Hamburger Abendblatt

Bayreuth 2010

Bye bye, Bayreuth!

1. August 2010

Bye bye, Bayreuth!
Das war’s also wieder. Eine Woche Oper unter härtesten (Sitz-)Bedingungen. Einstündige Pausen für Smalltalk ohne Ende. Riesenschlagen vor der Festspiel-Bratwurst. Opern-Begeisterung rund um die Uhr. Ordens- und anderswie geschwellte Brüste. Das ständige Geraune. „Also, seine Regie und wieder der den Parsfal…“ schon morgens beim Frühstück. Oder „Wenn man die Karten auch bei TAff kriegt, dann kann man auch wechseln“, oder „Er hat sie ausdrücklich als seine Lebensgefährtin vorgestellt – ist das nicht…“ oder im Café dann „Möchtest du Ratten als Ritter haben? ICH NICHT!“ Oder: Hast du den Kollo gesehen? Doch, der war drin. Wenn ich’s dir doch sage.“
Die Baustellen-Bratwurst in der Maximilianstraße, wo seit Jahren gebaut wird, als werde spätestens 2013 hier eine Haltestelle der U-Bahn nach München eröffnet. Beim Bier abends dann die Musiker mit schrecklichen Einzelheiten aus dem Graben oder einhiemischen Orchestern, und zwischendrin die Redaktion am Handy, oder die Pressestelle der Festspiele, oder ein Kollege, den man abends noch rasch auf ein kühles Zwickl im Biergarten treffen muss.
Zwischendrin eine Viertelstunde im Wagner-Garten mit Blick auf Wahnfried und Mini-Fontäne.   Wagnertouristen alle Sorten: Ergriffen, die Partituren im Kopf und die Karten in der Brieftasche. Tagesausflügler in Adidas mit To-go-Kaffee, die einen flüchtigen Blick auf die unbenamste Grabplatte des Meisers werfen, mit den Schultern zucken und weitertraben. Und Jogger. Ja, selbst hier… Wie soll man denn da in Ruhe Wagner lesen?
Aus, vorbei. Im Festspielhaus diesmal fast alles gesehen. Stunden abgesessen. Kurz vor Anfang die Kugellampen im Zuschauerraum gezählt. Meistens komm ich auf 126 – und Sie? Berührt von dem, was auf der Bühne war, mal angenehm, manchmal weniger. Es gab Momente, in den man niederkien mochte, und andere, die man mit großen Fragezeichen nach Hause trugt, wo sie dann beim Einschlafen störten. Dagegen hilft Zwickl.
Jetzt aber nicht mehr. Um 16.12 Uhr rollt der Bummelzug von Bayreuth Richtung Nürnberg los. Und spätestens dort wird man vom ICE nach Hamburg wieder auf Touren gebracht. Ein Hauch Wagner reist natürlich mit: „Lohengrin“, als MP3. Aber irgendwie ist das nicht richtig, im Polstersitz, mit Knopf im Ohr, ganz ohne Krawatte, die Beine ausgestreckt und einen heißen Kaffee in Griffweite.
Tschüs, Bayreuth. Klar komm ich wieder. 25.Juli, same procedure. Hojotoho, und bis dann..
Foto: Fink

Foto: Fink

Das war’s also wieder. Eine Woche Oper unter härtesten (Sitz-)Bedingungen. Einstündige Pausen für Smalltalk ohne Ende. Riesenschlangen vor der Festspiel-Bratwurst. Opern-Begeisterung rund um die Uhr. Ordens- und anderswie geschwellte Brüste. Das ständige Geraune. „Also, seine Regie und wie der der den Parsifal…“ schon morgens beim Frühstück. Oder „Wenn man die Karten auch bei TAff kriegt, dann kann man auch wechseln“, oder „Er hat sie ausdrücklich als seine Lebensgefährtin vorgestellt – ist das nicht…“ oder im Café dann „Möchtest du Ratten als Ritter haben? ICH NICHT!“ Oder: Hast du den Kollo gesehen? Doch, der war drin. Wenn ich’s dir doch sage.“

Die Baustellen-Bratwurst in der Maximilianstraße, wo seit Jahren gebaut wird, als werde spätestens 2013 hier eine Haltestelle der U-Bahn nach München eröffnet. Beim Bier abends dann die Musiker mit schrecklichen Einzelheiten aus dem Graben oder einheimischen Orchestern, und zwischendrin die Redaktion am Handy, oder die Pressestelle der Festspiele, oder ein Kollege, den man abends noch rasch auf ein kühles Zwickl im Biergarten treffen muss.

