Hamburger Abendblatt

Filmfest 2010

Der Abschluss: Sich trotz Filmrisses erinnern

10. Oktober 2010

„Da kann man sich schon wie eine Oma fühlen“, sagt Julia Westlake, 39, angesichts der Tatsache, dass der kanadische Regisseur des Abschluss-Films, Xavier Dolan, erst 21 Jahre zählt. Doch bevor der stilvoll und selbstironisch inszenierte Anti-Liebesfilm „Heartbeats“ (im französischen Original treffender: „Les Amours Imaginaires“) gezeigt wird, gilt es an diesem letzten Filmfest-Abend sieben von zehn Preisen zu vergeben.

Zahlreiche Preisträger sind zum Finale nicht (mehr) in Hamburg, so dass Stellvertreter ihre Auszeichnung entgegen nehmen. Der amüsanteste Ersatz ist wohl der 13-jährige Filmfest-Helfer Max Speck, der den Art-Cinema-Award für den John-Lennon-Film „Nowhere Boy“ auf der Bühne im Cinemaxx 1 abholt. Und dass, obwohl er die Beatles nach eigenem Bekunden „schon ein bisschen old school“ findet.

Höchst charmant präsent hingegen ist der belgische Regisseur Alex Stockmann, der für seinen Film „Pulsar“ den Preis der Hamburger Filmkritik erhält. „Pulsar ist ein Film, der von der ersten Minute an fesselt. Weil er zutiefst verunsichert – und dann wieder rührend komische Momente folgen lässt. Stimmungen sind hier so
flüchtig wie Herbstblätter im Wind“, lautet die nahezu poetische Begründung der Jury. „Vielleicht hilft mir der Preis, einen Verleih zu finden“, entgegnet Stockmann bescheiden. Und er ergänzt höflich auf radegebrochenem Deutsch: „Ich wünsche dem Filmfest schöne weitere 18 Jahre“.

Dass das Dasein als Jury durchaus eine psychische wie physische Belastungsprobe sein kann, erläutert das vierköpfige Team, das über den Foreign Press Award zu entscheiden hatte. Die Jury-Sitzung sei ein kleines Kammerspiel gewesen. Aber im Gegensatz zu den Figuren in so manchen der betrachteten Filme sei immerhin niemand zu Tode gekommen. Großes Gelächter im Saal. Die Wahl fiel letztlich auf „Beyond“. Ein Film aus Schweden, der – laut Jury-Begründung – aber auch nicht gerade leichte Kost zu sein scheint: „Die Thematik des Films – die innere Heimatlosigkeit der Hauptdarstellerin, Armut und Gewalt in der Familie, und nicht zuletzt die Ignoranz des sozialen Umfelds – hat uns sehr bewegt.“ Dafür gibt sich Regiedebütantin und Schauspielerin Pernilla August, die „Star Wars“-Fans als Mutter von Anakin Skywalker bekannt sein dürfte, auf der Bühne umso glücklicher: „Soo happy, sooo happy“, ruft sie im Überschwang.

Die Euphorie toppen kann aber noch ein Kollege, der in dem großen Kinosaal mit reichlich Lokalpatriotismus befeuert wird. Der No-Budget-Regisseur, Kameramann und Skriptautor Henna Peschel bekommt für „Pete The Heat“ den Montblanc-Drehbuch-Preis aus der Reihe „Nordlichter“. Neben einem Schreibgerät aus der John-Lennon-Edition erhält der Hamburger 10.000 Euro. Eine Summe, mit der Peschel gewiss vier bis sechs Filme drehen könnte. Doch, so gibt die Jury ihm mit auf den Weg: „Vielleicht drehst Du, lieber Henna, nur zwei drei Filme davon und baust dafür – als kleine Anregung von uns – ein paar spannendere Frauen in Deine Geschichte ein!“ Nun gut. Kann er ja mal drüber nachdenken. Erst einmal loben die Preisrichter jedoch seinen „ziemlich abgedrehten Jungsfilm“, der „lebendig, schrill und frech“ sei. Und der nach dem Motto gedreht ist: „auf öffentlich-rechtliche Zweitverwertung und Förderung schon im Entwurf der Geschichte pfeifend.“ Heftiger Applaus brandet im Publikum auf für diesen cineastischen Mut. Und Peschel selbst, der vergisst seine Wurzeln nicht: „Danke an das Publikum! Wir gewöhnen uns langsam an das Cinemaxx 1, sind aber am liebsten immer noch in unseren Stammkinos Zeise, Abaton und 3001.“ Und als Westlake ihn fragt, ob denn das Preisgeld für ihn nicht ganz schön viel Geld sei, entgegnet er norddeutsch euphorisch: „10.000 Euro, das sind 20.000 Mark!“ Im Anschluss will Peschel aus dem Danken gar nicht mehr heraus kommen.

