Hamburger Abendblatt

Monatsarchiv für Oktober 2011

Voller Sound bei Michelle Records

7. Oktober 2011

„Warum ich diesen Film gemacht habe? Weil Musik etwas bedeutet“, sagte  Jeanie Finley, während sie von der kleinen Bühne im Schaufenster auf die Menge bei Michelle Records blickte. Und die Filmemacherin hätte in Hamburg kaum einen besseren Ort finden können, um ihr Werk „Sound It Out“ zu präsentieren. Denn ähnlich wie der Plattenladen im englischen Stockton-On-Tees, den die Britin charmant dokumentiert, ist auch der Shop am Gertrudenkirchhof   professionell, vor allem aber individuell geführt.

Und dass Musik vielen etwas bedeutet, das zeigte allein der Ansturm auf diese ungewöhnliche Filmfest-Veranstaltung am regnerischen Freitagabend. Das Geschäft in der City war schnell so gut gefüllt, dass das Team schon bald einen Einlass-Stopp verhängen musste. Bis – nach einigen technischen Komplikationen – der Film starten konnte, lief „How Do You Do“, die neue Platte von Soulsänger Mayer Hawthorne. Wäre ja auch noch schöner, wenn im Plattenladen keine Musik zu hören wäre.

„Das ist ein Film über Männer, Liebe und Leidenschaft“, erklärte Finley und spielte eindeutig auf die hauptsächlich männlichen Kunden und Sammler bei „Sound It Out“ an. Im Publikum bei Michelle fanden sich entgegen des Klischees  aber auch zahlreiche Frauen. Die Wirkung von Musik ist schließlich geschlechterübergreifend.

„Meine erste Vinylsingle hat mir geholfen, mein gebrochenes Herz zu heilen“, erzählte Finley – und ergänzte: „Dieses Gefühl kann mir eine MP3 nicht geben.“ (bir)

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Mit einem Rutsch zu Dolly Parton

7. Oktober 2011

Wie praktisch, dass eine Rutsche direkt zum  Saal 8 des Cinemaxx führt. Einige „Aaahs“, „Uuuhs“ und Kurven später können die Besucher des Kinder- und Jugend-Filmfests Michel so direkt ins nächste Leinwand-Abenteuer durchstarten.

Vielleicht wäre es jedoch gut  gewesen, wenn sich einige der kleineren Gäste am Freitagnachmittag vorab noch ein wenig mehr ausgetobt hätten. Denn die sehr charmante, aber ruhig inszenierte Geschichte „Als Dolly Parton meine Mutter war“ fesselte die jungen  Zuschauer doch nicht so sehr wie ein Film vom Schlage eines „Tom Sawyer“. Und so gab es reichlich Gewusel und Gerenne im Kino, während sich die elfjährige Elizabeth auf der Leinwand auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter macht.

Dabei hätte Tara Johns‘ Spielfilmdebüt durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient – aber wohl eher von Teenagern. Denn die kanadische Regisseurin, die zuvor Werbeclips und Musikvideos drehte, erzählt eine klassische Coming-Of-Age-Story – von der ersten Periode bis zum Erkunden der Welt und der Erkenntnis, wo und wie das eigene Herz schlägt.

Die Handlung: Als im Biologie-Unterricht das Thema Blutgruppen durchgenommen wird, erfährt Elizabeth, dass sie  adoptiert ist. Sie malt sich aus, dass  Dolly Parton ihre Mutter sein könnte. Kurzerhand zieht sie sich Cowboy-Stiefel und Rüschenrock an und  radelt einfach  los, um die berühmte Countrysängerin bei einem Konzert zu sehen.

Julia Stone spielt dieses Mädchen auf Sinnsuche wunderbar eigensinnig und ohne aufgesetzten Frohsinn. Vielmehr verkörpert sie eindrücklich, wie verwirrend und zugleich phantasievoll der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden sein kann. Und ganz nebenbei ist der Film auch noch ein Porträt der 70er-Jahre zwischen Spießertum und Emanzipationsbewegungen.

Einen extra Applaus gab es übrigens für „die Petra“, wie die zwei jungen Moderatorinnen die Frau vorstellten, die live den deutschen Text zu dem englischsprachigen Film einlas. Das Skript lag auf einem Pult, das von einer kleinen Lampe beleuchtet wurde. Anfangs waren die akustischen Überlappungen noch ungewohnt. Aber im Laufe der Handlung wurde Petras Stimme zu einem vertrauten Begleiter.

