Hamburger Abendblatt

China auf dem Weg zum Kommunismus

15. Februar 2012

Jetzt hat man also auch den zweiten chinesischen Film im Wettbewerb gesehen. Eine Geschichte aus dem bäuerlichen China, in dem es nach der Abdankung des letzten Kaisers drunter und drüber geht. Für die einen gilt der alte Moralkodex noch, für die anderen nicht, ehemalige Nachbarn schwingen sich zu kleinen Diktatoren auf, das Prinzip Kritik-und-Selbstkritik hält auf unheilvolle Weise Einzug, Tempel werden zerstört, Menschen denunziert, geköpft und gehenkt, nach den chinesischen Warlords kommen die Japaner, nach dem Zweiten Weltkrieg der Bürgerkrieg…
Mit Verlaub: Aus europäischer Sicht kann man die historischen Entwicklungen, um die es in Wang Quan’ans Film „Bai Lu Yuan“ (White Deer Plain) geht, streckenweise nur erahnen. Zumal  so viel und schnell geredet wird, dass man mit dem Untertitel-Lesen gar nicht hinterher kommt. Alles in allem scheint es sich um einen Film von Chinesen für Chinesen zu handeln.

Unter dem Strich bleiben die tollen  Bilder. Wangs deutscher Kameramann Lutz Reitemeier hat viele große Tableaux arrangiert. Der Regisseur hat darüber leider vergessen, sich für eine wirkliche Hauptfigur zu entscheiden. So rauschen die Bilder und Ereignisse von der Zeitenwende zum Kommunismus am Zuschauer vorbei und lassen ihn unbeteiligt zurück.

Das Erstaunliche an den beiden chinesischen Wettbewerbsbeiträgen ist, dass sie explizit politisch daher kommen. Hier muss niemand mehr zwischen den Zeilen lesen. Das ist überraschend, macht die Filme aber nicht unbedingt interessanter. Trotzdem liegen Welten zwischen Wang (der 2007 für „Tuyas Hochzeit“ den Goldenen Bären erhielt) und seinem Kollegen Zhang Yimou, der  sich dem chinesischen Regime mit einem unerträglich nationalistischen Kriegsdrama an den Hals geworfen hat. Seit „The Flowers of War“ am Montag im Wettbewerb gelaufen ist, klebt an Zhang das hässliche Etikett „Staatsregisseur“.  (BaM)