Hamburger Abendblatt

Mehr Drama geht nicht

7. Oktober 2010

Viel mehr Drama in einem Film geht wohl nicht. Im Zentrum von „Poetry“ des Südkoreaners Lee Changdong steht die 66-jährige Mia, die tapfer ihren missratenen Enkel aufzieht. Abhängig von staatlicher Fürsorge, achtet Mia auf ihren Kleidungsstil und bessert ihren Lebensunterhalt als Senioren-Pflegekraft auf. Ihr größter Traum, einmal ein Gedicht in ihrer Poesie-Klasse schreiben. Ihre Welt bricht auseinander, als eine Mitschülerin ihres Enkels sich im Fluss ertränkt und Mia zu einer Väterrunde geladen wird, in der sie erfährt, dass das Mädchen reihum von den Söhnen inklusive ihres Enkels, über einen längeren Zeitraum vergewaltigt wurde. Nun soll das Schweigen der Mutter erkauft werden. Schier unmöglich für die mittellose Mia, die größere Summe aufzubringen. Zu allem Überfluss lässt ihr Gedächtnis nach. All das ließ das Publikum im zu später Stunde fast ausverkauften Cinemaxx 2 zweieinhalb Stunden lang geduldig über sich ergehen. Changdong beherrscht die Fähigkeit, Tragisches so nüchtern und reduziert zu erzählen, dass es gerade erträglich wird. Das Drehbuch schlägt einige überraschende Haken. Verdient hat Changdong dafür in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhalten. Stärker hat man das Wunder der Poesie und eine postmoderne Abgestumpftheit noch nicht auseinanderklaffen sehen. (Mitarbeit: asti)