Aber da ist noch ein anderer, der Dank zu verteilen hat.  Filmfest-Chef Albert Wiederspiel hebt vor allem die Leistung seines Teams hervor und zieht das Fazit: „Schon spooky, wenn nichts Böses passiert“. Nun gut, da ist „Heartbeats“ noch nicht gelaufen. Nach zwei Dritteln reißt der Film. Da nicht sofort eine Ansage gemacht wird, woher die Pause stammt, wird in den Kinoreihen schon diskutiert, ob der Film etwa mit einem arg abrupten Kunstgriff endet. Ohne Abspann. Aber nein. Nach einigen Minuten, die die Gäste zum Austreten und Auftanken nutzen, geht die Tragikomödie um zwei unglücklich Liebende weiter. Eine Geschichte, an die wir uns trotz Filmrisses erinnern werden.  (Mitarbeit: bir)

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Neues aus Frankreich

10. Oktober 2010

Auf den letzten Metern des Filmfests wurden die Frankophilen unter den Besuchern noch einmal in der Reihe „Voilà“ bedient. Auch wenn sowohl Géraldine Bajards „La Lisière – Am Waldrand“ als auch Laure Charpentiers „Gigola“ vor allem durch filmische Schwächen bestechen. In „La Lisière“ erhält ein junger Arzt einen neuen Wirkungskreis in der französischen Diaspora. Doch hier wird der attraktive, allein stehende Mann bald zur Projektionsfläche einer eingeschworenen Jugendgang und zum Objekt der Begierde für die Töchter – und Mütter – des Dorfes. Klingt konstruiert und irreal. Ist es auch. Allerdings hat Regisseurin Géraldine Bajard ein Gespür dafür, dunkle Wälder das sich aufbäumende Unterbewusste und die Wucht der Gefühle von Liebe, Leben und Tod bei Jugendlichen in akkuraten Bildern einzufangen und mit wunderbarer Hippie-Musik zu verbinden.

Um Gefühlschaos geht es auch in „Gigola“ zu später Stunde im randvollen B-Movie. Laure Charpentier hat ihren eigenen Skandalroman aus den 70er-Jahren verfilmt, in dem eine Frau als Lustobjekt für Frauen ihren eigenen Weg geht. Lou Douillon ist der einzige Lichtblick dieses Films, der an einem völlig verhunzten Drehbuch krankt. Als weiblicher Dandy wirft sie Studium und katholische Erziehung über Bord und steht reichen Ladys erotisch zu Diensten. Doch auch Sportwagen, Pelzmäntel und Kluncker können ihre innere Leere nicht ausfüllen. Dafür muss dann ein italienischer Kneipier als Erzeuger herhalten. Es gibt viele unlogische Wendungen und teilweise entsetzlich bemühte Dialoge, aber das scheint alles sowieso nur Beiwerk zu sein, um die Softpornoszenen unter den Frauen zu unterfüttern. (Mitarbeit: asti)