„Als Dolly Parton meine Mutter war“ ist nochmals am Sonnabend, 8.10., um 11 Uhr im Cinemaxx 8 zu sehen. Mutige dürfen die Rutsche nehmen. (bir)

 

 

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Alles wegen Sarah – Wut nach Mitternacht

7. Oktober 2011

Nach den meisten Vorführungen beim Filmfest wird geklatscht. Mal lauter und euphorischer, wenn das Publikum sich wirklich amüsiert  oder das Gefühl hat, schlauer den Saal zu verlassen als ihn betreten zu haben. Was in diesem Jahr bei vielen Vorstellungen der Fall war, denn das Programm besaß sehr viele Höhepunkte und starke Filme. Mal fällt der Beifall auch lau aus wie bei Soderberghs enttäuschendem „Contagion“.  Und ganz selten wird sich lautstark empört.

Bei „Sarahs Schlüssel“, einem Spielfilm über die Deportation französischer Juden im Jahr 1942 und die Spurensuche einer amerikanischen Journalistin nach einem verschwundenen Mädchen, platzte einem Zuschauer am Donnerstag weit nach Mitternacht gehörig der Kragen. Er war mit dem Schluss von Gilles Paquet-Brenners Film nicht einverstanden, sprang vor Wut von seinem Platz auf, gestikulierte wild und schrie zweimal „Das glaube ich jetzt nicht!“ In Rage hatte den unbekannten Zuschauer Folgendes gebracht: Die Journalistin (gespielt von Kristin Scott-Thomas) nennt ihr eigenes Kind nach dem jüdischen Mädchen, dessen Leben sie erkundet hat. Dabei ist Sarah doch ein wirklich schöner Mädchenname. (oeh)

 

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Hinter verschlossenen Türen

7. Oktober 2011

Dass ein Regisseur einen Film über Angela Merkel drehen und dabei Hinerzimmer-Diplomatie, Regierungsinterna und Privates an die Öffentlichkeit bringen würde, ist hierzulande  undenkbar. Ein französischer Filmemacher und sein Drehbuchautor waren da mutiger: „The Conquest“ („Der Eroberer“) heiß ein Film über den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Xavier Durringer (Regie) und Patrick Rotman (Buch) haben einen fiktiven Film über Sarkozys Politkarriere zwischen 2002 und 2007 gedreht, von dem sie behaupten, dass 90 Prozent dokumentarisch sei.

„The Conquest“ zeigt all die Tricksereien und Ränkespiele hinter verschlossenen Türen zwischen Sarkozy, seinem Vorgänger Jacques Chirac und dem ehemaligen Premierminister Dominique de Villepin.  Wenn man diesen Spitzen der französischen Politik bei ihren Lügen und Verleumdungen zusieht und die rüde Sprache hört, mit der sie politische Gegner und Freunde herabsetzen, verliert man als Zuschauer ein weiteres Mal Vertrauen in die politische Kaste.

Nach der Vorführung von „The Conquest“ im Cinemaxx sagte Regisseur Xavier Durringer, dass es ihm nicht darum gegangen sei, Politiker zu demontieren, sondern zu zeigen, wie ein neues Machtsystem entstehe. Was entlarvend genug ist. Nicolas Sarkozy  wird über diesen Film, der außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen in Cannes lief, nicht sehr erfreut gewesen sein: „The Conquest“ zeigt ihn als opportunistischen Machtmenschen, der immer genau das öffentlich sagt, was ihm gerade Wählerstimmen bringt. Der zwischen rechtem und linkem Lager hin- und her diffundiert, sich mal für die Oberschicht einsetzt, dann wieder für die Arbeiter, gerade, wie es passt. „Ich hoffe, dass Carla Bruni den Film inzwischen gesehen hat“, sagte Durringer, „damit sie weiß, was geschah, bevor Sarkozy Präsident wurde und sie seine Frau.“ (oeh)

 

 

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Wie die graue Lady mit dem Internet umgeht

7. Oktober 2011

Die Annahme, dass das Filmegucken andere Kulturtechniken verdrängt, wurde am Donnerstag im ausverkauften Abaton eindrucksvoll widerlegt. Kurz bevor sich der Vorhang vor der Leinwand öffnete, waren da gleich mehrere Besucher zu beobachten, die in Hardcover-Büchern schmökerten. Eines trug den Titel „Brotsuppe & Bohnen“.

