einer Familie, die in einem Dorf in Frankreich zur Zeit des Kollaboration, also des Vichy-Regimes von Maréchal Pétain, in die Wirren des Zweiten Weltkrieges gerät. Laut Dekret wird fahrendes Volk zur Sesshaftigkeit verdammt. Die Familie hat Glück, in ihrem Dorf auf einen aufrechten Bürgermeister (Marc Lavoine) und eine  Lehrerin (Marie Josée Croze), die heimlich im Widerstand arbeitet, zu treffen. Mit ihrer Hilfe kommen die Roma sogar aus einem Auffanglager wieder heraus. Doch am Ende wird die Sehnsucht, weiterzureisen ihnen zum Verhängnis und auch ihre Helfer geraten in Not. „Das ist keine französische Komödie“, leitet Regisseur Tony Gatlif, selbst Roma, den Film ein. Er sei aber als Feier des Lebens gemeint. Der Film zeigt naturgemäß äußerst menschenverachtende, unbegreifliche Momente. Aber er zeigt eben auch die Hilfe durch Einzelne, die Lebensfreude und Naturnähe der Roma ohne allzu romantisierende Klischees. Die Mitglieder der Roma-Familie lieben ihr Vagabundenleben. Schulen kennen sie nicht. Der Bevölkerung stehen sie freundlich bis schalkhaft gegenüber und, ja, sie sind wild, sie machen auch mal Blödsinn. Lassen ein Waschbecken überlaufen, um das Wasser zu befreien, stehlen einen Stempel und haben panische Angst vor Geistern, weshalb sie es in festen Häusern nicht aushalten. „Die Situation der Roma in Europa werde immer dramatischer“, sagt Gatlif. Die Anzeichen seien genau die gleichen, wie damals. Es ist ein guter, herausragend gespielter und ein wichtiger Film. Noch hat er in Deutschland keinen Verleih.  (Mitarbeit: asti)

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Musikalisches Erdbeerfest

3. Oktober 2010

„Hamburg? Humbug!“, sagt Tante Mimi zu dem jungen John Lennon. Bei dieser Szene des Films „Nowhere Boy“ geht ein Kichern durch den großen Saal des Cinemaxx am Dammtor. Denn die Hamburger, sie wissen es besser. In ihrer Stadt startete der Mann aus Liverpool mit den Beatles vor 50 Jahren seine unvergleichliche Weltkarriere. Und anlässlich des Jubiläums hat das Filmfest zum cineastischen Tag rund um die Fab Four geladen.
Das Motto der Reihe, „Strawberry Fields“, verkörpert vor dem Kino eine der stadtbekannten Verkaufsstand-Erdbeeren, in der aber statt frisch Gepflücktem nun die Gästeliste ausliegt. Doch das rote Häuschen soll nur die erste Einstimmung sein.
Bevor das Publikum die Geschichte um die Jugendjahre Lennons erleben darf, die Regiedebütantin Sam Taylor-Wood in der gesamten Gefühlspalette von traurig bis witzig erzählt, spielt die Duncan Townsend Band  im Saal auf. Auch Townsend sei nach Hamburg gekommen, um hier sein künstlerisches Glück zu finden, erklärt Moderation Julia Westlake (gewohnt charmant und lässig). Und der Brite zeigt sich mit lockiger Tolle, Hemd, enger Jeans und Stiefeletten ganz im Stil des großen Idols. Die eigenen Popsongs der Kombo klingen herrlich leicht. Und die Beatles-Stücke geraten angenehm dreckig. Bei „Lady Madonna“ lassen sich die Hamburger sogar zu leichtem Mitklatschen bewegen.  „Das war super“, lobt Westlake. „Ich glaube, wir können später alle mal sagen: Ich habe die damals schon beim Filmfest gesehen!“ Hamburg? Kein Humbug.  (Mitarbeit: bir)

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Von Hark bis Henna: Hamburg begeistert

3. Oktober 2010

„Ich hatte gewettet, dass nicht mehr als fünf Leute hier sind und bin total überrascht, wie viele sich noch an meinen Film erinnern“, freut sich Hark Bohm m Samstagabend im 3001. Gemeinsam mit seiner Frau Natalia Bowakow ist der Regisseur gekommen, um „Yasemin“ vorzustellen. 1988 gedreht, erzählt der Film die Geschichte einer deutsch-türkischen Liebe mit Hindernissen und ist dabei – Stichwort Integrationsdebatte – von ungeheurer Aktualität. In Nebenrollen: Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, doch besonders im Gedächtnis bleibt eine der schönsten Liebesszenen mindestens der deutschen Filmgeschichte: der Kuss von Uwe Bohm und Ayse Romey durch die geschlossene Fensterscheibe. Das romantisch-offene Ende würde er heute nicht mehr so drehen, erklärt Bohm. Und überhaupt betrachte er viele seiner Filme im Nachgang ziemlich kritisch. Was im Fall von „Yasemin“ aber völlig unnötig ist, denn dieses wunderbare Liebesdrama hat auch nach 22 Jahren nichts von seiner Kraft verloren.