Verkaterte Nordmänner

9. Oktober 2010

„Ich habe für diesen Film sehr viel recherchiert“, sagt Dagur Kari am Morgen verschmitzt, nachdem er für seine Tragikomödie „Ein gutes Herz“ im Abaton gefeiert worden ist. Der Film erzählt vom jungen Obdachlosen Lucas, der vom alten Griesgram Jacques quasi adoptiert wird, nachdem sich beide im Krankenhaus getroffen haben. Jacques betreibt in New York eine Bar und versucht dem unendlich freundlichen, aber naiven jungen Mann ein paar Lebensweisheiten beizubringen. Dazu gehören eigenwillige Erkenntnisse für den Umgang mit Kunden wie: „Wir sind nicht hier, um die Menschen zu retten, sondern um sie zu zerstören.“ Nicht zerstört, aber etwas angeschlagen wirkte auch Kari am nächsten Morgen. Der Isländer hat sein Filmhandwerk in Dänemark erlernt und ist seit seinem ersten Film „Noi Albinoi“ auf Charaktere spezialisiert, die leicht abseits vom Zentrum der Gesellschaft leben. In Hamburg traf er alte dänische Freunde wieder. Und wenn Nordmänner in fremden Landen aufeinander treffen, kann es schon mal feuchtfröhlich werden. „Eine Bar ist ein magischer Ort mit ganz eigenen Gesetzen“, sagte der verkaterte Kari und bat darum, dass wir uns für das Interview in eine etwas dunklere Ecke des Hotels zurückziehen sollten. Eins der Gesetze lautet, wer zu viel trinkt, hat am nächsten Morgen einen dicken Kopf, und mag noch kein helles Licht.
Freitagnachmittag, ein schöner Herbsttag, aber das Metropolis ist dennoch gut gefüllt, als Stephen Frears‘ Komödie „Tamara Drewe“ gezeigt wird. Ein Kaff in der englischen Grafschaft Dorset gerät in Aufruhr, als die titelgebende Schönheit in nach einer Nasen-OP in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Von der Nase abgesehen sitzt bei ihr aber alles dort, wo es soll, und ist auch gut verteilt. Damit löst sie bei einige jungen Männern und älteren Schriftstellern, die vor Ort ihre Schreibblockaden bekämpfen, unkontrollierte Reaktionen aus. Richtig aufgemischt wird die Situation dann aber durch zwei Teenager-Mädchen, die das Aufwachsen in der Provinz als Strafe empfinden und fest davon überzeugt sind, man müsse dem Schicksal auf die Sprünge helfen.  Altmeister Stephen Frears („Die Queen“) hätte aus diesem Film, der auf einem Comic basiert, beinahe ein richtig witziges Werk gemacht, aber dann bleibt der Film an manchen Stellen doch zu unausgegoren. Machte aber nichts, war trotzdem eine humorvolle Einstimmung auf das Wochenende.  (Mitarbeit: vob)

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Jenseits von Hollywood

8. Oktober 2010

Filmfest, das bedeutet binnen weniger Tage, ja manchmal gar binnen weniger Stunden in ganz unterschiedliche Welten eintauchen. Nicht einfach die 50. romantische Hollywood-Komödie mit immer gleichem Ende aussitzen oder sich vom Explosionsoverkill x-beliebiger Actionreißer blenden lassen, sondern tatsächlich erfahren, was andere Menschen in anderen Ländern bewegt. Nicht immer ist das vordergründig unterhaltsam, doch immer bleibt etwas hängen.

Eine ziemlich perfekte Kombination aus Unterhaltung und Information bietet „45 m²“ von Stratos Tzitzis über eine junge Frau, die noch bei ihrer Mutter lebt, weil sie es sich trotz eines Vollzeitjobs finanziell nicht leisten kann, auszuziehen. Von einer „700-Euro-Generation“ wird in Griechenland gesprochen, und dieser Spielfilm zeigt mehr von der Lebenswirklichkeit junger Menschen in Athen als manch an Wirtschaftsdaten überlaufender Beitrag  der zahlreichen Politmagazine. Ganz in Hamburg verortet ist hingegen das Drama „Es war einer von uns“ von Kai Wessel, das am Donnerstagabend im prächtig gefüllten Saal 3 des Cinemaxx läuft. Eine überragende Maria Simon spielt darin ein Vergewaltigungsopfer, das sich wegen verabreichter K.O.-Tropfen nicht erinnern kann, was genau geschehen ist, aber weiß, dass der Täter aus ihrem Freundeskreis stammen muss. Auch bildsprachlich ein großartiger TV-Film, dem nur leider kein offenes, und damit beklemmenderes Ende vergönnt ist. Vielleicht, weil Drehbuchschreiber und verantwortliche Redakteure dem Publikum nichts vorsetzen mögen, was ein wenig neben der Spur liegt. Schade eigentlich.

Auf Nummer sicher geht schließlich auch Neil Jordan, dessen zwischen Fantasy und Thriller angesiedeltes Liebesdrama „Ondine ­ – Das Mädchen aus dem Meer“ am Schluss zu viel erklärt und auserzählt. Dennoch: Die verwaschenen, seltsam farblosen  Bilder der rauen irischen Küste bleiben haften, und sich an Alicja Bachleda müde zu sehen, ist ohnehin unmöglich.

