Hamburger Abendblatt

Berlinale 2012

Ein Denkmal für den König des Reggae

13. Februar 2012

Als sein Film „ Life In A Day“ vor einem Jahr Weltpremiere bei der Berlinale feierte, konnte Regisseur Kevin Macdonald nicht nach Berlin kommen, weil er sich damals auf Jamaika aufhielt. Ein Jahr später hat er es nach Deutschland geschafft, um jetzt die Ergebnisse seiner Arbeit von damals zu präsentieren: „Marley“, eine zweieinhalbstündige Dokumentation über den jamaikanischen König des Reggae, feierte gestern Abend im Friedrichstadt-Palast Weltpremiere.

Mit Unterstützung von Marleys großer Familie – er hat elf Kinder mit sieben Frauen gezeugt – wertete McDonald riesige Mengen von Material aus: Konzertmitschnitte, Interviews, Videos. Als erster Regisseur erhielt er Zugang zum Privatarchiv der Marleys. Außerdem führte er Dutzende von Interviews mit Weggefährten, Musikern von Marleys Band The Wailers, mit Freundinnen, Familienmitglieder und natürlich mit Marleys langjährigen Produzenten Chris Blackwell, der auch zu den Mitproduzenten dieser beeindruckenden Dokumentation zählt.

Macdonald zeigt ein sehr differenziertes Bild dieses herausragenden Musikers, der aus einfachen Verhältnissen stammte und Zeit seines Lebens darunter litt, ein „Halbblut“ zu sein: seine Mutter war schwarz, sein Vater ein weißer englischer Ingenieur, den er nie zu Gesicht bekommen hat. In spannenden zweieinhalb Stunden zeichnet er die Karriere von Bob Marley nach, der wie kaum ein anderer für Frieden und Versöhnung stand und so populär war, dass immer wieder Politiker versuchten, ihn vor ihren Karren zu spannen. Wie kein anderer hat Bob Marley den Reggae in der ganzen Welt populär gemacht, Songs wie „Could You Be Loved“, „No Woman No Cry“ oder „I Shot The Sheriff“ sind schon lange zu Klassikern geworden.

Macdonald zeigt auch Bob Marleys Kampf gegen den Krebs, den er fast ein Jahr lang in einer Klinik im bayrischen Rottach-Egern zu besiegen versuchte. Doch auch die Methoden des deutschen Arztes Josef Issels konnten ihm nicht helfen. Marley beschloss, zum Sterben nach Jamaika zurückzukehren. Doch er schaffte es nur bis Miami, weil er zu schwach für die letzte Etappe war. Am 11. Mai 1982 1981 starb er im Alter von nur 36 Jahren. Mit „Marley“ hat Kevin Macdonald dem Sänger und Gitarristen mit den Dreadlocks ein respektvolles cineastisches Denkmal gesetzt. (oeh)

Was ist los mit Zhang Yimou?

13. Februar 2012

Es gibt Filme, die man lieber nicht gesehen hätte. Der neue von Zhang Yimou gehört dazu. Leider. Er heißt „The Flowers of War“ und spielt 1937 in Nanking, wo die Japaner in ihrem Krieg gegen die Chinesen furchtbar gewütet haben. Sie haben sie regelrecht abgeschlachtet. Allerdings muss man sich doch wundern, wie Zhang versucht, das nationale Trauma auf der Leinwand zu bewältigen. Möglicherweise ist damals tatsächlich  jeder Japaner ein Vergewaltiger gewesen, aber ganz sicher war nicht jeder Chinese ein Märtyrer.

Zhang erzählt die Geschichte eines Amerikaners (Christian Bale), den es auf seiner Suche nach Geld und Alkohol in eine Klosterschule verschlägt, in der sich nicht nur die verängstigten Schülerinnen verstecken, sondern auch die abgebrühten Prostituierten aus dem nahe gelegenen Bordell. Und während  die Japaner auf alles schießen, was sich bewegt,  mutiert dieser John Miller  zum Heiligen… Ganz neu ist die Story aus Berlinale-Sicht nicht, schließlich ist vor drei Jahren Florian Gallenbergers Film „John Rabe“ im Wettbewerb gelaufen. Damals war Ulrich Tukur der gute Mensch von Nanking, und das war deutlich überzeugender.

