Hamburger Abendblatt

Jenseits von Hollywood

8. Oktober 2010

Filmfest, das bedeutet binnen weniger Tage, ja manchmal gar binnen weniger Stunden in ganz unterschiedliche Welten eintauchen. Nicht einfach die 50. romantische Hollywood-Komödie mit immer gleichem Ende aussitzen oder sich vom Explosionsoverkill x-beliebiger Actionreißer blenden lassen, sondern tatsächlich erfahren, was andere Menschen in anderen Ländern bewegt. Nicht immer ist das vordergründig unterhaltsam, doch immer bleibt etwas hängen.

Eine ziemlich perfekte Kombination aus Unterhaltung und Information bietet „45 m²“ von Stratos Tzitzis über eine junge Frau, die noch bei ihrer Mutter lebt, weil sie es sich trotz eines Vollzeitjobs finanziell nicht leisten kann, auszuziehen. Von einer „700-Euro-Generation“ wird in Griechenland gesprochen, und dieser Spielfilm zeigt mehr von der Lebenswirklichkeit junger Menschen in Athen als manch an Wirtschaftsdaten überlaufender Beitrag  der zahlreichen Politmagazine. Ganz in Hamburg verortet ist hingegen das Drama „Es war einer von uns“ von Kai Wessel, das am Donnerstagabend im prächtig gefüllten Saal 3 des Cinemaxx läuft. Eine überragende Maria Simon spielt darin ein Vergewaltigungsopfer, das sich wegen verabreichter K.O.-Tropfen nicht erinnern kann, was genau geschehen ist, aber weiß, dass der Täter aus ihrem Freundeskreis stammen muss. Auch bildsprachlich ein großartiger TV-Film, dem nur leider kein offenes, und damit beklemmenderes Ende vergönnt ist. Vielleicht, weil Drehbuchschreiber und verantwortliche Redakteure dem Publikum nichts vorsetzen mögen, was ein wenig neben der Spur liegt. Schade eigentlich.

Auf Nummer sicher geht schließlich auch Neil Jordan, dessen zwischen Fantasy und Thriller angesiedeltes Liebesdrama „Ondine ­ – Das Mädchen aus dem Meer“ am Schluss zu viel erklärt und auserzählt. Dennoch: Die verwaschenen, seltsam farblosen  Bilder der rauen irischen Küste bleiben haften, und sich an Alicja Bachleda müde zu sehen, ist ohnehin unmöglich.