Ebenfalls gesichtet wurden zwei Menschen in einer Reihe, die in ihrem iPad lasen, tippten und wischten. Die eine Dame hielt nicht nur die digitale Flachware in Händen, sondern zugleich auch noch ihr Handy. Ein Prototyp des modernen Mediennutzers. Und genau darum ging es auch in der Dokumentation „Page One: Inside The New York Times“. Filmemacher Andrew Rossi hat ein Jahr lang bei der renommierten amerikanischen Zeitung verbracht, um zu erfahren, wie die Redaktion mit dem publizistischen Wandel durch das Internet umgeht, mit dem Zeitungssterben, dem gestiegenen Aktualitätsdruck.

Die Kamera folgt unter anderem dem  Vollblutjournalisten David Carr, der recherchiert, wie zahlreiche Medienhäuser zunehmend von Gewinnmaximierung statt von Ethik und Inhalten getrieben werden. Auch dem Einfluss von neuen Plattformen wie WikiLeaks und Twitter spürt der Film nach.

Was in den knapp anderthalb Stunden vor allem klar wird: Die „graue Lady“, wie die New York Times umgangssprachlich gerne genannt wird, hat die digitale Revolution keineswegs verschlafen. Doch traditionelle Formen des Journalismus – die Informationsbeschaffung und Gewichtung, das Gespräch mit Informanten und der Austausch mit Kollegen – sind nach wie vor essenziell für seriöses Arbeiten.

Mit diesem weiten Themenfeld befasste sich auch eine Diskussion, die Matthias Dell vom „Freitag“ vor der Filmvorführung im Festivalzentrum auf dem Allende-Platz moderierte. Der Kulturredakteur sprach mit der Dokumentarfilmerin Gisela Tuchtenhagen, der freien Journalistin Simone Schellhammer und Volker Lilienthal, Professor für die „Praxis des Qualitätsjournalismus“ an der benachbarten Universität.  „Uns geht’s mit unserer Zeitungslandschaft ja noch gold im Vergleich zu den USA“, sagte Lilienthal angesichts der viel zitierten Krise. Und er betonte: „Eine freie Gesellschaft, die sich selbst optimieren will, kann gar nicht genug gute Journalisten haben.“

Heftig rüttelte der kalte Herbstwind  an den Zeltwänden, die Unterhaltung auf dem Podium verlief jedoch relativ milde. Keiner der Anwesenden wollte sich, wie Dell anmerkte, so recht in die Rolle begeben, das Internet und all die damit verbundene Technik wie iPhone und Laptop schlichtweg besser zu finden als althergebracht auf Papier Gedrucktes. Muss ja auch nicht sein. Kulturtechniken müssen einander nicht zwingend ausstechen. Wie wir im Abaton gelernt haben. (bir)

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Fusselbart

6. Oktober 2011

Sich mehrere Filme hintereinander anzuschauen, schärft den Blick ungemein. Liebevolle Details werden noch mehr goutiert, Ungereimtheiten fallen aber leider auch stärker ins Auge.

Eine cineastisch veranlagte Freundin, die das Filmfest Hamburg mit einer Zehnerkarte besucht, hatte nach dem Film „The Music Never Stopped“ im Abaton am Mittwoch nur einen Kommentar auf den Lippen: „Dieser Bart! Der hat mich echt gestört!“ Was war geschehen?

Regisseur Jim Kohlberg erzählt  von Gabriel, der Mitte der  80er-Jahre an einem Hirntumor operiert wird und danach jegliche Erinnerung verloren zu haben scheint. Erst die Musik aus seiner Hippie-Zeit – Bob Dylan, The Beatles, The Rolling Stones und vor allem The Greatful Dead – bringen ihm langsam die Vergangenheit zurück. Ausgerechnet jene Songs und Verse, die in den 60er-Jahren dazu geführt haben, dass Gabriels Vater und er sich  zusehends voneinander entfremdeten.

„The Music Never Stopped“ ist eine bewegende Familiengeschichte und vor allem eine Hommage an die heilsame Kraft der Musik. Wenn da nicht dieser Bart wäre! Wenn Schauspieler in ein und demselben Film eine große Altersspanne darstellen müssen, ist ein Bart stets ein probates Mittel, um einen Mann älter wirken zu lassen. Aber ein bisschen weniger fusselig und aufgeklebt hätte das gute Stück schon aussehen dürfen. Dann klappt’s auch mit dem kritischen Cineasten-Blick. (bir)

Götz George auf „Nachtschicht“

6. Oktober 2011

„Meine Familie“ nennt Lars Becker die Schauspieler und die technische Crew, die mit ihm immer wieder zusammenarbeitet. Mit seinem eingespielten Team hat er inzwischen die zehnte Folge der „Nachtschicht“ für das ZDF gedreht. Es ist gute Tradition, dass die jeweils neue Folge beim Filmfest auf großer Leinwand gezeigt wird. Genauso ist es Tradition, dass Becker alle Schauspieler, Produzenten und Redakteure auf die Bühne holt, um sich öffentlich bei ihnen zu bedanken. Gestern Abend im Cinemaxx standen dort unter anderem Armin Rohde, Stefan Schad und Das Bo, die alle bei „Reise in den Tod“ mitgespielt hatten.