Zhangs Film hat gestern deshalb zwei Fragen aufgeworfen. Erstens: Was hat den Regisseur bewogen, sich dermaßen in Peking anzubiedern? Steckt Zhang zu Hause in Schwierigkeiten? Dieser Meisterregisseur, der 1987 mit seinem Regiedebüt „Rotes Kornfeld“ auf Anhieb den Goldenen Bären gewann und anschließend noch so große und berührende Filme wie „Rote Laterne“ oder „Heimweg“ machte? Man weiß es nicht. Die zweite Frage geht an die Festivalleitung: Wie konnte sie – bei aller Verehrung für Zhang Yimou – einen solchen Film in den Wettbewerb aufnehmen? „The Flowers of War“ läuft zwar außer Konkurrrenz, aber das macht die Sache kaum besser. (BaM)

 

 

 

 

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Ich möchte Eiswürfel in Pyramidenform

13. Februar 2012

Nicht nur auf der Leinwand auch davor, im realen Leben, lebt man hier mitunter gefährlich. Wer es auf dem Empfang des Landes NRW am Sonntagabend in den dicht gefüllten Innenraum geschafft hatte ohne schwere Rippenprellungen zu erleiden, tat gut daran, in Deckung zu gehen.

Eine Bar stürzte mit lautem Klirren ein, eine Garderobe sackte herunter – wie gut, dass die Filmbranche keine Branche ist, die zum Aberglauben neigt. Sie neigt vielmehr zur großen Geste, reiht Empfang an Party an Premierenparty an Sponsorenparty – und weil es das in dieser Form noch nicht gibt, erfand der Schauspielverband rasch den Deutschen Schauspielerpreis. Stefan Kurt wurde hier geehrt, Petra Schmidt-Schaller, Ulrich Noethen und Katharina Thalbach, Jasmin Tabatabai gab einen Schlager zum Besten, dass manch einer schnell nach draußen zum Telefonieren flüchtete. Oder auf den nächsten Empfang. (jac)

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Blutiger Verrat

12. Februar 2012

So geht’s auf einem Filmfestival: Eben hat man sich noch über „Captive“ geärgert, und dann kommt ein Film wie „Shadow Dancer“. Eine Geschichte über das Nordirland Anfang der neunziger Jahre, als die IRA kurz davor war, die Waffen zu strecken, der  Konflikt das alltägliche Leben aber so verseucht hatte, dass das Bomben und Sterben nicht aufzuhalten war. James Marsh hat den Roman von Tom Bradby verfilmt, in dem es um Familie und Verrat geht, und um verbohrte „Kämpfer“, die einfach nicht aufhören können zu töten…
Die Berlinale hat sich dem Nordirland-Konflikt in der Vergangenheit mehrfach zugewandt. Das Überwältigende an diesem Film ist, dass er uns noch so erschrecken kann.
„Shadow Dancer“ läuft im Wettbeberb außer Konkurrenz. Das ist schade, weil Andrea Riseborough, die in diesem Psychothriller die Hauptrolle spielt, in Berlin keinen Preis gewinnen kann.

Unbedingt ansehen! (BaM)

Avanti dilettanti!

12. Februar 2012

 

 

 

Heute Mittag hat die Berlinale einen rekordverdächtigen Tiefpunkt erreicht. Im Wettbewerb lief der philippinische Film „Captive“, ein mit wackelnder Handkamera gedrehtes Geiseldrama, in dem – avanti dilettanti! – böse guckende Laiendarsteller zwei Stunden lang mit Maschinengewehren in der Gegend herumknattern durften. Dazu riefen sie immerzu „Allahu akbar“, damit der Zuschauer verstand, dass es sich bei ihnen um muslimische Gangster handelte. Die Geiseln kreischten unterdessen, was das Zeug hielt, die Sache aber auch nicht besser machte.

Unter ihnen befand sich leider auch Isabelle Huppert. Eine Frau, die zu den höchst dekorierten Schauspielerinnen unserer Zeit gehört. Die mit Regisseuren wie Tavernier, Chabrol, Chereau oder Haneke zusammengearbeitet hat. Hier irrlichtert sie unter der Regie eines Mannes herum, der sich seit ein paar Jahren „Brillante“ nennt. Brillante Mendoza! Na, herzlichen Glückwunsch, möchte man sagen, denn an Selbstvertrauen scheint es dem Mann ja nicht zu fehlen. Fragt sich nur, wie er das Geld für dieses Machwerk zusammengekratzt hat, bei dem es sich um eine französisch/philippinisch/englisch/deutsche Koproduktion handelt.