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Mehr Drama geht nicht

7. Oktober 2010

Viel mehr Drama in einem Film geht wohl nicht. Im Zentrum von „Poetry“ des Südkoreaners Lee Changdong steht die 66-jährige Mia, die tapfer ihren missratenen Enkel aufzieht. Abhängig von staatlicher Fürsorge, achtet Mia auf ihren Kleidungsstil und bessert ihren Lebensunterhalt als Senioren-Pflegekraft auf. Ihr größter Traum, einmal ein Gedicht in ihrer Poesie-Klasse schreiben. Ihre Welt bricht auseinander, als eine Mitschülerin ihres Enkels sich im Fluss ertränkt und Mia zu einer Väterrunde geladen wird, in der sie erfährt, dass das Mädchen reihum von den Söhnen inklusive ihres Enkels, über einen längeren Zeitraum vergewaltigt wurde. Nun soll das Schweigen der Mutter erkauft werden. Schier unmöglich für die mittellose Mia, die größere Summe aufzubringen. Zu allem Überfluss lässt ihr Gedächtnis nach. All das ließ das Publikum im zu später Stunde fast ausverkauften Cinemaxx 2 zweieinhalb Stunden lang geduldig über sich ergehen. Changdong beherrscht die Fähigkeit, Tragisches so nüchtern und reduziert zu erzählen, dass es gerade erträglich wird. Das Drehbuch schlägt einige überraschende Haken. Verdient hat Changdong dafür in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhalten. Stärker hat man das Wunder der Poesie und eine postmoderne Abgestumpftheit noch nicht auseinanderklaffen sehen. (Mitarbeit: asti)

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Hochspannung beim „Tatort“

7. Oktober 2010

Zwölf Filme sind in diesem Jahr für den Preis der Hamburger Filmkritik sowie den Foreign Press Award nominiert. Wie üblich keine Massenware, sondern Art-House-Produktionen aus Kanada oder Malaysia, aus Polen oder der Ukraine. Auch dabei, der belgische Beitrag „Pulsar“ von Alex Stockmann. Ein Film der zwischen Liebesdrama und Psychothriller oszilliert, der komische Momente hat, aber auch verunsichert und bisweilen ein Gefühl von Beklemmung hevorruft. Im Mittelpunkt: der Medikamentenkurier Samuel, dessen Freundin für ein paar Praktikumswochen nach New York geht. Per Videochat bleiben die beiden in Kontakt, doch eines Tages scheint sich jemand in Samuels Netzwerk gehackt zu haben. Dass der Rechner sich nicht mehr herunterfahren lässt, ist da noch das Geringste der Probleme… Ein sehenswerter Film, der noch keinen deutschen Verleih gefunden hat.

Großer Auflauf dann wenig später bei der Premiere des Hamburg-„Tatorts“ „Leben gegen leben“ mit Mehmet Kurtulus. Undercover-Ermittler Cenk Batu wird in einer Organhändler-Bande eingeschleust, die Jugendliche, vor allem aus Osteuropa, gefangen hält und bei Bedarf für eine Organspende töten lässt. Ein Geschäft, bei dem es um Millionen geht und Menschenleben keine Rolle spielen. Starke Bilder, ein großartig düsterer Soundtrack (Joy Division, Anne Clark) und Hochspannung: Dieser von Nils Willbrandt „Tatort“ ist fürs Fernsehen fast zu schade.  Auch, weil das Ermittlergespann (Kurtulus und Peter Jordan) ebenso überzeugt wie Michelle Barthel als nächstes potenzielles Opfer der Organhändler und die Nebenrollen mit Bibiana Beglau, Arnd Klawitter oder Stephan Bissmeier ebenfalls exzellent besetzt sind.

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Ein Plädoyer für die Freiheit

7. Oktober 2010

Standing ovations für einen politischen Dokumentarfilm – wann hat es das beim Filmfest Hamburg schon gegeben? Als ein echtes Highlight entpuppte sich die Premiere von „The Green Wave“ am Mittwoch im Cinemaxx. Der große Saal war gut gefüllt, im Publikum viele Exil-Iraner aus der großen Hamburger Community. Zunächst gab es ein unerwartetes cineastisches Amuse gueule, den letzten Kurzfilm, den der renommierte  iranische Regisseur Jafar Panahi vor seiner Verhaftung drehen konnte. In „Accordion“ stiehlt ein Mann zwei Kindern ihr Musikinstrument, mit dem sie auf der Straße Geld verdienen. Sie finden ihn, er hält das Akkordeon, kann aber überhaupt nicht spielen. „Er ist noch ärmer als wir“, erkennt das kleine Mädchen. Der Junge gibt nach, legt den Stein beiseite, mit dem er sich schon bewaffnet hatte, und sie machen als unbeholfenes Trio weiter. Der achtminütige anrührende Film bekam freundlichen Applaus.