Wahnfried und Minifontäne - Foto: Fink

Wahnfried und Mini-Fontäne - Foto: Fink

Zwischendrin eine Viertelstunde im Wagner-Garten mit Blick auf Wahnfried und Mini-Fontäne.   Wagnertouristen alle Sorten: Ergriffen, die Partituren im Kopf und die Karten in der Brieftasche. Tagesausflügler in Adidas mit To-go-Kaffee, die einen flüchtigen Blick auf die unbenamste Grabplatte des Meisters werfen, mit den Schultern zucken und weitertraben. Und Jogger. Ja, selbst hier… Wie soll man denn da in Ruhe Wagner lesen?

Aus, vorbei. Im Festspielhaus Stunden abgesessen. Kurz vor Anfang die Kugellampen im Zuschauerraum gezählt. Meistens komm ich auf 126. Berührt von dem, was auf der Bühne war, mal angenehm, manchmal weniger. Es gab Momente, in den man niederkien mochte, und andere, die man mit großen Fragezeichen nach Hause trug, wo sie dann beim Einschlafen störten. Dagegen hilft Zwickl.

Jetzt aber nicht mehr. Um 16.12 Uhr rollt der Bummelzug von Bayreuth Richtung Nürnberg los. Und spätestens dort wird man vom ICE nach Hamburg wieder auf Touren gebracht. Ein Hauch Wagner reist natürlich mit: „Lohengrin“, als MP3. Aber irgendwie ist das nicht richtig, im Polstersitz, mit Knopf im Ohr, ganz ohne Krawatte, die Beine ausgestreckt und einen heißen Kaffee in Griffweite.

Tschüs, Bayreuth. Klar komm ich wieder. 25. Juli 2011, same procedure. Hojotoho, und bis dann..

Was wird denn hier gespielt?

1. August 2010



Wagners Opern sind kompliziert, eingebunden in ein Denkgeflecht aus dem vorvorigen Jahrhundert. Wer im Bayreuther Festspielhaus sitzt, hat inzwischen schon realtiv viel Glück, denn die Textverständlichkeit der Sängerinnen und Sänger ist in diesem Jahr recht hoch. Aber selbst, wenn man alles verstünde: Was will und der Dichter und Komponist Wagner, was wollen uns die Regisseure damit sagen? Gleich drei Angebote für Einführungen in das jeweils am Abend gespielte Werk versprechen Abhilfe – alle starten jeweils um 10.30 Uhr. Wir haben sie getestet.

Im Chorsaal des Festspielhauses erläutert Katja Leber die Sicht der Regieteams. Die Kenntnis der Handlung und die Eintrittskarte für den Abend sind mitzubringen, dafür lenkt die junge Theaterwissenschaftlerin aus Frankfurt den Blick kostenlos und kompetent auf Details, auf ungewöhnliche Blickwinkel, auf hinter der Inszenierung stehende Grundideen: Warum schaut Wotan Anfang der Walküre noch mal rasch bei Siegmund und Sieglinde vorbei? Wo kommen die Frisuren der Götter her? Was haben die „Normalos“ in Tankred Dorsts „Ring des Nibelungen“ zu bedeuten? Wer etwas vom Abend zuvor nicht verstanden hat, dem wird hier auch geholfen. Ein Flügel steht zwar auf der Bühne, die Erläuterungen gibt es allerdings ohne Musik. Nach einer guten halben Stunde ist man gerüstet für das Abenteuer am Abend. Bei Erläuterungen der Neuinszenierungen soll es hier sogar richtig voll werden; bei der „Walküre“, die schon lange im Angebot ist, war die Zuhörerzahl extrem überschaubar – schade.

