Hamburger Abendblatt

Berlins Schokoladenseiten

18. Februar 2011

„Wollen Sie auch einen Brandy? Auf der Flasche steht jedenfalls ‚Brandy‘ drauf. Meine Nachbarin hat sie mir gegeben, nachdem ihr Mann davon erblindet ist.“ Wer das nicht gewohnt ist, möchte man sagen, zumal der Mann auch noch ungut hustet. Kein Wunder, wenn man vierzig Jahre lang Machorkas gequalmt hat: „Die haben mehr Russen umgebracht als Stalin!“
Der unvergleichliche Bruno Ganz spielt diesen alten Stasi-Mann, bei dem Dr. Martin Harris (Liam Neeson) Hilfe sucht, nachdem er einen schweren Autounfall überlebt und vier Tage im Koma gelegen hat. Mit dem Erfolg, dass seine Frau ihn nicht mehr erkennt und ein anderer behauptet, Martin Harris zu sein. Von den Killern gar nicht zu reden, die jetzt unterwegs sind.
Mit Jaume Collet-Serras flottem Thriller „Unknown“ geht heute Abend der Berlinale-Wettbewerb zu Ende. Und offenbar ist der Spanier ein großer Bewunderer von Roman Polanski. Denn im ersten Drittel ist alles wie in „Frantic“: Ein amerikanisches Ehepaar kommt übermüdet in Europa an, dann verlässt einer von den beiden plötzlich das Hotel. Einen verschwundenen Koffer gibt’s auch, und irgendwann stürmen Killer die Dachwohnung der netten Blondine, und dann hängt Neeson am Dach wie Harrison Ford vor zwanzig Jahren. Wow, was für eine Hommage! Allerdings spielt „Unknown“ nicht in Paris, sondern in Berlin, und da kann man mal sehen, wie fotogen die deutsche Hauptstadt ist. Egal, ob Flavio Labiano die Schokoladenseiten aufs Korn nimmt oder seine Kamera in irgendwelche abgewrackten Ecken hält. (Barbara Möller)