Ungefähr auf der Hälfte ihrer Odyssee wurden Madame Huppert und die anderen von ihren Peinigern übrigens in ein Krankenhaus getrieben. Während die eigentlichen  Patienten erstaunlich ungerührt in ihren Betten verharrten und die Geiseln mal wieder ein bisschen kreischten, ließ Brillante Mendoza nicht nur eine hochschwangere Frau in das Etablissement einliefern, sondern auch noch live vor der Kamera entbinden.

An diesem Punkt beschlossen viele Kollegen, dass sie genug gesehen hatten. (BaM)

 

 

Shakespeare im Gefängnis

11. Februar 2012

Acht jahre hat Salvatore Striano im Gefängnis Rebibbia wegen Drogenhandels verbracht. Zusammen mit vielem Mördern und Mafia-Gangstern. Heute sitzt er auf dem Podium der Berlinale.  In Freiheit. Striano hat seine Strafe abgesessen, inzwischen verdient er sein Geld als professioneller Schauspieler, er hat in „Gomorrha“ von Matteo Garone debütiert und mit Abel Ferrara und Marco Risi gearbeitet.  Entdeckt wurde er  in Rebibbia, als er unter der Regie von Fabio Cavalli in Shakespeares „Sturm“ mitspielte und brillierte. Jetzt ist Striano für einen Film an den Ort zurückgekehrt, an dem er lange eingesperrt war. Die Brüder Paolo und Vittorio Taviani, Altmeister des italienischen Kinos und schon oft zu Gast bei der Berlinale gewesen, haben im Rebibbia-Gefängnis Shakespeares Tragödie „Julius Ceasar“ in Szene gesetzt. Mit Ex-Knackis wie Striano und aktuellen Insassen, viele von ihnen mit lebenslänglichen Strafen.

Diese originelle Shakespare-Inszenierung passt trefflich zur Berlinale mit seinen vielen politischen und ernsthaften Filmen, denn  Tyrannenstürze haben gerade wieder Konjunktur.  „Caesar Must Die“, so der Titel des im Wettbewerb laufenden Films, ist weit mehr als nur ein Theaterstück an einem ungewöhnlichen Ort. Shakespeares Verse und das Wort „Freiheit“ bekommen in diesem Kontext noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Weite Teile des Films  sind in Schwarz-weiß gedreht, damit „etwas Irreales entsteht“, sagt Vittorio Taviani heute in Berlin. „Durch die Entscheidung in Schwarz-weiß zu drehen, bekommt der Film eine Dimension, die nicht der Wirklichkeit entspricht.“ Für die Intensität des Spiel, mit dem die Laienschauspieler agieren, findet Taviani ebenfalls eine plausible Erklärung: „Viele haben genau so eine Geschichte erlebt.“  Salvatore Striano sagt, dass viele der Häftlinge „durch das Theater und die Kunst um Vergebung bitten für das, was sie getan haben.“  Für manchen der Inhaftierten bedeutet die Theaterarbeit auch eine neue Bewusstwerdung der persönlichen Situation. Cosimo Rega, der den Cassius spielt, sagt, als er wieder in seine Zelle gesperrt wird: „Erst, seit ich die Kunst kennengelernt habe, ist die Zelle zum Gefängnis geworden.“

Das Theater im Rebibbia-Gefängnis ist übrigens fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Seit zehn Jahren führt  Fabio Cavalli dort Stücke mit Gefangenen auf. Mehr als 22.000 Besucher hatte das Theater in dieser Zeit, 60 Prozent davon Schüler.