Schön wäre es, die ganze Nacht im 3001 zu verbringen, wo in einer 24-Stunden-Rolle herausragende Filme laufen, die in den vergangenen 30 Jahren von der Hamburger Filmförderung unterstützt wurden, doch natürlich gibt es am späteren Sonnabend noch einen echten Pflichttermin: die Hamburg-Premiere von Henna Peschels neuem Film „Pete The Heat“. Mit riesigem Einsatz hatte der No-Budget-Regisseur die Schanze mit seinen Filmplakaten zugepflastert – erfolgreich, denn vor dem Cinemaxx 1 drängen sich schon weit vor 22 Uhr die Massen. Wer geglaubt hatte, der große Saal mit seinen 1001 Plätzen sei mehr als eine Nummer zu groß für diese Hamburger Actionkomödie um einen sympathischen Loser, der vom Neustart auf einer Karibikinsel träumt, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Partystimmung schon vor dem Film, Live-Musikeinlagen, darunter die neue Hamburg-Hymne „Mein Eldorado, mein Untergang“ – es ist ein großer Spaß. Auch die Vorstellung der ca. 20 Darsteller und Crewmitglieder nach der bejubelten, von Szenenapplaus unterbrochenen Vorführung, ist ausgesprochen unterhaltsam und hat die größtmögliche Anekdotendichte. Diese Nacht wird Henna Peschel nicht vergessen, und diesen Erfolg hat er sich der Film-Fanatiker auch verdient. Fragt sich nur, wo sein nächster Film gezeigt werden soll, jetzt, wo selbst das Cinemaxx für ihn schon fast zu klein ist.

Pfiffe für den Kultursenator

2. Oktober 2010

Wow, was für ein Abend. Und was für ein Preisträger! Im lilafarbenen Pyjama gibt sich der amerikanische Malerfürst und Filmemacher Julian Schnabel die Ehre beim Hamburger Filmfest; den diesjährigen Douglas-Sirk-Preis soll er erhalten. Der Künstler, der seinen aktuellen Film „Miral“ vorstellt, präsentiert sich ausgesprochen zum Plaudern aufgelegt. Hamburg sei ihm ein Begriff und er wisse, wer Douglas Sirk sei, so Schnabel und bedankt sich mit warmen Worten für den Preis, als sei es der Oscar oder doch mindestens die Goldene Palme. Das ganze Cinemaxx 1 jubelt ihm zu.
Zuvor hat der Universitätsprofessor und Experte für moderne Malerei, Walter Grasskamp den Preisträger als eine Ausnahmeerscheinung betitelt, die das Versprechen eingelöst habe, dass ein Künstler nicht lebenslänglich an die Gattung gebunden bleiben müsse, mit der er berühmt geworden sei. Grasskamp lobt Schnabels Feingefühl: „An dem Film „Basquiat“ finde ich besonders überzeugend, wie selten er seinen Helden beim Malen zeigt. Es ist nämlich schwierig, wenn nicht unmöglich und manchmal sogar richtig peinlich, Maler bei der Arbeit zu filmen – und erst recht Schauspieler, die Maler spielen.“
Peinlich wird es im Anschluss für einen anderen Redner. Wütende Buh’s und laute Pfiffe tönen durch den Saal als Kultursenator Reinhard Stuth ans Mikrofon eilt. Seine lustlose und von jedem Esprit befreite Rede erntet Kommentare. „Das haben wir eben schon besser gehört“, brüllt es aus dem Saal. „Fast Forward!“ Stuth referiert gegen das Buh- und Pfeifkonzert in Wikipedia-Manier Inhalte aus Schnabel-Filmen an, die befürchten lassen, dass er noch keinen von ihnen gesehen hat. Oder er ergeht sich in Allgemeinplätzen wie „Freier Geist kann Berge versetzen, auch wenn die Umstände widrig sind.“ Ach so. „Was hat er denn so schlimmes getan, das er so unrühmlich empfangen wird“, fragt der sichtlich verstörte Schnabel. „Naja, er hat ja wahrscheinlich ein paar Jahre Zeit, das wieder gut zumachen.“
Höchste Zeit sich der großen Weltpolitik zuzuwenden, die Schnabel in seinem Film „Miral“ nach der in Buchform gebrachten Lebensgeschichte von Rula Jebreal verfilmt hat. Die wächst teilweise bei ihrem fürsorglichen Vater und in einem Heim auf, wo sie das Wunder der Bildung erfährt. Als die Situation zwischen Israelis und Palästinensern zur Intifada eskaliert, gerät sie zwischen die Fronten. Der Film zeigt Momente von großer humanistischer Tiefe und äußert eine Friedenshoffnung, die am Ende wohl jeden ergreift. Leider hat Schnabel, dessen Stärke eher das Visuelle und nicht die Handlung ist, ihn an vielen Stellen unnötig mit schmalziger Musik verkitscht. Jebreal, im Film dargestellt von der bildschönen Inderin Freida Pinto, erweist sich in der Realität im bodenlangen Abendkleid nicht hässlicher. Wen wundert es, dass die redegewandte Autorin inzwischen Schnabels Lebensgefährtin ist. Sie zitiert Victor Hugo: „Öffne eine Schule und Du schließt ein Gefängnis.“
Mit einer guten und einer gemischten Nachricht für Hamburgs gebeuteltes Kulturleben klingt der Abend aus: Er werde nun ein paar Jahre keine Filme mehr drehen, sondern sich wieder verstärkt der Malerei zuwenden, sagt Schnabel. Und er wolle in Hamburg eine Ausstellung zeigen. Es fehle nur noch das passende Museum oder ein sonstiger Ort. „Altonaer Museum“ schallt es ihm da wie aus einem Mund entgegen.  (Mitarbeit: asti)

