Hamburger Abendblatt

Unterdrückte Sinnlichkeit

6. Oktober 2010

Ausverkauft hieß es am Dienstagabend im Cinemaxx 2 beim Film „Adrift“ des vietnamesischen Regisseurs Bui Thac Chuyens. Die Geschichte über eine junge Frau, die in Hanoi ihre Sexualität entdeckt, versprach eine Mischung aus „Der Liebhaber“ und „In The Mood For Love“ zu werden. Die junge Duyen heiratet einen Taxifahrer, der sich als dauerschläfriges Muttersöhnchen entpuppt. Dafür weckt ein erprobter Frauenverbraucher, der schon ihre beste Freundin verführt hat, bislang unbekannte Gefühle in der jungen Frau. In dem alten Kolonialgemäuer Hanois hängt die Schwüle aus Monsunzeit und unterdrückter Sinnlichkeit schwer in den Wänden. Der Reiz des Films, der übersetzt soviel heißt wie „Im Schwebezustand“ speist sich aus der Kluft, die zwischen Zwang und Konvention und der zur Moderne erwachenden Metropole liegt. Auf der einen Seite stellt der Film die Tradition aus, verkörpert durch eine duldsame Großmutter, die ihren Ehemann, mit dem sie ein Leben lang unglücklich war, aufopferungsvoll pflegt. Auf der anderen Seite sehen wir die aus dem Ruder laufende Jugend, die sich im Wetttrinken, Glücksspiel und uferloser Sexualität hingibt. Die Szenen bleiben immer zurückhaltend, doch die Gesichter spiegeln eine Leere, die zeigt, dass die neue Freiheit nicht zur puren Seligkeit führt und manche Seele auf der Strecke bleibt. Bui Thac Chuyen hat acht Jahre gebraucht, um das Geld für den Film zusammenzubekommen. In Venedig erhielt der Film den Preis der internationalen Filmkritik. (Mitarbeit: asti)