Heinrich Oehmsen

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Hosen ‚runter

10. Februar 2012

Klaus Lemke ist ein Urgestein des deutschen Autorenfilms. Er hat Filme gemacht, die so schöne Titel trugen wie „Arabische Nächte“ oder „Schmutziger Süden“.
Jetzt ist er 71, und sein neuester Streifen heißt „Helden für Berlin“. Auch dieser Film sieht wieder aus „wie mit der Heckenschere geschnitten“. So der bewundernde Kommentar eines Kollegen.
Die Berlinale-Leitung war der geballten Avantgarde – vor Lemkes Kamera agieren wie gewohnt nur Laiendarsteller – aber offenbar nicht gewachsen und hat den Film abgelehnt. Es war nicht die erste Absage für Lemke, sondern mittlerweile schon die siebte.
Kein Wunder, dass der Mann das nicht protestlos auf sich sitzen lassen wollte. Am Eröffnungsabend postierte er sich mit zwei Mitstreitern am roten Teppich, und auf sein Kommando ließ das Trio die Hosen ‚runter. Die Franzosen, die eigentlich gekommen waren, um das Marie-Antoinette-Drama „Les adieux a la Reine“ vorzustellen, staunten nicht schlecht. Die halten uns ja bekanntlich eher für phantasielos. Das war, bevor sie Lemke gesehen haben. Der hat ihnen übrigens schon angekündigt, dass er beabsichtigt, seine nächsten Filme in Cannes zu zeigen. (BaM)

„Leb wohl, meine Königin!“ – Berlinale beginnt opulent

10. Februar 2012

Seit gestern ist es mit der Normalität rund um den Potsdamer Platz vorbei. Die Berlinale hat begonnen, da wundert einen gar nichts mehr. Auch nicht, wenn tief vermummte Gestalten morgens um 9 Uhr an einer der zugigsten Ecken Berlins wie ein Rudel Mumien hinter einem Absperrgitter stehen. Hier müssen schließlich eineinhalb Stunden später die Stars vorbeikommen, wenn sie zur Pressekonferenz wollen. Für Autogrammjäger also der ideale Platz, um zu warten.


Auch auf der Leinwand ist das Festivalfieber ausgebrochen. Den Auftakt machte gestern Benoît Jacquots Drama „Les Adieux à la Reine“ („Leb wohl, meine Königin!“). Er erzählt von den letzten Tagen der Regentschaft Ludwigs XVI. In Paris hat das Volk schon die Bastille erstürmt, die Revolution hat begonnen, aber in Versailles tun der Herrscher und seine Frau, Königin Marie Antoinette (Diane Kruger), als ginge sie das alles nichts an. Als sich die Ereignisse überschlagen und selbst die Günstlinge sich absetzen, will auch die Königin fliehen – ihr Mann allerdings nicht.
Für lange Zeit will auch Sidonie (Léa Seydoux), die junge Vorleserin Marie Antoinettes, nicht an das Ende der königlichen Ära glauben. Aber dann schickt Marie ihre Bedienstete auf eine Reise: Sie soll die Gräfin Polignac (Virginie Ledoyen) begleiten, für die die Monarchin mehr als lediglich freundschaftliche Gefühle zeigt und die deshalb in die Schweiz ausreisen soll. Auf Anweisung der Königin tauschen die Adlige und Sidonie die Rollen …


Mit seinem Film wagt Jacquot einen völlig neuen Blick auf ein Ereignis der Weltgeschichte. Marie Antoinettes Schicksal begreift er als Geschichte einer fiktiven Dienerin – ein geschickter Ansatz, zumal am Ende Adlige und Bedienstete die Rollen tauschen. Das Machtgefüge kehrt sich um. „Leb wohl, meine Königin!“ schwelgt in großen Tableaus, mit edler Ausstattung und opulenten Kostümen. Leider entwickelt die Handlung dabei zu wenig dramatische Fallhöhe. Das Erzähltempo ist niedrig; schöne Menschen in schönen Roben vor schönen Hintergründen führen dann doch zu einer Überdosis gepflegter Langeweile. Insbesondere wenn man diesen Film mit Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ vergleicht, in dem Kirsten Dunst die Hauptrolle spielte. An den Hauptdarstellerinnen liegt das aber ganz gewiss nicht.


Regisseur Jacquot outete sich anschließend als Fan des Endes von Dynastien. Da war sie endlich, die Parallele zu aktuellen politischen Ereignissen wie dem Arabischen Frühling, nach der die Filmemacher immer wieder gefragt wurden. Auch bei der Vorstellung der diesjährigen Jury war diese Frage bereits Thema. Präsident Mike Leigh präsentierte seine „Kameraden“ als ein Staraufgebot, das jeden Regisseur neidisch und die Autogrammjäger draußen vor der Tür glücklich machen müsste: Anton Corbijn, Barbara Sukowa, François Ozon, Charlotte Gainsbourg, Jake Gyllenhaal, Berlinale-Vorjahressieger Asghar Farhadi und der algerische Autor Boualem Sansal.


