Hamburger Abendblatt

Monatsarchiv für September 2011

Im Taxi mit Hayat durch Nürnberg

30. September 2011

20111001-030737.jpg „Wieso Nürnberg?“, ruft einer aus dem Saal zur Bühne und will Antwort von Christian Zübert, dem Regisseur von „Dreiviertelmond“. Bevor der was sagen kann, kontert Elmar Wepper, der als Hauptdarsteller des Films nach der Vorstellung im Passage Kino neben Zübert steht: „Klingt wie ein Angriff!“ War wohl nicht so gemeint – aber Nürnberg, da denken die Leute wohl immer noch eher an Reichsparteitag als an Autorenfilm. Jedenfalls war die Stadt bislang filmisch weitgehend terra incognita. Eben deshalb habe er seine Geschichte dort angesiedelt, sagt Zübert, selbst Franke. Die Stadt sei noch nicht so abfotografiert wie München oder Berlin, und von der Mentalität seiner Figuren passe „Dreiviertelmond“ gut hierher. Recht hat er.
Auf dem Filmfest lief der Film, in dem Wepper an seine mit „Kirschblüten – Hanami“ begonnene schöne Spätkarriere als Schauspieler anknüpft, leider nur heute. Klar, er hat ja einen Verleih und einen Starttermin: ins Kino kommt er am 13. Oktober. Passend zu den leuchtenden Herbstfarben, in denen Zübert sein Nürnberg zeigt.
Elmar Wepper spielt hier einen hyper-griesgrämigen Taxifahrer, dem die Zufälle die Fürsorge für das kleine türkische Mädchen Hayat (wunderbar präsent und intensiv: Mercan Türkoglu) auferlegen. Wie das vermeintliche Betonherz dieses zur Einsilbigkeit Hochbegabten, dessen Ehe nach 35 Jahren nicht ohne Grund in die Brüche geht, um genau das bisschen weicher wird, das es braucht, das eigene Leben nicht bloß als starre Routine zu verwalten, sondern sich wieder lebendig zu fühlen: das sieht man in Weppers nie übersteuerndem Spiel sehr gern. Und seine feine, nur am Ende ein bisschen arg idealistisch geratende Wandlung erinnert daran, dass noch die gröbsten Verkrustungen des Herzens nicht darüber hinwegtäuschen können, dass es eben doch bei keinem Menschen der Welt aus Beton ist. (TRS)

  • Filmfest 2011
  • Kommentare deaktiviert für Im Taxi mit Hayat durch Nürnberg

Großes Abenteuer für die Kleinen

30. September 2011

20110930-182833.jpg „Sollen wir unser Geld zusammen legen und zwei kleine Cola und eine große Popcorn holen“, beraten sich zwei Jungs angesichts der für das Taschengeld nicht gerade freundlichen Preise im Cinemaxx. Echte Freunde teilen eben, was sie haben. Wie auch Tom Sawyer und Huckleberry Finn im Eröffnungsfilm des Kinder- und Jugend-Filmfests Michel. Und sie helfen einander. Etwa, wenn der andere einen astreinen Stunt auf der Kinotreppe hinlegt und das Popcorn quer über den Teppich fliegt.
Buntes Gewusel herrschte, bis alle ihre Plätze gefunden hatten, um Hermine Huntgeburths packende Abenteuergeschichte zu sehen. Zum Start schrien alle im Saal lauthals „Film ab!“. So macht Kino Spaß!
„Hat das Hinfallen weh getan?“, wollten die Kids im Publikum im Anschluss von Benno Fürmann wissen, der den Bösewicht Indiana Joe spielte. Und woher er so gut spucken könne. „Ich bin in Kreuzberg aufgewachsen“, antwortete der und lachte – im Gegensatz zu seiner Rolle – sehr freundlich.
Viel Beifall erhielt auch Tom-Sawyer-Darsteller Louis Hofmann von den jugendlichen Filmfans. Allerdings räumte er mit der Illusion von einer schulfreien Drehzeit auf. Am Set gab es extra einen Lehrer. Nun gut, bestimmt mussten Huck und Tom bei dem aber keine 1000 Bibelsprüche kennen – so wie im Film. (bir)

