Hamburger Abendblatt

Verkaterte Nordmänner

9. Oktober 2010

„Ich habe für diesen Film sehr viel recherchiert“, sagt Dagur Kari am Morgen verschmitzt, nachdem er für seine Tragikomödie „Ein gutes Herz“ im Abaton gefeiert worden ist. Der Film erzählt vom jungen Obdachlosen Lucas, der vom alten Griesgram Jacques quasi adoptiert wird, nachdem sich beide im Krankenhaus getroffen haben. Jacques betreibt in New York eine Bar und versucht dem unendlich freundlichen, aber naiven jungen Mann ein paar Lebensweisheiten beizubringen. Dazu gehören eigenwillige Erkenntnisse für den Umgang mit Kunden wie: „Wir sind nicht hier, um die Menschen zu retten, sondern um sie zu zerstören.“ Nicht zerstört, aber etwas angeschlagen wirkte auch Kari am nächsten Morgen. Der Isländer hat sein Filmhandwerk in Dänemark erlernt und ist seit seinem ersten Film „Noi Albinoi“ auf Charaktere spezialisiert, die leicht abseits vom Zentrum der Gesellschaft leben. In Hamburg traf er alte dänische Freunde wieder. Und wenn Nordmänner in fremden Landen aufeinander treffen, kann es schon mal feuchtfröhlich werden. „Eine Bar ist ein magischer Ort mit ganz eigenen Gesetzen“, sagte der verkaterte Kari und bat darum, dass wir uns für das Interview in eine etwas dunklere Ecke des Hotels zurückziehen sollten. Eins der Gesetze lautet, wer zu viel trinkt, hat am nächsten Morgen einen dicken Kopf, und mag noch kein helles Licht.
Freitagnachmittag, ein schöner Herbsttag, aber das Metropolis ist dennoch gut gefüllt, als Stephen Frears‘ Komödie „Tamara Drewe“ gezeigt wird. Ein Kaff in der englischen Grafschaft Dorset gerät in Aufruhr, als die titelgebende Schönheit in nach einer Nasen-OP in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Von der Nase abgesehen sitzt bei ihr aber alles dort, wo es soll, und ist auch gut verteilt. Damit löst sie bei einige jungen Männern und älteren Schriftstellern, die vor Ort ihre Schreibblockaden bekämpfen, unkontrollierte Reaktionen aus. Richtig aufgemischt wird die Situation dann aber durch zwei Teenager-Mädchen, die das Aufwachsen in der Provinz als Strafe empfinden und fest davon überzeugt sind, man müsse dem Schicksal auf die Sprünge helfen.  Altmeister Stephen Frears („Die Queen“) hätte aus diesem Film, der auf einem Comic basiert, beinahe ein richtig witziges Werk gemacht, aber dann bleibt der Film an manchen Stellen doch zu unausgegoren. Machte aber nichts, war trotzdem eine humorvolle Einstimmung auf das Wochenende.  (Mitarbeit: vob)