Leigh lobte das Festival für seinen Geist, seine Informalität und Lebensfreude. „Hier gibt es das Weltkino, und der Einfluss Hollywoods darauf schwächt sich ab“, sagte der Regisseur. „Als Europäer macht mich das optimistisch.“ Hört, hört: ein Brite, der sich in diesen Zeiten zu Europa bekennt. Und nicht nur das: In der Schule habe er Deutsch gelernt und könne immer noch Sätze wie: „Alles ist schneebedeckt.“ Über Filme unterhält er sich aber lieber auf Englisch.


Für den indischen Superstar Shah Rukh Khan war es offenbar zu viel der weißen Pracht in der Hauptstadt. Er sagte seine Teilnahme ab.


Volker Behrens

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Die Berlinale: Das streitbarste aller Festivals

9. Februar 2012

Es ist Sommer. Die Hitze lässt das Leben im Dorf fast zum Stillstand kommen, und doch verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Eine Roma-Familie ist ermordet worden. Die Nachbarn schweigen. Keiner will etwas gehört oder gesehen haben. Der elfjährige Rio, seine Schwester Anna, die Mutter und der kranke Großvater wissen, dass ihnen niemand zu Hilfe kommen wird, sollten die Täter zurückkehren …


Nächste Woche wird Benedek Fliegaufs Drama „Just the Wind“ im Wettbewerb der 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin laufen, und man muss kein großer Prophet sein, um zwei Dinge vorauszusagen. Erstens wird der Film in Berlin gefeiert werden, und zweitens wird man in Budapest nicht amüsiert sein. Wie man 2007 in Belgrad nicht amüsiert war, als „Grbavica“ im Wettbewerb lief, ein Film über die Massenvergewaltigungen bosnischer Frauen durch serbische Soldaten. Oder wie London nicht amüsiert war, als Berlin sich in den 90er-Jahren einem der größten britischen Justizskandale aller Zeiten zuwandte und für Jim Sheridans Film „Im Namen des Vaters“ die Trommel rührte, der in England schon während der Drehzeit als „IRA-Machwerk“ diffamiert worden war. In England diskutiert man zurzeit übrigens kontrovers über Phyllida Lloyds Thatcher-Film „The Iron Lady“, der außer Konkurrenz auch im Wettbewerb zu sehen sein wird. Dieser Film regt die Briten allerdings weniger wegen des Rückblicks auf die verhasste Thatcher-Ära auf, sondern eher, weil Lloyd es gewagt hat, die Demenz der einstigen Eisernen Lady zu thematisieren.


Der Direktor der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin, Dieter Kosslick, und Jurymitglied Boualem Sansal bei der Eröffnung

Zurück zu „Grbavica“ und „Im Namen des Vaters“. Beide Filme erhielten in Berlin einen Goldenen Bären. Und das Festival wurde damit dem Etikett gerecht, das politische unter den drei A-Filmfestivals zu sein, provokanter als die Konkurrenzunternehmen in Venedig und Cannes. Um diesen Ruf zu untermauern, ist man in Berlin 2008 sogar bereit gewesen, die Spielregeln zu ändern und den semi-dokumentarischen Abu-Ghraib-Film „Standard Operating Procedure“ zum Wettbewerb zuzulassen. Berlinale-Chef Dieter Kosslick begründete die Entscheidung mit dem Satz, dieser Film habe die Festivalleitung „in die Sitze gedrückt“. Und als die Jury dem Regisseur Errol Morris den Großen Preis zusprach, war das keine große Überraschung, denn den Vorsitz führte mit Constantin Costa-Gavras ein ausgesprochen politischer Filmemacher, der sich in seinen eigenen Filmen unter anderem mit der chilenischen Pinochet-Diktatur („Missing“) und mit der Rolle von Papst Pius XII. in der NS-Zeit („Amen“) beschäftigte.