In der zehnten Folge ermittelt die „Nachtschicht“-Crew um Kommissar Erichsen (Rohde) gegen illegale Menschenhändler, die Afrikaner aus Italien nach Deutschland bringen, um sie hier in die Prostitution zu zwingen oder sie als billige Arbeitskräfte in Restaurants oder als Haushaltshilfe auszubeuten. Wie bei Becker gewohnt, ist das Thema genau recherchiert, mit ästhetischen Mitteln des Kinos fürs Fernsehen umgesetzt und erstklassig besetzt.

Die Hauptrolle auf der Verbrecherseite spielt diesmal Götz George. Wieder einmal zeigt der inzwischen 73-Jährige seine außerordentlichen  schauspielerischen Fähigkeiten in der Rolle eines Schleusers, der Skrupel bekommt. Leider konnte George zur Premiere nicht nach Hamburg kommen, weil er schon wieder einen Zweiteiler dreht.

„Reise in den Tod“ wird im Januar 2012 im ZDF gezeigt. (oeh)

 

 

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Aufhören mitzumachen

5. Oktober 2011

Und auf einmal fasst man diesen einen Gedanken. Was wäre, wenn ich einfach weiter fahre? Wenn ich nicht an der gewohnten Haltestelle meiner mich zur Arbeit verfrachtenden Buslinie aussteige, sondern einfach sitzen bleibe im Bus? Jeder hat da schon mal dran gedacht.
Der israelische Film „The Exchange“ von Eran Kolirin erzählt von der Entfremdung vom eigenen Leben, davon, die Strukturen, die das Leben lenken zu durchbrechen und heimlich aufzuhören, sich von ihnen leiten zu lassen.
Das Ehepaar Oded (wunderbar: Rotem Keinan) und Tami (Sharon Tal) lebt miteinander nebeneinander her, ohne sich bewusst darüber zu sein. Sie sind glücklich. Alles hat seine Ordnung. Oded arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität und Tami, Architektin, sucht einen Job.

Als Oded eines Nachmittags kurz nach Hause fährt, um seinen vergessenen Ordner zu holen, trifft er seine Frau ruhig schlafend in der gemeinsamen Wohnung an. Doch wie ein Schulkind, das wegen Erkrankung früher von der Schule nach Hause geschickt wird, empfindet er sein Heim plötzlich als fremdartig und anders als sonst.
Er hat die bisherige Struktur seines Lebens unbewusst durchbrochen, indem er zu einer für ihn atypischen Zeit in sein zu Hause kommt, das er unter diesen Umständen nicht kennt. Mit dieser ersten Entfremdung fängt es an: Er wird zum passiven Beobachter seiner selbst und der Begebenheiten und Menschen um ihn herum. Und dann bleibt er im Bus sitzen. Es ist eine kleine, ganz eigene Rebellion, die subtil anfängt, sich in ihm auszubreiten. Ohne Revolutionsgedanken, ohne anarchische Anti-Haltung. Er hört nur auf mitzumachen.

„The Exchange“ geht tief und hallt nach, bei jedem Schritt, der danach getätigt wird. Selten fühlt man sich von einem Film langfristig so selbst ertappt.

„The Exchange“ ist nochmal am 8.10. um 17.30 im Kino 3001 zu sehen. (hpls)

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Von geistiger und handfester Nahrung

5. Oktober 2011

„Ein Mars, bitte!“, ordert die Dame um kurz vor zehn  am Tresen des Abaton. Und sie  klingt wie eine Verdustende, die ruft: „Wasser, ich brauche Wasser!“ Nach fünf Tagen Filmfest bedarf es für manche der Akkreditierten schon eines amtlichen Schokoriegels, um am frühen Vormittag in einen weiteren langen Kinotag starten zu können. Dafür werden sie am Mittwoch zum Auftakt mit der chinesischen Komödie „The Piano In A Factory“ belohnt (Fr 7.10., 19.15 Uhr, Metropolis).