Foto: Fink

Foto: Fink

Platzhirsch in Bayreuth ist seit Mitte der 90er-Jahre Stefan Mikisch. Ein anständiger Pianist, pointierter und belesener Erzähler und ein Tausendsassa, wenn es darum geht, im evangelischen Gemeindesaal in der Richard-Wagner-Straße die musikalischen Motive der Wagner-Opern, ihre gröbsten Verwicklungen, philosophische Hintergründe und musikgeschichtliche Zusammenhänge hörbar zu machen. Er nimmt seine Zuhörerschar – bei „Parsifal“ zum Beispiel kamen mehr als 300 Lernwillige – mit auf eine Reise von Demokrit und Sokrates bis zur Astrophysik, spielt hübsche Potpourris, um Tonarten-Verwandschaften sinnfällig zu machen, gerät zuweilen auf esoterische Abwege, wenn er Tonarten mit Sternzeichen in Verbindung bringt. Der Aha-Effekt des Schon-mal-gehört-Habens am Abend dürfte nachhaltig sein,  und Mikischs Art, Wagner mit Puccini, Jazz, Beethoven und Jacques Offenbach zu vermischen, ist mindestens einmalig. Der Mann erklärt einfach alles – und das 90 Minuten lang, von denen keine langweilig wird. Die 12 Euro dafür sind gut angelegt – allerdings wird auch hier die Grundkenntnis der Handlung vorausgesetzt. Und zu den aktuellen Inszenierungen äußert sich Mikisch sicher nur, falls mal danach gefragt wird. Sein 40 CDs umfassendes Erklär-Gesamtwerk gibt’s draußen am Büchertisch. Und bis zum Start der Oper nimmt sicher jeder einen Ohrwurm mit, der ihn bis hinauf auf den Hügel begleitet.

Dort, wo der Meister selbst gearbeitet hat, sein Werk erklärt zu bekommen – authentischer geht’s nun wirklich nicht. Das tut Dr. Sven Friedrich, der Leiter von Richard Wagners Villa Wahnfried im großen Saal des Hauses (Richard-Wagner-Straße), ebenfalls um 10.30 Uhr. Auch hier muss man 90 Minuten übrig haben, dafür wird hier vor allem erklärt, was sich da auf der Bühne eigentlich abspielt, und wozu welche Musik gehört. Einen hohen Wiedererkennungswert für den Abend bieten die ausführlichen Musikbeispiele aus historischen Aufnahmen, hübsch sind auch die Illustrationen aus den ersten Bayreuther Aufführungen. 12 Euro kostet diese Versteh-Hilfe, die fast perfekt wäre, wenn sie noch mit Bildern aus den aktuellen Inszenierungen aufwarten würde.

Und wer’s dann immer noch nicht verstanden hat, muss warten, bis aus Hamburg die Kabarettistin Marlene Jaschke zu Hilfe eilt. Auch sie ist in der Villa Wahnfried zu Gast – mit ihrem ultimativen Erklärungsversuch „Auf in den Ring!“ (Karten reservieren unter 0921/757 28 16). Wer dann noch Fragen hat, dem ist wirklich nicht zu helfen.

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„Wir sind Festspiele“

30. Juli 2010

Auch wenn es oft falsch zitiert wird als „Kinder, schafft Neues“ und sich so auch im Kopf der Autors festgesetzt hatte: Richtig heißt das Zitat „Kinder, macht Neues“ – so mahnte Richard Wagner seine Jünger vor Erstarrung im Hergebrachten 1852 in einem Brief an Franz Liszt; Blog-Leser „Falparsi“ hat uns darauf hingewiesen.  Der neue Förderverein der Bayreuther Festspiele „TAff“, am 27. Juli gerade erst amtlich eingetragen, nimmt die Mahnung ernst und zitiert sie in seinem ersten Prospekt auch korrekt.

Der Vorstand der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" (GdF): Stephan Götzl, Georg Freiherr von Waldenfels und Wolfgang Wagner. (dpa)

Der Vorstand der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" (GdF): Stephan Götzl, Georg Freiherr von Waldenfels und Wolfgang Wagner. (dpa)

