Hamburger Abendblatt

Von geistiger und handfester Nahrung

5. Oktober 2011

„Ein Mars, bitte!“, ordert die Dame um kurz vor zehn  am Tresen des Abaton. Und sie  klingt wie eine Verdustende, die ruft: „Wasser, ich brauche Wasser!“ Nach fünf Tagen Filmfest bedarf es für manche der Akkreditierten schon eines amtlichen Schokoriegels, um am frühen Vormittag in einen weiteren langen Kinotag starten zu können. Dafür werden sie am Mittwoch zum Auftakt mit der chinesischen Komödie „The Piano In A Factory“ belohnt (Fr 7.10., 19.15 Uhr, Metropolis).

Regisseur Zhang Meng erzählt die Geschichte von Chen, dessen Frau sich von ihm scheiden lässt. Damit die gemeinsame Tochter bei ihm bleibt, beschliesst er, dem Mädchen ein Klavier zu bauen. Sehr selbstverständlich wechseln Slapstick-Einlagen mit poetischen Momenten. Als Kulisse dienen Industriebrachen, die Meng mitunter mit farbigen Details  kontrastiert. Ein pinker Mantel auf Grau etwa. Das sind die wunderschönen, klaren und spannenden Bilder, die diesen Film ausmachen.

Letztlich hat Meng eine Parabel geschaffen. Man gebe den Menschen ein Projekt, bei dem es nicht ums Geldverdienen, ums blanke Überleben geht, sondern um das, was die Gesellschaft darüber hinaus zusammen hält: Familie, Freundschaft, Kunst. Ganz nebenbei wird der Betrachter auch noch ein klein wenig in die chinesische Esskultur eingeführt. Er sieht zum Beispiel, wie die Runde Fleischstücke an einem Tischgrill brät und dann direkt mit den Stäbchen isst.

Die Verpflegung ist grundsätzlich auch für den Filmfest-Besucher ein Thema. Für geistige Nahrung ist ja reichlich gesorgt. Aber ab und an brauchen Hirn, Herz und der restliche Körper auch Handfestes. Zum Glück haben die Organisatoren in der Zeltstadt auf dem Allende-Platz eine Art Mini-Kantine eingerichtet, die  für faire fünf bis sieben Euro warme Mahlzeiten für Cineasten bereit hält. Ob Lammgulasch mit Kartoffelgratin, Lasagne oder Gemüsecurry – alles äußerst schmackhaft.

Interessant ist natürlich auch immer, wie sich die Langzeit-Besucher ansonsten so ausstatten, um zum Teil fünf bis sechs Filme am Tag durchzusitzen. Wasserflasche, Rückencréme und Müsliriegel wurden bereits gesichtet. Standard bei allen ist jedoch das Programmheft, das im Laufe des Festivals zunehmend aussieht wie ein abgeliebtes Plüschtier. Immer wieder wird darin geblättert, auf der Suche nach dem nächsten Film, nach einer weiteren bewegenden Story.

Und wer in den Pausen nur kurz Zeit hat für einen Gang auf die Toilette, aber trotzdem ein wenig cineastischen Austausch braucht, der plaudert halt vor den Waschbecken über das Gesehene. Das Treiben vor den Spiegeln erinnert mitunter an Flughäfen, wo sich die Passagiere auch schnell frisch machen, bevor es auf den nächsten langen Flug geht. Das passt. Denn selbst  wenn die Sitze auf Dauer nicht immer sonderlich bequem sind: Auch beim Gucken von Filmen lohnt sich die Reise meistens. (bir)