Die Vermischung von Kunst und Politik hat in Berlin Tradition. Sie ist gewissermaßen das Gründungselement des Festivals, das 1951 entstand, weil die Amerikaner im Westteil der Stadt ein kulturelles Bollwerk gegen den Kommunismus errichten wollten. Genau gesagt war es Oscar Martay, der Washington davon überzeugte, dass das eine gute Idee sein könnte. Martay war 1948 als Film Officer der amerikanischen Militärregierung nach Berlin gekommen. Er sollte die Filmvorhaben deutscher Produzenten genehmigen und beaufsichtigen. Ab 1950 trieb Martay die Gründung der Internationalen Filmfestspiele Berlin voran. Die erste Berlinale stand unter dem Motto „Schaufenster der freien Welt“, begann am 6. Juni 1951, und der Goldene Bär ging elf Tage später an Leopold Lindtbergs Film „Die Vier im Jeep“. Die Story – ein Amerikaner, ein Franzose, ein Engländer und ein Russe sollen gemeinsam einen entflohenen Häftling aufspüren – traf den Nerv des Publikums. Die Berliner erkannten sich in Lindtbergs Besatzungsdrama wieder. Auch die Ost-Berliner, denen Martay schon lange vorher Sonderkonditionen an den West-Berliner Kinokassen eingeräumt hatte (sie konnten bei Vorlage des Personalausweises zum Umtauschkurs eins zu eins ins Kino gehen). In der SED verstand man die Berlinale-Gründung als Kampfansage, und prompt ließ Walter Ulbricht vom 26. Juni bis zum 1. Juli 1951 das Festival des volksdemokratischen Films veranstalten. Gezeigt wurden „Filme von sechs freien Nationen“, darunter Polen, Bulgarien und Rumänien, die aber offenbar nicht viel Publikumszuspruch fanden – das Festival verschwand schnell wieder in der realsozialistischen Versenkung.


Die politische Mitgift prägt die Berlinale bis heute. In Berlin weht deshalb ein anderer Wind als im glamourösen, auf die Präsentation von Stars bedachten Cannes. Oder im etwas verträumten Venedig, das seine Filmfestspiele der Kreativität eines Hotelbesitzers verdankt, der 1932 die einträgliche Idee hatte, die Urlaubssaison mit ein paar Filmstars zu verlängern. (Bis zur Fertigstellung des Filmpalastes im Jahr 1937 fanden die Filmfestspiele von Venedig auf der Terrasse des Hotels Excelsior statt.)


In Berlin wehte der Wind ungleich schärfer als auf dem Lido oder an der Côte d’Azur. Einen politischen Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt markierte dabei das Jahr 1970, in dem das Festival abgebrochen wurde, weil sich die Jury verkrachte. Zunächst hatte sich das Festival mit Filmen von Patrick Ledoux, Brian de Palma und Alain Robbe-Grillet eher dahingeschleppt. Am fünften Tag, dem 30. Juni, stand Michael Verhoevens „o.k.“ auf dem Programm: die ins Bayerische verlegte Geschichte einer Vergewaltigung, der ein Kriegsverbrechen der Amerikaner im Vietnamkrieg zugrunde lag. In den Beifall mischten sich Proteste, ein paar Besucher verließen den Zoo-Palast vorzeitig. Unter ihnen war auch der deutsche Juror Manfred Durniok. Durniok war es auch, der den Skandal einleitete. Er entschuldigte sich am nächsten Tag bei seinem amerikanischen Kollegen George Stephens dafür, dass die Bundesrepublik Deutschland mit einem Film wie „o.k.“ im Wettbewerb angetreten war. Während der hitzigen Sitzung gab Stevens den Jury-Vorsitz ab, und am Ende wurde mit einer Zweidrittelmehrheit beschlossen, Verhoevens Film zu „neutralisieren“. In einem Brief an die Festivalleitung schlug die Jury vor, die Auswahlkommission solle erneut überprüfen, ob der Film dem Festivalreglement entspreche, in dem festgeschrieben sei, dass die ausgewählten Filme „zur Verständigung und Freundschaft unter den Völkern beitragen“ sollten …


Der Rest ist Geschichte. Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder („Warum läuft Herr R. Amok?“) zogen ihre Filme aus Protest gegen die „Zensur“ aus dem Wettbewerb zurück, die Jury stellte ihre Arbeit ein, und Berlins Kultursenator Werner Stein musste erklären, damit habe „der Wettbewerb sein Ende gefunden“. Die Berlinale war aus.
Trotz dieses Traumas kam es neun Jahre später erneut zum Eklat. Offenbar unbeeindruckt von sowjetischen Wenn-dann-Drohungen nominierte das Festival 1979 Michael Ciminos Film „The Deer Hunter“ für den Wettbewerb. Den Boykott der sozialistischen Länder – Begründung: der Film sei „eine Beleidigung für das Volk von Vietnam“ und zur Völkerverständigung völlig ungeeignet – nahm Berlin hin. Den Goldenen Bären bekam Peter Lilienthal („David“).