Der neue Verein, gegründet von einem fränkischen Telekommunikationsunternehmer und einem Werber, sorgt droben am Festspielhügel für Gesprächsstoff und Aufregung. Nicht, weil er schon einige 100 Anmeldungen auf seiner Liste stehen hat – die traditionelle „Gesellschaft der Freunde Bayreuths“ (www.freunde-bayreuth.org), Mitgliedsabzeichen: der kleine goldene Ring am Revers, hat 5324 Mitglieder. Sie haben aktuell 8,7 Millionen Euro in ihrer Förderkasse – 55 Millionen haben sie den Festspielen an Unterstützung in den vergangenen 60 Jahren zukommen lassen. Mehr noch: Sie sind zu 25 Prozent Miteigner der Festspiele und bekommen gut 24 Prozent aller Festspielkarten für ihre Mitglieder.
„TAff“ wird noch ganz schön rackern müssen, um da zahlenmäßig auf Augenhöhe zu kommen. Noch residiert der Verein am Stadtrand und die „Freunde“ direkt neben dem Festspielhaus auf dem Hügel. Bei den „Freunden Bayreuths“ allerdings blinken die Warnlampen. Denn die Neuen verweisen wie selbstverständlich auf das Wohlwollen der Festspielleitung, das man für sich selbst gepachtet glaubte. Und darauf, dass sogar Stardirigent Christian Thielemann Mitglied werden wolle. Und dass sie nur ein „technischer Vorstand“ zum Zweck der Vereinsgründung seien. Andreas Vogt, von der Festspielleitung sehr geschätzt, im „Freunde“-internen Vorstandsstreit dort gegangen, soll bei der ersten Mitgliederversammlung an die „TAff“-Spitze gewählt werden. Mit ihm liebäugeln offenbar eine ganze Reihe von „Noch“-Freunden mit einem Wechsel. Neue Zeiten auch für die Mäzene?
Noch kann „TAff“ seinen Mitgliedern nicht allzu viel bieten, wobei Einblicke und Bühnen- und Orchesterproben in Bayreuth schon ein echtes Pfund sind. Spannend würde es, wenn auch „TAff“ seinen Mitgliedern ein Kartenkontingent weiterverkaufen könnte. Bei den Freunden ist das eines der stärksten Argumente für eine Mitgliedschaft – sie verkürzt die Wartezeit von etwa zehn auf drei bis vier Jahre. Wenn auch „TAff“ Karten bekäme, hätten die Freunde dieses Exklusiv-Argument nicht mehr. Festspiel-Chefin Katharina Wagner sagte dem Abendblatt, sie wolle die Entwicklung noch abwarten, bevor man darüber mal sprechen könne.
Im Augenblick wird heftig geschmollt. Weder die beiden Festspielleiterinnen noch Eröffnungsregisseur Hans Neuenfels beehrten die „Freunde“ mit ihrem traditionellen Erscheinen bei der Mitgliederversammlung. Kreislaufprobleme, Nasenbluten und eine Signierstunde verhinderten das – auf dem Hügel ist so was Gesprächsthema für mindestens eine Woche.
Aber die „Freunde“ hatten auch ordentlich vorgelegt: Nicht nur zögert deren Vorstand, eine Zusage für die Finanzierung einer neuen, dringend notwendigen Probebühne abzugeben. Auch für die Unterstützung des Künstlerempfangs, gerne mit Kanzlerin, wurde in diesem Jahr abgewunken. Die Festspielleitung freut sich, dass es nun zwei Fördervereine gibt, von denen sicher eine immer Gutes tun möchte´. Diesmal sprang „TAff“ gern ein. Zahlte und propagierte seinen selbstbewussten Slogan „Wir sind Festspiele“. Der prangt auch auf der Website (www.wir-sind-festspiele.de), die seit kurzem online ist.  Der Anfang ist gemacht – für die Festspiele kann das nur ein Vorteil sein.

Bayreuther Geschmacksfragen

28. Juli 2010

 

 

Foto: Fink

Foto: Fink

Wie schmecken eigentlich Opern? Die  „Meistersinger“, immer noch in der Inszenierung  von Katharina Wagner schmecken nach Limone, die „Walküre“ in Tankred Dorsts uninspirierter Bühnenfassung nach Birne/Ananas. Stefan Herheim darf sich freuen: Für den „Parsifal“, den er in einem hyperagilen Bühnenbild durch Wahnfrieds deutsche Jahrzehnte jagt, haben sich die Kräutertee-Produzenten Aprikose/Champagner einfallen lassen. Womit ja schon klar wäre, was für Hans Neuenfels’ großartigen

Foto: Fink

Foto: Fink

„Lohengrin“ als Steigerung übrig bleiben kann: Lohengrin ist Trüffel.