Sehr viel heftiger ging es in „The Green Wave“ zu. Der Film zeichnet die Ereignisse nach, die in nach den Präsidentschaftswahlen in Teheran vor zwei Jahren zunächst zu friedlichen Protesten und dann zu ihrer blutigen Niederschlagung mit vielen Toten und Verletzten führten. In nur zehn Monaten hat Regisseur Ali Samadi Ahadi seine ungewöhnliche Dokumentation auf die Beine gestellt. Sie ist eine Collage aus Interview-, Animationsszenen und verwackelten Handy-Filmaufnahmen, über die er Off-Kommentare gelegt hat, deren Wortlaut aus Original-Blogs oder Twitter-Meldungen stammen. Es waren aufwühlende, manchmal schwer zu ertragende und nachdenklich machende Szenen dabei. Dabei wirken die animierten Sequenzen kaum weniger authentisch als die Dokumente von Brutalität und Willkür der Bassidsch-Milizen, die die Iraner nur unter großer Gefahr außer Landes schmuggeln konnten. Das Ergebnis ist eine emotional wuchtige und auch künstlerisch überzeugende Anklage gegen das iranische Unrechtsregime und ein Plädoyer für Freiheit, Demokratie und die Menschenrechte. Ali Samadi Ahadi, der im Alter von zwölf Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam, hat hier bisher die Filme „Lost Children“ und „Salami Aleikum“ gedreht. Der Regisseur war von der Resonanz im Publikum so überwältigt, dass ihm vor der Leinwand zunächst die Stimme versagte. Dann stellte er sein Team vor und machte der Hansestadt ein nostalgisches Kompliment. „Hamburg riecht immer ein bisschen wie Teheran, weil so viele Iraner hier leben.“ Im Januar kommt „The Green Wave“ ins Kino. (Mitarbeit: vob)

Unterdrückte Sinnlichkeit

6. Oktober 2010

Ausverkauft hieß es am Dienstagabend im Cinemaxx 2 beim Film „Adrift“ des vietnamesischen Regisseurs Bui Thac Chuyens. Die Geschichte über eine junge Frau, die in Hanoi ihre Sexualität entdeckt, versprach eine Mischung aus „Der Liebhaber“ und „In The Mood For Love“ zu werden. Die junge Duyen heiratet einen Taxifahrer, der sich als dauerschläfriges Muttersöhnchen entpuppt. Dafür weckt ein erprobter Frauenverbraucher, der schon ihre beste Freundin verführt hat, bislang unbekannte Gefühle in der jungen Frau. In dem alten Kolonialgemäuer Hanois hängt die Schwüle aus Monsunzeit und unterdrückter Sinnlichkeit schwer in den Wänden. Der Reiz des Films, der übersetzt soviel heißt wie „Im Schwebezustand“ speist sich aus der Kluft, die zwischen Zwang und Konvention und der zur Moderne erwachenden Metropole liegt. Auf der einen Seite stellt der Film die Tradition aus, verkörpert durch eine duldsame Großmutter, die ihren Ehemann, mit dem sie ein Leben lang unglücklich war, aufopferungsvoll pflegt. Auf der anderen Seite sehen wir die aus dem Ruder laufende Jugend, die sich im Wetttrinken, Glücksspiel und uferloser Sexualität hingibt. Die Szenen bleiben immer zurückhaltend, doch die Gesichter spiegeln eine Leere, die zeigt, dass die neue Freiheit nicht zur puren Seligkeit führt und manche Seele auf der Strecke bleibt. Bui Thac Chuyen hat acht Jahre gebraucht, um das Geld für den Film zusammenzubekommen. In Venedig erhielt der Film den Preis der internationalen Filmkritik. (Mitarbeit: asti)