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Viele Dänen – und ein Norweger

2. Oktober 2010

Auf Spurensuche begaben sich Filmemacher am Freitag in einer gut besuchten Diskussionsrunde im Restaurant Mazza. Auf Einladung des Media Desk Deutschland versuchten sie das „Geheimnis“ des Erfolgs der dänischen Kinofilme der vergangenen Jahre zu ergründen. Unter der Leitung des Neumünsteraner Drehbuchautors Arne Sommer diskutierten sein dänischer Kollege Tobias Lindholm und die Produzentin Vinka Wiedemann.

Die Filmausbildung ist im kleinen Dänemark zentral organisiert, es gibt nur eine Filmhochschule, die aber hohe Ansprüche an die Studierenden stellt. „Man fühlt sich geehrt, aber auch verängstigt, wenn man aufgenommen wird“, so Lindholm, der gerade ein Drehbuch für seinen Landsmann Thomas Vinterberg („Das Fest“) schreibt. Das führe aber auch dazu, dass die Studierenden eng zusammenhielten. Es gehe dort sehr familiär zu. „Wir sind Freunde, kein Feinde. Und wir mussten uns auch vor diesen verrückten Lehren beschützen“, lachte er. Wiedemann, die für die renommierte Produktionsfirma Zentropa arbeitet, erzählte, der hohe Standard im Geschichtenerzählen sei auch die Folge einer besonderen Offenheit. Ihr Chef Lars von Trier würde beispielsweise mit den technischen Tests seines Filmmaterials nicht hinter dem Berg halten. Jeder könnte sich mit ansehen, was er gerade ausprobieren würde, er würde auch andere Regisseure zu Testvorführungen einladen. „Wir glauben nicht an die Idee eines Regisseurs, der wie ein einsamer Künstler arbeitet“, so Wiedemann. Ein Modell auch für die deutsche Filmindustrie?
Einsamkeit ist auch ein Stichwort für „Home For Christmas“, den neuen Film von Bent Hamer. Der norwegische Regisseur („Kitchen Stories“, „O‘ Horten“) hat diesmal eine Kurzgeschichtensammlung verfilmt. Er stellte den vorweihnachtlichen Reigen aus Geburt, Erwachsenwerden, Nichtaltwerdenwollen und Tod im Abaton vor. Der Filmemacher tourt immer intensiv mit seinen Filmen, die auch international viele Verleihfirmen finden. Drei bis vier Monate ist er dann in allen möglichen Ländern unterwegs, um seine Arbeit vorzustellen. Diesmal ist es etwas anders. Überall kommt der Film wegen des Themas noch kurz vor Weihnachten in die Kinos. Deshalb muss er seine Tournee in nur zwei Monaten absolvieren, „sonst bin ich selbst Weihnachten nicht zu Hause“, sagt der zweifache Vater. Hamburg kennt er noch aus der Zeit, als er noch keine Filme drehte, sondern zur See fuhr. Er erinnert sich besonders an den Hafen und dessen Umgebung. Details dazu wollte er aber nicht erzählen. Jedenfalls nicht offiziell.
Zu einem Gipfeltreffen kam es am Abend noch nach der Verleihung des Douglas-Sirk-Preises an Julian Schnabel. Der exzentrische Amerikaner wollte seinen Hamburger Kollegen Fatih Akin treffen. Auch Hamer stieß noch zu dieser Runde. Was dort beredet wurde, wird man, wenn überhaupt, wahrscheinlich erst viel später erfahren. (Mitarbeit: vob)

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