Hamburger Abendblatt

Anders als geplant

6. Oktober 2010

Zum Filmfest gehört es auch, mal keine Karten mehr für das
cineastische Werk seiner Wahl zu bekommen. So geschehen auch bei der
restlos ausverkauften zweiten Vorführung der schwedischen Produktion
„Simple Simon“. Eine Spontanumfrage bei zwei Zwangsdaheimgebliebenen,
wie die kinofreie Zeit denn nun genutzt wird, ergibt  folgendes
Ergebnis: Die zweite Staffel der Vampir-Serie „True Blood“ anschauen,
die endlich in der Post war. Und „sich beim Nixtun verzetteln“. Letzteres käme Simon, Protagonist von Andreas Öhmans Komödie, absolut
nicht in den Sinn. Da er das Asperger-Syndrom hat, müssen seine Tage
auf die Minute exakt durchstrukturiert sein. Per Stundenplan und Uhr
plant er genau, wann sein Bruder, mit dem er zusammen lebt, zu
duschen hat und wann dessen Freundin den Abwasch erledigen muss. Der
Dame des Hauses wird dieses Diktat bald zu viel: Sie macht Schluss
und zieht aus. Eine empfindliche Abweichung von Simons System,
weshalb er kurzerhand beschließt, seinem Bruder – und sich –
möglichst schnell eine neue Lebensgefährtin zu organisieren. „Simple Simon“ ist beim Filmfest nicht nur für den Nachwuchspreis
„Elfe“ nominiert, sondern geht zudem für Schweden als Oscar-Kandidat
2011 ins Rennen. Zu Recht. Der Film besticht nicht nur durch eine
ganz eigene Bildsprache (Simon liebt Kreise und hasst Dreiecke),
sondern auch durch einen beschwingten Indie-Pop-Soundtrack von
Künstlerinnen wie Miss Li oder Lykke Li.
Die Zuschauer im Saal jedenfalls sind hörbar froh, noch Tickets für
dieses charmante Feel-Good-Movie ergattert zu haben. Trotz
Abwesenheit des Regisseurs wird zum Abspann heftig applaudiert. Und allen, die draussen bleiben mussten, hilft vielleicht die
Botschaft des Films: Unvorhergesehene Veränderungen können eine große
Bereicherung sein im Leben. (Mitarbeit: bir)