  • Filmfest 2011
  • Kommentare deaktiviert für Großes Abenteuer für die Kleinen

Hell-Dunkel-Kontraste

30. September 2011

20110930-134343.jpg In der Regel zeichnet sich der Cineast dadurch aus, dass er oder sie in der Dunkelheit des Kinos in eine Geschichte eintaucht. Am Vormittag des ersten Filmfest-Tages jedoch verweilen die ersten Akkreditierten noch einen Moment im hellen Schein der Sonne, nachdem sie sich ihre Unterlagen beim Festivalzentrum, genauer gesagt in einer Verkaufserdbeere der Firma Glanz abgeholt haben. Der Wind bläst milde durch die Bäume am Allende-Platz, die Fahnen sind gehisst, in der kleinen Zeltstadt vorm Abaton-Kino werden die letzten Stühle gerückt und beim Kaffee vor der Ponybar kommt es zu ersten Plaudereien über das Programm der kommenden neun Tage. Also: Film ab! In der Hoffnung auf helle Momente in der Dunkelheit. (bir)

  • Filmfest 2011
  • Kommentare deaktiviert für Hell-Dunkel-Kontraste

Das Filmfest Hamburg ist eröffnet

30. September 2011

20110930-134449.jpg Wieviele Drinks braucht man, um dieses Seelenblei von einem Film wegzuspülen, um diese lähmende Injektion aus blaustichigen Kinobild-Totalen über Menschen in einem unterdrückten Land zu überwinden und wieder unbeschwert norddeutsch fröhlich zu sein? Keine Ahnung. Die Filmfest-Party in der Alten Oberpostdirektion am Stephansplatz dauert an, man trinkt, man isst aus kleinen Bechern kleine Speisen, der Lärmpegel steigt. Aber die Bilder des Eröffnungsfilms „Auf Wiedersehen“ von Mohammad Rasoulof, dem iranischen Regisseur, der das Filmfest Hamburg mindestens so liebt wie es ihn, die stecken allen in den Knochen.

Rasoulofs Hauptdarstellerin Leyla Zere, die die drangsalierte Anwältin Noura spielt, ist auch da – und in echt sieht sie noch viel schöner aus als auf der Leinwand.

Wie wenig Geld diese neuntägige Kinoparty der Stadt hat, war bei der Eröffnung im Cinemaxx 1 zu sehen. Albert Wiederspiel, Festival-Leiter im neunten Jahr, begrüßte diesmal nicht nur die Gäste, er machte auch selbst den Moderator. Das kann er nicht so gut. Und die Band Taste, die drei krawallig-minimalistische Stücke spielen durfte, war leider auch nur knapp semi-genial.

Bürgermeister Olaf Scholz verlas eine feinsinnige Kinoliebhaber-Rede, die ein bisschen so klang, als hielte er sich nach Feierabend mit DVDs von Godard-Filmen schadlos am Tagesgeschäft der Politik. Kaum zu glauben, leider. Die Rede hat ihm wohl ein cineastischer Referent geschrieben. Trotzdem sehr sympathisch, wie dieser spröde, zutiefst unekstatisch wirkende Mann den Leuten im Saal am Ende ein „rauschendes Filmfest“ wünschte. (TRS)

  • Filmfest 2011
  • Kommentare deaktiviert für Das Filmfest Hamburg ist eröffnet

Titel jetzt abrollen!

29. September 2011

20110929-100112.jpg Volljährig ist das Filmfest Hamburg schon im vergangenen Jahr geworden. Entsprechend erwachsen kommt das Programm in diesem 19. Jahr daher, auch wenn es natürlich für die jungen Zuschauer das Michel Kinder- und Jugendfilmfest gibt. Nachdenklich schaut Nina Hoss auf dem Foto aus „Fenster zum Sommer“. Im magisch-romantischen Film von Hendrik Handloegten geht sie abends an der Seite ihres neuen Freundes August (Mark Waschke) in Finnland schlafen und wacht am nächsten Morgen bei ihrem alten Freund Philipp (Lars Eidinger) einige Monate vorher in Berlin wieder auf. Traum oder Albtraum? Wie soll sie die Zeit nutzen, die vor ihr liegt? Soll sie die Ereignisse beim zweiten „Durchlauf“ verändern?