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Anders als geplant

6. Oktober 2010

Zum Filmfest gehört es auch, mal keine Karten mehr für das
cineastische Werk seiner Wahl zu bekommen. So geschehen auch bei der
restlos ausverkauften zweiten Vorführung der schwedischen Produktion
„Simple Simon“. Eine Spontanumfrage bei zwei Zwangsdaheimgebliebenen,
wie die kinofreie Zeit denn nun genutzt wird, ergibt  folgendes
Ergebnis: Die zweite Staffel der Vampir-Serie „True Blood“ anschauen,
die endlich in der Post war. Und „sich beim Nixtun verzetteln“. Letzteres käme Simon, Protagonist von Andreas Öhmans Komödie, absolut
nicht in den Sinn. Da er das Asperger-Syndrom hat, müssen seine Tage
auf die Minute exakt durchstrukturiert sein. Per Stundenplan und Uhr
plant er genau, wann sein Bruder, mit dem er zusammen lebt, zu
duschen hat und wann dessen Freundin den Abwasch erledigen muss. Der
Dame des Hauses wird dieses Diktat bald zu viel: Sie macht Schluss
und zieht aus. Eine empfindliche Abweichung von Simons System,
weshalb er kurzerhand beschließt, seinem Bruder – und sich –
möglichst schnell eine neue Lebensgefährtin zu organisieren. „Simple Simon“ ist beim Filmfest nicht nur für den Nachwuchspreis
„Elfe“ nominiert, sondern geht zudem für Schweden als Oscar-Kandidat
2011 ins Rennen. Zu Recht. Der Film besticht nicht nur durch eine
ganz eigene Bildsprache (Simon liebt Kreise und hasst Dreiecke),
sondern auch durch einen beschwingten Indie-Pop-Soundtrack von
Künstlerinnen wie Miss Li oder Lykke Li.
Die Zuschauer im Saal jedenfalls sind hörbar froh, noch Tickets für
dieses charmante Feel-Good-Movie ergattert zu haben. Trotz
Abwesenheit des Regisseurs wird zum Abspann heftig applaudiert. Und allen, die draussen bleiben mussten, hilft vielleicht die
Botschaft des Films: Unvorhergesehene Veränderungen können eine große
Bereicherung sein im Leben. (Mitarbeit: bir)

Dick aufgetragen

5. Oktober 2010

Der japanische Regisseur Masahiro Kobayashi ist ein alter Bekannter beim Filmfest und für cineastische Elegien bekannt. Seine neue, „Haru’s Journey“ stellt die Besucher am Montagabend im Metropolis in 130 Minuten auf eine echte Geduldsprobe. Die Reise eines Großvaters und seiner Enkelin wird zu einer zähen Odyssee in die Vergangenheit. Der grantige, halb paralysierte Mann hat seine Tochter durch Selbstmord verloren und wurde im Fischerdorf von seiner Enkelin versorgt. Als die ihren Job verliert und in der Stadt ihr Glück suchen will, stellt sich die Frage: Wohin mit Opa! Doch die Hilfe suchende Reise zur Verwandtschaft verläuft deprimierend. Vor Jahren sind sie zerstritten auseinander gegangen. Und jetzt wollen sie von dem Pflegefall nichts wissen. Man sieht die beiden in ihrer Schicksalsgemeinschaft alle zehn Minuten Nudeln schlürfen und streiten, wobei die verwirrt wirkende Enkelin häufig in Hysterie ausbricht. Vollends geht die Fantasie mit dem Regisseur und Drehbuchautor durch, als die Enkelin ihren Erzeuger wieder trifft, dessen neue Frau in dem alten Mann den Großvater erkennt, den sie nie hatte und sogleich aufnehmen will. Ui. Ganz schön dicke, Herr Kobayashi.

Dick trug auch der Macher der Kunst-Dokumentation „Rouge Ciel ­ An Essay On Art Brut“ auf. Bruno Decharme assistierte dem großen Jacques Tati und sammelt in seiner Galerie Art-Brut-Kunst, also Werke von Menschen, die inhaftierte, psychisch kranke oder sonst wie Außenseiter waren. Kollagen über die verstörenden Ansichten dieser Künstlern, die ihr Leben lang teilweise in bitterer Isolation verbrachten und wie besessen malten oder sonst wie kreativ tätig waren, durchkreuzt eine teils minimalistische, teils großzügig Pathos vergießende Tonspur. Dazu sollen dramatisch formulierte Schriftzüge die Bedeutung der Verkannten ins Bewusstsein der Zuschauer hämmern. Weniger wäre da bei diesem an sich interessanten Sujet mehr gewesen. (Mitarbeit: asti)

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