Weder Cannes noch Venedig haben auch nur in Ansätzen Ähnliches erlebt. In Berlin scheint man nach dem Jetzt-erst-recht-Motto zu verfahren. 1986 lud die Festivalleitung Reinhard Hauffs umstrittenen RAF-Film „Stammheim“ in den Wettbewerb ein. Die Aufführung fand unter Polizeischutz statt, weil es Morddrohungen gegen die Juroren gegeben hatte. Spontis verspritzten Buttersäure im Zoo-Palast. Den Vogel schoss am Ende allerdings Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida ab. Sie nannte den Film ein „terroristisches Machwerk“ und musste von „Berlinale“-Chef Moritz de Hadeln regelrecht auf die Bühne getrieben werden, wo sie Hauff den Goldenen Bären mit den wütenden Worten überreichte, sie sei gegen diese Entscheidung gewesen. RAF-Filme sind auf der Berlinale übrigens immer gern gesehen: Vor zwölf Jahren wurde Volker Schlöndorffs Film über Inge Viett in den Wettbewerb aufgenommen („Die Stille nach dem Schuss“), 2002 war es Christopher Roths „Baader“-Film, 2011 Andres Veiels Film über die im Terror endende Dreiecksgeschichte zwischen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Bernward Vesper („Wer, wenn nicht wir“).


Aber die Berlinale-Macher haben sich auch mit der Türkei angelegt, indem sie den Film der Taviani-Brüder über den Genozid an den Armeniern einluden („Das Haus der Lerchen“). Und sie haben die iranischen Mullahs gegen sich aufgebracht, als sie den gerade zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilten Filmemacher Jafar Panahi 2011 in die Jury beriefen. Panahi wurde zehn Tage lang demonstrativ ein Stuhl frei gehalten, und die Festspiele plakatierten in der Stadt die anklagende Frage „Wo bleibt Panahi?“.
In diesem Jahr dürfen sich neben den Ungarn die Chinesen freuen: Am Sonntag kommt Alison Klaymans Dokumentation „Ai Weiwei: Never Sorry“ zur Aufführung. Berlinale-Direktor Kosslick hat außerdem angeregt, Chinas verfolgtem Künstler eine Professur in Berlin anzutragen. „Dann muss er ja anwesend sein, und das werden wir den Chinesen noch mitteilen!“


Am nächsten Donnerstag ist dann Fliegauf mit „Just the Wind“ dran. Sein Film basiert auf den Roma-Pogromen, die 2008 und 2009 in Ungarn stattgefunden haben. Elf Menschen sind dabei gestorben, die Hetze gegen die Roma hält bis heute an. Am 18. Februar werden die Filmfestspiele dann noch den Episodenfilm „Hungary 2011“ zeigen, der die politische Atmosphäre in Ungarn thematisiert. Zu den Regisseuren gehören neben Fliegauf auch Ágnes Kocsis, Márta Mészáros und Miklós Jancsó. Die anschließende Diskussion wird Bela Tarr leiten, ein Mann, der im vergangenen Jahr für sein Epos „Das Turiner Pferd“ mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, der sich in seinem Heimatland nicht mehr wohlfühlt und sagt: „Die Orbán-Regierung muss weg. Nicht ich.“ So sieht das die Berlinale-Leitung offenbar auch.


Dieter Kosslick hat für die 62. Filmfestspiele übrigens das politische Motto „Aufbrüche und Umbrüche“ ausgegeben. Dazu, hat er gemeint, passe schon der Eröffnungsfilm „Les Adieux à la Reine“. Aus diesem Film über den Ausbruch der Französischen Revolution könne man lernen, dass es jedem Despoten am Ende nur um zwei Dinge gehe: „Ums Geld und um sich selbst.“ Darin liege auch die Verbindung zu den Filmen über den Arabischen Frühling, die man selbstverständlich auch ins Programm genommen habe.


Barbara Möller

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