Ein Höhepunkt dürfte die Deutschland-Premiere des Krebsdramas „Halt auf freier Strecke“ werden. Taschentücher einpacken! Der Regisseur des bewegenden Films, Andreas Dresen, und sein Produzent Peter Rommel bekommen in diesem Jahr den Douglas-Sirk-Preis. Joachim Gauck hält die Laudatio auf die Preisträger.

Spannung verspricht „Headhunters“. Morten Tyldum hat einen Krimi von Jo Nesbø verfilmt, in dem ein Personal-Scout für Führungskräfte ein Doppelleben führt. Seinen Luxus finanziert er mit Geld, das er seinen Klienten stiehlt. Neugierig sein darf man auch darauf, was „Sin nombre“-Regisseur Cary Fukunaga in seiner Verfilmung aus Charlotte Brontës Klassiker „Jane Eyre“ gemacht hat. Er verspricht eine Mischung aus Psychodrama, Horrorfilm und Krimi. US-Regisseur Gus van Sant erzählt in „Restless“ vom sonderbaren Enoch, der mit dem Geist eines japanischen Kriegspiloten befreundet ist. Bis er die lebensfrohe, aber todkranke Annabel kennenlernt.

Das Filmfest präsentiert auch wieder eine Reihe von Dokumentationen. Eine davon: Angelina Maccarones ungewöhnliches Porträt in neun Stationen einer berühmten Schauspielerin: „Charlotte Rampling – The Look“. Und wer Elmar Wepper in „Kirschblüten“ gern zugesehen hat, sollte ihn in Christian Züberts Culture-clash-Komödie „Dreiviertelmond“ nicht verpassen. Da kümmert er sich als grantelnder Taxifahrer widerstrebend, aber liebevoll um ein verlassenes, sechs Jahre altes türkisches Mädchen. (vob)

  • Filmfest 2011
  • Kommentare deaktiviert für Titel jetzt abrollen!

Kreuzworträtsel vorverlegen, Feierabend

25. September 2011

20110925-041214.jpg Sacht mal, Mädels: Was schleppt Ihr eigentlich nachts so alles ab? Am Eingang zum Docks stapeln sich jedenfalls ganze Drogerie-Hochregallager voller Haarlackdosen, Deosprays, Lotionen für und gegen alles und – noch was vor heute? – Duschcremes. Was schleppen wir mit? Flaschenöffner…

Auch Brooke Fraser ist gut frisiert. Die in Australien lebende Neuseeländerin ist in heimatlichen Gefilden schon ein Multi-Platinstar, hier aber noch Geheimtipp unter vielen. Ob sie den Rest der Welt nördlich von Down Under noch erobern wird, steht in den Sternen des Südens. Das kleine, sorgsam arrangierte Popdrama beherrscht sie und gibt uns ein wenig Wärme für den Rest der Nacht mit.

Ein feines Reeperbahn-Festival 2011 verneigt sich gegenüber dem Ende. Lang ist die Liste kommender Must-see-Konzerte, der zu kaufenden Alben, der Erlebnisse und Fährnisse. New International Musik galore, darum ging es hier. Damit gehen wir.

