Hamburger Abendblatt

Der Abschluss: Sich trotz Filmrisses erinnern

10. Oktober 2010

„Da kann man sich schon wie eine Oma fühlen“, sagt Julia Westlake, 39, angesichts der Tatsache, dass der kanadische Regisseur des Abschluss-Films, Xavier Dolan, erst 21 Jahre zählt. Doch bevor der stilvoll und selbstironisch inszenierte Anti-Liebesfilm „Heartbeats“ (im französischen Original treffender: „Les Amours Imaginaires“) gezeigt wird, gilt es an diesem letzten Filmfest-Abend sieben von zehn Preisen zu vergeben.

Zahlreiche Preisträger sind zum Finale nicht (mehr) in Hamburg, so dass Stellvertreter ihre Auszeichnung entgegen nehmen. Der amüsanteste Ersatz ist wohl der 13-jährige Filmfest-Helfer Max Speck, der den Art-Cinema-Award für den John-Lennon-Film „Nowhere Boy“ auf der Bühne im Cinemaxx 1 abholt. Und dass, obwohl er die Beatles nach eigenem Bekunden „schon ein bisschen old school“ findet.

Höchst charmant präsent hingegen ist der belgische Regisseur Alex Stockmann, der für seinen Film „Pulsar“ den Preis der Hamburger Filmkritik erhält. „Pulsar ist ein Film, der von der ersten Minute an fesselt. Weil er zutiefst verunsichert – und dann wieder rührend komische Momente folgen lässt. Stimmungen sind hier so
flüchtig wie Herbstblätter im Wind“, lautet die nahezu poetische Begründung der Jury. „Vielleicht hilft mir der Preis, einen Verleih zu finden“, entgegnet Stockmann bescheiden. Und er ergänzt höflich auf radegebrochenem Deutsch: „Ich wünsche dem Filmfest schöne weitere 18 Jahre“.

Dass das Dasein als Jury durchaus eine psychische wie physische Belastungsprobe sein kann, erläutert das vierköpfige Team, das über den Foreign Press Award zu entscheiden hatte. Die Jury-Sitzung sei ein kleines Kammerspiel gewesen. Aber im Gegensatz zu den Figuren in so manchen der betrachteten Filme sei immerhin niemand zu Tode gekommen. Großes Gelächter im Saal. Die Wahl fiel letztlich auf „Beyond“. Ein Film aus Schweden, der – laut Jury-Begründung – aber auch nicht gerade leichte Kost zu sein scheint: „Die Thematik des Films – die innere Heimatlosigkeit der Hauptdarstellerin, Armut und Gewalt in der Familie, und nicht zuletzt die Ignoranz des sozialen Umfelds – hat uns sehr bewegt.“ Dafür gibt sich Regiedebütantin und Schauspielerin Pernilla August, die „Star Wars“-Fans als Mutter von Anakin Skywalker bekannt sein dürfte, auf der Bühne umso glücklicher: „Soo happy, sooo happy“, ruft sie im Überschwang.

Die Euphorie toppen kann aber noch ein Kollege, der in dem großen Kinosaal mit reichlich Lokalpatriotismus befeuert wird. Der No-Budget-Regisseur, Kameramann und Skriptautor Henna Peschel bekommt für „Pete The Heat“ den Montblanc-Drehbuch-Preis aus der Reihe „Nordlichter“. Neben einem Schreibgerät aus der John-Lennon-Edition erhält der Hamburger 10.000 Euro. Eine Summe, mit der Peschel gewiss vier bis sechs Filme drehen könnte. Doch, so gibt die Jury ihm mit auf den Weg: „Vielleicht drehst Du, lieber Henna, nur zwei drei Filme davon und baust dafür – als kleine Anregung von uns – ein paar spannendere Frauen in Deine Geschichte ein!“ Nun gut. Kann er ja mal drüber nachdenken. Erst einmal loben die Preisrichter jedoch seinen „ziemlich abgedrehten Jungsfilm“, der „lebendig, schrill und frech“ sei. Und der nach dem Motto gedreht ist: „auf öffentlich-rechtliche Zweitverwertung und Förderung schon im Entwurf der Geschichte pfeifend.“ Heftiger Applaus brandet im Publikum auf für diesen cineastischen Mut. Und Peschel selbst, der vergisst seine Wurzeln nicht: „Danke an das Publikum! Wir gewöhnen uns langsam an das Cinemaxx 1, sind aber am liebsten immer noch in unseren Stammkinos Zeise, Abaton und 3001.“ Und als Westlake ihn fragt, ob denn das Preisgeld für ihn nicht ganz schön viel Geld sei, entgegnet er norddeutsch euphorisch: „10.000 Euro, das sind 20.000 Mark!“ Im Anschluss will Peschel aus dem Danken gar nicht mehr heraus kommen.

Aber da ist noch ein anderer, der Dank zu verteilen hat.  Filmfest-Chef Albert Wiederspiel hebt vor allem die Leistung seines Teams hervor und zieht das Fazit: „Schon spooky, wenn nichts Böses passiert“. Nun gut, da ist „Heartbeats“ noch nicht gelaufen. Nach zwei Dritteln reißt der Film. Da nicht sofort eine Ansage gemacht wird, woher die Pause stammt, wird in den Kinoreihen schon diskutiert, ob der Film etwa mit einem arg abrupten Kunstgriff endet. Ohne Abspann. Aber nein. Nach einigen Minuten, die die Gäste zum Austreten und Auftanken nutzen, geht die Tragikomödie um zwei unglücklich Liebende weiter. Eine Geschichte, an die wir uns trotz Filmrisses erinnern werden.  (Mitarbeit: bir)