Regisseur Zhang Meng erzählt die Geschichte von Chen, dessen Frau sich von ihm scheiden lässt. Damit die gemeinsame Tochter bei ihm bleibt, beschliesst er, dem Mädchen ein Klavier zu bauen. Sehr selbstverständlich wechseln Slapstick-Einlagen mit poetischen Momenten. Als Kulisse dienen Industriebrachen, die Meng mitunter mit farbigen Details  kontrastiert. Ein pinker Mantel auf Grau etwa. Das sind die wunderschönen, klaren und spannenden Bilder, die diesen Film ausmachen.

Letztlich hat Meng eine Parabel geschaffen. Man gebe den Menschen ein Projekt, bei dem es nicht ums Geldverdienen, ums blanke Überleben geht, sondern um das, was die Gesellschaft darüber hinaus zusammen hält: Familie, Freundschaft, Kunst. Ganz nebenbei wird der Betrachter auch noch ein klein wenig in die chinesische Esskultur eingeführt. Er sieht zum Beispiel, wie die Runde Fleischstücke an einem Tischgrill brät und dann direkt mit den Stäbchen isst.

Die Verpflegung ist grundsätzlich auch für den Filmfest-Besucher ein Thema. Für geistige Nahrung ist ja reichlich gesorgt. Aber ab und an brauchen Hirn, Herz und der restliche Körper auch Handfestes. Zum Glück haben die Organisatoren in der Zeltstadt auf dem Allende-Platz eine Art Mini-Kantine eingerichtet, die  für faire fünf bis sieben Euro warme Mahlzeiten für Cineasten bereit hält. Ob Lammgulasch mit Kartoffelgratin, Lasagne oder Gemüsecurry – alles äußerst schmackhaft.

Interessant ist natürlich auch immer, wie sich die Langzeit-Besucher ansonsten so ausstatten, um zum Teil fünf bis sechs Filme am Tag durchzusitzen. Wasserflasche, Rückencréme und Müsliriegel wurden bereits gesichtet. Standard bei allen ist jedoch das Programmheft, das im Laufe des Festivals zunehmend aussieht wie ein abgeliebtes Plüschtier. Immer wieder wird darin geblättert, auf der Suche nach dem nächsten Film, nach einer weiteren bewegenden Story.

Und wer in den Pausen nur kurz Zeit hat für einen Gang auf die Toilette, aber trotzdem ein wenig cineastischen Austausch braucht, der plaudert halt vor den Waschbecken über das Gesehene. Das Treiben vor den Spiegeln erinnert mitunter an Flughäfen, wo sich die Passagiere auch schnell frisch machen, bevor es auf den nächsten langen Flug geht. Das passt. Denn selbst  wenn die Sitze auf Dauer nicht immer sonderlich bequem sind: Auch beim Gucken von Filmen lohnt sich die Reise meistens. (bir)

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Ein Gesicht, zwei Figuren

4. Oktober 2011

Da ist dieses eine Gesicht. Und beim Filmfest Hamburg war es direkt zwei Abende in Folge auf der Leinwand zu sehen. Am Montag im Passage, am Dienstag im Abaton.

Mia Wasikowska hat einen blassen Teint und braune Augen, die dunkel und zugleich transparent scheinen. Unverwechselbar. Und doch lieh sie  dieses Gesicht in jeweils großartigen Filmen zwei sehr unterschiedlichen Frauenfiguren.

Die eine ist Jane Eyre, die Zeit ist das 19. Jahrhundert. In Cary Joji Fukunagas Verfilmung des Brontë-Klassikers ist Wasikowskas Gesicht gerahmt von langen, roten Haare, die meist zu wuchtigen Knoten geschlungen sind.

Die andere ist Annabel Cotton, die Zeit ist das Heute. In Gus van Sants „Restless“ ist das Haar kurz und blond. Das Gesicht ist noch blasser als sonst. Denn Annabel hat Krebs.

Beiden Darstellungen gemein ist das Spiel von Wasikowska, die durchdringende Zurückhaltung, die sanfte Wucht, der störrische Witz, womit sie ihre Charaktere verkörpert.

Am Ende von „Restless“, damit ist nicht zu viel verraten, stirbt Annabel. Ein Bilderrahmen auf der Beerdigung zeigt ein Foto von ihrem  Gesicht. Da sind die Tränen schon längst über das eigene gelaufen. (bir)

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