Moment mal: Kräutertee mit Trüffelgeschmack? Vielleicht noch aus der Wagner-Tasse mit dem Bildnis des Meisters? Dann lieber noch mal 5 Stunden 40 Lohengrin in echt, gesungen und gespielt, auf hartem Festspiel-Klappsitz. Und den Champagner hinterher. Und bitte auch in echt.

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Zehn Tipps für selbstbewusste Festspiel-Störer

27. Juli 2010

Wenn im Zuschauerraum das Licht verglimmt, könnte man Walküre, Lohengrin, Siegfried & Co. einfach bis zum Ende ruhig anhören. Muss man aber nicht, wie die ideenreichen Störversuche aus dem Publikum zeigen?

1. Mit steigender Intensität von außen an die Saaltür klopfen, wenn Sie nicht hineingelassen werden, nur weil das Stück schon angefangen hat.

2. Handy vier- bis fünfmal klingeln lassen – am besten den gut hörbaren „Old phone“-Alarm oder einen angesagten Metal-Titel gleich am Anfang von „Lohengrin“, wenn das Orchester noch so schön leise spielt. Achtung: Nicht zu früh wegdrücken!

3. Brillen-Etui, Opernglas, Handy fallen lassen. Programmheft geht auch – wenn Sie das dicke gekauft haben, gibt das auf dem Holzboden schon mal einen ordentlichen Rumms.

4. Wenn Sie kein Programmheft haben: Beim Kramen in der Handtasche Geldstücke rauskullern lassen. Nicht zu wenige, die Nachbarn zählen schließlich mit.

5. Der eigenen Begleitung Bühnenbilder und Handlung erklären – hier ist Power-Flüstern angesagt, sonst haben die Umsitzenden nichts was davon.

6. Hustenanfälle erst mal ordentlich ausleben. Unterdrücken nur, wenn man dadurch glaubhaft Erstickungsgefahr vortäuschen kann und der nächstsitzende Arzt unruhig wird.

7. Nehmen Sie keine Hustenbonbons mit, bei denen nicht wenigstens die Tüte kräftig knistert. Suchen Sie in Ruhe und ohne Stress das Bonbon aus, das der Stärke Ihres Hustenanfalls angemessen ist.

8. Klopfen Sie den Takt mit dem Fuß mit. Aber: Was präzise im Takt liegt, ist nur halb so aufregend wie knapp daneben.

9. Außerordentlich wirksam ist die scheinbar harmlose Frage: „Hast du eigentlich den Tisch reserviert für danach?“ Fragen Sie immer sofort, wenn’s Ihnen einfällt – sonst haben Sie die Frage bei den komplizierten Handlungen bis zur Pause schon wieder vergessen. Außerdem können die Sitznachbarn gleich mit überprüfen, ob sie vorgesorgt haben.

10. Warten Sie mit lautstarken Meinungsäußerungen nie bis zum Ende des Stücks. Wenn alle gleichzeitig „Buh“ rufen, läuft Ihr profiliertes „Pfui“ leicht Gefahr, einfach unterzugehen. Rufen Sie sofort dazwischen, wenn Sie etwas richtig stört – das geht schließlich alle an, und jeder kann es dem Vergehen auf der Bühne gleich richtig zuordnen.

Was sagen Sie da? Sie haben gar keine Karte für Bayreuth? Ist doch halb so schlimm: Was in Bayreuth funktioniert, ist allemal gut genug fürs heimische Theater.

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„Ja, ist er jetzt doch wieder mit seiner…?“

26. Juli 2010

Foto: DPA

Foto: DPA

Wem die Festspielkarten zu teuer sind, der hat zumindest ein Schauspiel gratis: den Aufmarsch der Prominenz zur Eröffnungspremiere. Wird der Vorplatz am Königs(an)bau des Festspielhauses abgesperrt, Fotografen, rangeln um die besten Plätze, am Ende stehen Sie nach Größe der Leitern gestaffelt mehr oder weniger friedlich und warten mit großen Objektiven. Die Kanzlerin, Guido Westerwelle, Guttenberg, Fürstin Gloria, Edgar Selge, Seehofer, Genscher, Gottschalk und, und, und…

