Hamburger Abendblatt

Abschiedsbriefe vor der Erschießung

14. Februar 2012

Was schreibt man in seinen Abschiedsbrief, wenn man nur noch eine Stunde Zeit hat? Was sind die letzten Gedanken, bevor man unschuldig hingerichtet wird? In seinem berührenden Berlinale-Beitrag „Das Meer am Morgen“ geht Regisseur Volker Schlöndorff dieser Frage nach. Hintergrund seiner Geschichte ist die Ermordung von 150 französischen Geiseln durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1941 als Vergeltung für die Tötung eines Nazi-Offiziers in Nantes. Der Anlass war jedoch der Brief eines 17-jährigen Jungen namens Guy Moquet, der zu den Ermordeten gehörte, an seine Freundin Odette, kurz bevor er aus einem Internierungslager zu seiner Hinrichtung abtransportiert wurde. Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte angeregt, Moquets Brief jedes Jahr an allen Schulen am Jahrestag seines Todes verlesen zu lassen. In Frankreich ist Moquet das Pendant zu Sophie Scholl.

„Das Meer am Morgen“ zeigt die Gnadenlosigkeit, mit der die deutschen Besatzer in Frankreich mit Hilfestellung französischer Polizei und Behörden gewütet haben. Schlöndorff sagte gestern, dass es ihm mit seinem Film um die Frage gegangen sei, wie man sich in einer Extremsituation wie der eines Krieges richtig verhalte. Als positives Beispiel dient ihm der junge Soldat Otto (Jacob Matschenz), der sich weigert, an dem Erschießungskommando teilzunehmen. Als literarische Vorlage nannte Schlöndorff „Das Vermächtnis“, eine Erzählung von Heinrich Böll, in der dieser seine Erlebnisse als Soldat in Frankreich schildert.

Als Zuschauer verfolgt man besonders das letzte Drittel des Films mit großer Beklommenheit. Schlöndorff zeigt die Erschießung von 27 Franzosen in drei Gruppen. Jedesmal die gleichen Kommandos, das Durchladen, die Schüsse, die zusammensackenden Körper, der finale Kopfschuss. Bilder, die nur schwer auszuhalten sind.

Volker Schlöndorff hat lange keinen Film mehr gemacht, der so wichtig ist wie dieser. Bei der Berlinale wird er in vier öffentlichen Vorführungen im Kino gezeigt, anschließend ist nur noch eine Auswertung per DVD und im Fernsehen geplant. ARD und Arte haben „Das Meer am Morgen“ mitproduziert. (oeh)