Hamburger Abendblatt

Sehnsuchtsort Zoo

15. Februar 2012

Wer über den grauen, von überteuerten Kaffeehausketten und Steakrestaurants gesäumten Potsdamer Platz zum Berlinale-Plast läuft, hat vor allem einen dringlichen Wunsch (abgesehen von dem, sich nochmal im Bett umzudrehen): in eine andere Welt abzutauchen. Wohl noch kein Wettbewerbsbeitrag erfüllt diesen Wunsch besser als der des indonesischen Filmemachers Edwin. „Postcards from  the Zoo“ ist ein kurios anmutendes, poetisches Kinomärchen. Es erzählt von einem Mädchen, Lana (Ladya Cheryl), das einst als kleines Kind von seinem Vater im Zoo zurückgelassen wurde und nun dort als Tierpflegerin lebt und arbeitet, mit faltigen Nilpferden, dickköpfigen Tigern, einer wunderschönen, eleganten Giraffe – der Königin des Zoos gewissermaßen – und all den verlorenen Gestalten, die sich in dem sattgrünen Mikrokosmos ein Zuhause eingerichtet haben.

Von Entwurzelung und Heimat erzählt dieser Film, von Geborgenheit und dem Traum auszubrechen in ein anderes Leben. Lana lernt einen schweigsamen Cowboy kennen, der die wildesten Zaubertricks beherrscht, sie folgt ihm in die Welt da draußen und landet bald in einem als Wellnesstempel getarntem Edelpuff. Auf Männer trifft sie hier, die sich an den traurigen Schicksalen der Mädchen ergötzen und sie bitten, sich in ein Tigerkostüm zu pressen, das in Wahrheit ein Leopardenkostüm ist, wie Lana vorsichtig anmerkt.  Immer größer wird ihr Heimweh nach den Tieren, den versponnen Besuchern, die etwa ihr Baby neben einer Python fotografieren lassen, und der Geräuschkulisse aus Vogelzirpen, hungrigem Röhren und den Wind in den Bäumen.

Folgt man der in Kritikerkreisen beliebten These, der Goldene Bär ginge vorrangig an Filme mit unterdurchschnittlich viel Dialog, die der Presse um neun Uhr früh vorgeführt werden – „Postcards from the Zoo“ hätte gute Chancen auf den begehrten Preis. Es wäre nicht die schlechteste Entscheidung. (jac)