Erste Disziplin im Block des zuschauenden Volks: Wer ist wer? Bei fernsehbekannten Gesichtern ist das kein Problem, meistens. Da gibt es die Punktewertung sofort durch Applaus oder Buh-Rufe, man ist ja schließlich vorm Theater. Es ist eine Volksabstimmung der besonderen Art. Besonders gemein: Wenn beim Vorausgehenden geklatscht wird und dann kommt einer, und es bleibt mausestill. Wirtschaftsführer haben es generell schwerer als die Politiker. Bitterster Spruch dazu, sinngemäß übertragen aus dem Oberfränkischen: „Sehen tu ich ihn schon, aber kennen tu ich ihn nicht.“ Die Kanzlerin fällt durch. „Die war so klein, die hab ich nicht gesehen.“

Zweite Disziplin: Wer mit wem? Das Volk kennt sich aus. „Ja, ist er jetzt doch wieder mit seiner…?“ – „Die war doch vor zwei Jahren mit dem Dings da…“. Oder prophetisch: „Da wird er was ham…“ Am interessantesten sind naturgemäß Theaterpärchen, die Rätsel aufgeben: „Wen die Gloria da nun wieder…“ Die Fürstin spricht intensiv mit einem schwergewichtigen farbigen Festspielbesucher; sie lächelt still so etwas wie „Nie sollst du mich befragen.“

Dritte Disziplin: die Stilkritik, gestaffelt in Extrapunkte für Dekolleté, Beine, teuer, altersgemäß und extravagant. Klare Favoriten gab’s bei der Eröffnung keine, es dominierte noble Dezenz. Sicher, der eine oder andere Orden wurde wieder zu aufdringlich getragen, hier und da hatte die Robe im vergangenen Jahr noch lockerer gesessen. Bei den Herren war ein roter Gehrock der Gipfel der Extravaganz, bei den Damen eine Creation, die nur einem Träger über der rechten Schulter traute. Da kann das Wagner-Publikum bei den folgenden Aufführungen noch deutlich nachlegen.

Vierte Disziplin: Wie lang hält man das eigentlich aus – so als Volk? In der Knallsonne stehen, Digikamera hochhalten, ins Blaue knipsen und lästern? Einige beschlossen angesichts der undurchdringbaren Mauer von Schaulustigen noch ganz am Anfang: „Mir gehn heim und schaun’s im Fernseh.“ Andere standen tapfer von zwei Uhr bis vier da oben vorm Eingang. Ganz schön viele  belagerten noch Stunden später in den beiden „Lohengrin“-Pausen den Auf- und Abgang zum Restaurant.

Bayreuth kann ganz schön hart sein. Nicht nur auf den Sitzen, sondern auch als Volk.

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Die weiße Festspielfahne weht

25. Juli 2010

Über Festspielhaus auf dem Grünen Hügel weht die weiße Fahne mit dem verschlungenen W – der erste Festspieltag ist gekommen, die Anfahrt vor dem Königsbau abgesperrt, damit Angela Merkel & Co. stressfrei durch das Volk geleitet werden können. Schon um 11 Uhr drängeln sich die Fotografen in der Sonne, die ersten Zuschauer haben ihre Spitzenplätze direkt am Absperrgitter fest im Blick. Derweil erzählen Eva und Katharina Wagner drinnen, wie wunderbar die Zusammenarbeit mit Hans Neuenfels, dem „Lohengrin“-Regisseur, war.

Die Richard-Wagner-Büste des Bildhauers Arno Breker

Die Richard-Wagner-Büste des Bildhauers Arno Breker

Der bedankt sich ordentlich, lobt die Arbeit auf dem Hügel, lässt ein, zwei Sottisen über das provinzielle Bayreuth los und dass sich ausgerechnet hier eine der tiefsten Auseinandersetzungen mit dem entwickelt habe, was deutsch sei. Katharina Wagner, der bohrenden Fragerei schon im Vorfeld offenbar müde, überrascht noch mit den Namen zweier Personen, die das Projekt „Aufarbeitung der Bayreuther NS-Vergangenheit“ leiten sollen: Peter Siebenmorgen und der Stuttgarter Neuhistoriker Wolfram Pyta.

