Hamburger Abendblatt

Dick aufgetragen

5. Oktober 2010

Der japanische Regisseur Masahiro Kobayashi ist ein alter Bekannter beim Filmfest und für cineastische Elegien bekannt. Seine neue, „Haru’s Journey“ stellt die Besucher am Montagabend im Metropolis in 130 Minuten auf eine echte Geduldsprobe. Die Reise eines Großvaters und seiner Enkelin wird zu einer zähen Odyssee in die Vergangenheit. Der grantige, halb paralysierte Mann hat seine Tochter durch Selbstmord verloren und wurde im Fischerdorf von seiner Enkelin versorgt. Als die ihren Job verliert und in der Stadt ihr Glück suchen will, stellt sich die Frage: Wohin mit Opa! Doch die Hilfe suchende Reise zur Verwandtschaft verläuft deprimierend. Vor Jahren sind sie zerstritten auseinander gegangen. Und jetzt wollen sie von dem Pflegefall nichts wissen. Man sieht die beiden in ihrer Schicksalsgemeinschaft alle zehn Minuten Nudeln schlürfen und streiten, wobei die verwirrt wirkende Enkelin häufig in Hysterie ausbricht. Vollends geht die Fantasie mit dem Regisseur und Drehbuchautor durch, als die Enkelin ihren Erzeuger wieder trifft, dessen neue Frau in dem alten Mann den Großvater erkennt, den sie nie hatte und sogleich aufnehmen will. Ui. Ganz schön dicke, Herr Kobayashi.

Dick trug auch der Macher der Kunst-Dokumentation „Rouge Ciel ­ An Essay On Art Brut“ auf. Bruno Decharme assistierte dem großen Jacques Tati und sammelt in seiner Galerie Art-Brut-Kunst, also Werke von Menschen, die inhaftierte, psychisch kranke oder sonst wie Außenseiter waren. Kollagen über die verstörenden Ansichten dieser Künstlern, die ihr Leben lang teilweise in bitterer Isolation verbrachten und wie besessen malten oder sonst wie kreativ tätig waren, durchkreuzt eine teils minimalistische, teils großzügig Pathos vergießende Tonspur. Dazu sollen dramatisch formulierte Schriftzüge die Bedeutung der Verkannten ins Bewusstsein der Zuschauer hämmern. Weniger wäre da bei diesem an sich interessanten Sujet mehr gewesen. (Mitarbeit: asti)