Sind wir schon am Limit? P-O-W zum E zum R, zur Aftershow, da geht noch mehr. Wir lesen uns wieder, das nächste Hurricane-Festival kommt bestimmt. Und Wacken. Und Dockville. Und Reeperbahn-Festival. Lebt das! (tl)

Dem Auruf schließe ich mich doch gerne an. Eine schöne Festival-Saison hatten wir, haben einen Riesensack voller toller, mittelmäßiger und überschätzter Bands gesehen. Platt, wund und modderig gelaufene Füße haben uns den Spaß nicht verderben, Wetterkapriolen irgendwann kaum noch überraschen können.
Bloß eins versteh‘ ich nicht: Was soll ich mit einem Flaschenöffner?
Wozu habe ich ein Feuerzeug? (josi)

Die Geschichten spielen auf der Straße

24. September 2011

20110924-234734.jpg Gar nicht doof, die Dame und die Herren von Still In Search. Wenn eh der ganze Kiez voll mit musik-begeisterten Chaoten ist, warum nicht einfach ein bisschen Eigenwerbung machen?

Die Hamburger Band hat kurzerhand ihr gesamtes Gerümpel auf dem Bürgersteig an der Ecke Talstraße aufgebaut und gibt ein improvisiertes Open-Air-Konzert. Und das, was sich das Trio da zurechtschrammelt, klingt gar nicht übel. Besser jedenfalls als der Post-Grunge von The Duke Spirit, die mich schnell wieder aus dem Gruenspan treiben. Nach einem kurzen Schlenker zur Makrele Bar und dem Orchester Herrengraben und dem überraschenden Freiluftgig treffe ich Kollege Lange wieder, der verschwitzt und leicht zerdellt aus dem Silber kommt.

Wenn man ihn so ansieht, scheint er nicht übertrieben zu haben, als er mit großen Gesten die Vorzüge von The Sea preist. (josi)

I’ll walk a mile for a Festival

24. September 2011

20110924-233326.jpg

20110924-233337.jpg

20110924-233351.jpg

20110924-233420.jpg

Der alte Mann und The Sea

24. September 2011

20110924-225320.jpg Beim Reeperbahn-Festival 2009 war das Londoner Duo The Sea so nett, für unser Videotagebuch exklusiv und unplugged „Two Of Us“ von den Beatles in der – ‚türlich – Beatlemania zu spielen. Anschließend zerlegten sie mit feist lautem Garagenrock den Grünen Jäger.

Dieses Jahr muss zum zehnten Geburtstag von Popup Records das Silber dran glauben, wenn es krachen soll, dass das Blut aus den Ohren spritzt. Siehe Triggerfinger am Freitag. Auch Peter und Alex von The Sea nehmen wie üblich keine Gefangenen – und wenn doch, dann um ihnen mit Drumsticks und Gitarre die Kauleiste zu richten. Da hassu! Gib mir mal ’nen Kuss! Nee, ich küsse keine Männer! Du nennst mich Penner? Tanz für mich! BAMM! (tl)

Immer weiter, immer mehr

24. September 2011

20110924-101238.jpgRein und raus, hin und her. Das Elend des Festivals ist ja, dass man auch bei größtmöglicher Eile mehr verpasst als sieht.

Trotzdem kein Grund, stehen zu bleiben. Wir verlassen die vor Kiezreisegruppen berstende Amüsiermeile, um Susanne Sundfør in der St. Pauli Kirche zu besuchen. Auf dem Weg hören wir von hinten Gepöbel: „Scheiß St. Pauli! Wo ist denn hier alles? Ich bin aus Berlin, weissu?“

Das ist ja schön für den jungen Mann, dass er die Hauptstadt verlassen hat, um Hamburg mit seiner Gegenwart zu beehren. Etwas Häme können wir uns aber nicht verkneifen: Wenn es die Berliner geschafft hätten, aus der vor sich hin siechenden Popkomm… Aber lassen wir das. Die alte Fehde zwischen Hamburg und dieser anderen Stadt ist schließlich schon oft genug thematisiert worden.

In der Kirche angekommen, sind wir beeindruckt: Selten haben Spielort und Künstlerin besser zueinander gepasst als bei Susanne Sundfør. Die elegischen Klänge der Norwegerin scheinen nicht wirklich von dieser Welt zu sein, sind jen- und diesseitig gleichermaßen. Da wird sogar dem eingefleischten Atheisten ein wenig metaphysisch ums Herz. (josi)

Nächste Einträge »