Um 12.30 Uhr hebt sich der Vorhang auf Probebühne 4 zur ersten von zwei Premieren an diesem Sonntag: Der „Tannhäuser“ für Kinder. Und bis 16.00 Uhr müssen 2000 Premierengäste ihren Platz im großen Haus gefunden haben. Dann zeigen Neuenfels (Regie), Reinhard von der Thannen (Bühnenbild und Kostüme) sowie Andris Nelsons (Dirigent), wie „Lohengrin“ im Erlösungslabor seinen Gralsauftrag abarbeitet. Annette Dasch, die kürzlich von einem herunterfallenden „Parsifal“-Requisit ausgeknockt worden war, ist wieder bei Kräften – das Premierenfieber steigt, es kann losgehen.

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Wie komme ich da rein?

23. Juli 2010

Foto: AP

Foto: AP

Kurz vor Eröffnung der Festspiele mit „Lohengrin“ laufen die wildesten Gerüchte durch die Festspielgemeinde. Im Chor beschwert man sich über die Kostüme, lebende Ratten sollen auf die Bühne gebracht werden, das böse Wort „Skandal“ zischelt lüstern durch die Gänge. Hans Neuenfels sieht es gelassen und mit einem Augenzwinkern. Er will den „Lohengrin“ als eine Art Laborversuch auf die Bühne stellen: Ist es überhaupt denkbar, dass Elsa dessen „Nie sollst du mich befragen“ standhält?

Am Sonntag ab 16 Uhr wird das Premierenpublikum auf dem Grünen Hügel langsam schlauer werden. Angesagt sind festspielkompatible 22 Grad, so dass das Festspielhaus – gern gescholten als „teuerste Sauna der Welt“ – kaum wegen der Temperatur überkocht. Aber wie kommt man da überhaupt rein?

Es gibt in diesem Jahr 54.000 Festspielkarten, für die 408.000 Kartenwünsche eingegangen waren. Acht bis neun Jahre warten heißt das, bis man auf der Liste so weit vorgerückt ist, dass man eine reelle Chance hat. Wer zahlendes Mitglied im Förderkreis der „Freunde von Bayreuth“ ist, kann etwas schneller dabei sein: Nur drei bis vier Jahre dauert es dann, bis man zwei der begehrten Tickets in der Hand hat. Etwas teurer sind die Karten geworden in diesem Jahr, sie kosteten zwischen 15 und 280 Euro.

Optimisten stellen sich schon ab 12 Uhr vor der Kasse und dem Künstlereingang auf – in Abendkleid oder Anzug und mit einem Schild „Suche Karte“. Weil es immer jemanden gibt, der doch plötzlich Angst hat vor Lohengrin, den Nibelungen oder Parsifal, schaut das Glück öfter vorbei, als man denkt… Der Preis: Verhandlungssache.

Die Brecheisen-Methode: Wer sich ganz sicher ist, dass er Geschäftspartner oder Schwiegereltern mit Kultur beeindrucken muss und zehn Jahre zuvor einfach nicht dran gedacht hat, Karten zu bestellen, der gibt bei Google „Festspiele Bayreuth Karten Euro“ ein und findet nach einigem Suchen in den Tiefen des Internets Spezial-Agenturen, die wenige, aber aktuelle Karten zu hoffnungslos überteuerten Preisen anbieten. Schnäppchen liegen da bei etwa 500 Euro, ein ganzer Ring ist manchmal für 4500 Euro zu haben – oder auch schon nicht mehr. Die Festspiele sehen diesen zweiten Markt gar nicht gern.

Deutlich bequemer und preiswerter ist da das Radio: NDR Kultur überträgt die Premiere am Sonntag live ab 15.55 Uhr – und das mit einer Sitzqualität, die Sie in Bayreuth nie bekommen, wenn Sie nicht gerade Kanzlerin sind.

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Grüner Hügel 2010, die Erste: Der Festival-Bär ist los

19. Juli 2010

Trommeln und Tücher zum Tanz: Vor den Wagner-Festspielen hat Bayreuth das Afro-Karibische Festival gesetzt. Foto: Hans-Juergen Fink

Trommeln und Tücher zum Tanz: Vor den Wagner-Festspielen hat Bayreuth das Afro-Karibische Festival gesetzt. Foto: Hans-Juergen Fink

Das Afro-Karibische Festival sorgt eine Woche vor Eröffnung der Wagner-Sause dafür, dass die oberfränkische Stadt nicht zu monokulturell wird.

Eine Woche vor der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele ist in Bayreuth längst der Festival-Bär los. Ganz besonders vor dem Alten Schloss; da wird getrommelt und gesungen, was das Zeug hält. Das Afro-Karibische Festival, auch das hat hier Tradition, sorgt dafür, dass die oberfränkische Wagner-Stadt nicht zu monokulturell wird.

Die Musik hat ordentlich Wumm und muss sich vor dem Lärm im Bayreuther Orchestergraben nicht verstecken. Würde heute der alte Bruckner noch mal den toten Liszt nebenan in der Schlosskirche ins Grab orgeln, es wäre kaum zu hören. Von Zebras über Räucherstäbchen und Reggae-CDs bis hin zu Shishas wird auf dem Festvial alles verditscht, was sich unversehens bei der nächsten Schlingensief-Inszenierung auch auf der Bühne des Festspielhauses wiederfinden könnte.

Überhaupt: die Shisha, die Wasserpfeife. Sie macht Bayreuth weltläufig und gehört hier selbstverständlich zum Angebot diverser Call-Shops, die Bayreuth „85 Prozent billiger“ mit der ganzen exotischen Welt da draußen verbinden. Von denen gibt es viele, genau wie von den Handy-Shops, die nach und nach in der Fußgängerzone die Bäcker und Eisläden ersetzen.

Eine Woche vor Wagner ist von Richard noch nicht viel zu spüren in der Stadt. Eine Apotheke warnt zwar: „Sommerzeit ist Festspielzeit“ und offeriert sicherheitshalber Ultradeos und Cremes, die erschlaffte Gesichter über Nacht regenerieren sollen. Wagners Russ, der treue Neufundländer des Meisters, ruht und wacht immer noch an dessen Grab. Vor Jahren hat ihn der Hitler-Gartenzwerg-Künstler Ottmar Hörl zum stadtmöblierenden Kunst-Multiple zu Hunderten vervielfältigt; jetzt haben sich die letzten Exemplare  (sofern sie nicht von Hardcore-Wagnerianern in den heimischen Garten entführt wurden) in die Schaufenster von Friseuren und vom „Joy Erotic Paradies“ am Hauptbahnhof zurückgezogen – eine höchst sublime Inszenierung.

Die Woche vor der Premiere ist Generalprobenwoche. Da sind die Hotelpreise schon auf Festspiel-Niveau, denn jetzt dürfen Solisten, Choristen und Orchestermitglieder Freunde und Angehörige einladen, um zuzuhören und sie davon zu überzeugen, dass zehn Wochen Proben und Aufführungen in Bayreuth harte Arbeit sowie klösterliche Abgeschiedenheit und nicht etwa Venusberg bedeuten. Schlechte Zeiten für Taxifahrer – „die kommen alle mit dem eigenen Wagen“.

Abends sitzen Orchestergrüppchen im Biergarten beieinander, beäugen sich, um herauszufinden, wer woher kommt und welches fremde Instrument sich da ins eigene Stammlokal verirrt hat. Gefeiert wird auch schon, und manchmal wird sogar ein Cellist zu den Ersten Geigen eingeladen – strenge Krawattenpflicht. Die Frage aller Fragen – „Wie wird der Neuenfels-Lohengrin?“ – wird überall gestellt und erzeugt überall, außer Geraune und Gerüchten, verschworenes Schweigen, das nicht mal die Berliner Kollegin bricht, die seit Beginn der Proben als „embedded journalist“ alles, aber auch wirklich alles und Allerheiligstes sehen darf, aber über das Wichtigste natürlich auch nicht schreiben darf. Dabei hat sie sogar die Zahl der Stufen errechnet, die Neuenfels’ Assistentenschar täglich im Festspielhaus rauf- und runtersprintet: 14.960.

Lohengrin-Generalprobe ist am Donnerstag. Spätestens dann wissen noch mehr Rauner, dass Jonas Kaufmann ein absoluter Traum-Schwanenritter sein wird. Dann rüsten sich die neuen Herrinnen des Hügels für Kanzlerin und Co., in der Fußgängerzone wird nicht mehr getrommelt – Bayreuth startet in neue sechs Wochen Ausnahmezustand und Wagner-Seligkeit.

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