Hamburger Abendblatt

Monatsarchiv für September 2010

Willkommen bei den Sch’tis

25. September 2010

Wer den unglaublich witzigen französischen Kinofilm  „Willkommen bei den Sch’tis“ gesehen hat, der weiß, dass die Region Nord-Pas-de-Calais angeblich nicht gerade hip ist. Und doch scheint in der Hauptstadt des Départments Nord Lille so Einiges zu gehen. Zumindest das Duo Curry & Coco versetzt die aus allen Nähten platzende Prinzenbar in pure Ekstase – dazu braucht es nur Schlagzeug, Keyboard und Mikro, Abrissbirnen aus BassBassBass, Synthie-Eskapaden, 80er-Wave-Anklänge und ein gutes Stück Selbstironie.

„Im Sommer geht’s einigermaßen, da hat’s um Null Grad, aber im Winter, da wird es kälter und kälter und kälter: Minus Zehn, Zwanzig, Zwanzig, Dreißig, da bleibst du lieber im Bett, denn plötzlich sind es Minus Vierzig. Ist schließlich der Nooorden“, heißt es im Film.

Curry & Coco aber sind heiß wie eine Frittenhütte und feiern eine Party, die weitaus besser klingt als die in einer Privatwohnung gleich nebenan: Aus dem geöffneten Fenster weht „Coco Jamboo“ von Mr. President auf die Straße und nervt die Menschentraube vor der Prinzenbar. Für die, die 1996 nicht dabei waren: „Put me up, put me down! Put my feedback on the ground! Put me up, feel my heart and make me happy! Ayyayaya Coco Jamboo! Ayyayeh!“ Und jetzt alle Mitsingen!

Moment, es klingelt…  ich soll vor die Tür kommen? Baseball? Um die Uhrzeit? (Tino Lange)

Tanz für mich!

25. September 2010

Sti-hi-lle Nacht… Auf der Spielbudenplatz-Bühne geht Merkwürdiges vor. Außenstehende sehen eine schwofende Menschenmenge, hören aber nichts. Zu was wird denn hier getanzt? Der Musik im Kopf, Sphärenklängen oder drogeninduzierten Akustikhalluzinationen?
Der zweite Blick birgt des Rätsels Lösung: Alle auf der Bühne tragen Kopfhörer, hinter den Plattentellern wetteifern zwei DJ-Teams um die Gunst des Publikums. Denn ein kurzer Dreh am „Tune“-Knopf der Mickymäuse wechselt das musikalische Programm. Und den Tanzstil, was zu großer Erheiterung auf allen Seiten führt. Denn wenn zwei Hälften eines Pärchen unterschiedliche Vorlieben haben, wirkt sich das auf den Tanzstil aus. Discofox, effektiv verhindert! Eine wirklich gute Idee, die Spaß macht, beim Mitmachen wie beim Zuschauen. (Alexander Josefowicz)

Foxtrot Uniform Charlie Kilo

24. September 2010

Frei nach Dendemann: Er so Si/So, ich so nee so. Zum Glück gibt es neben der Vielzahl der „Si/So“- und „F“-Einträge (für „Singer/Songwriter“ und „Folk“) im Festivalprogramm auch ein paar „R“-Termine. Rock! Zum Beispiel die niederländische Band De Staat im Feldstraßen-Bunkerloft Terrace Hill. Zwar mussten sich die Oranjes ihre Ausrüstung – der Bandbus war verreckt – von den nachfolgenden Musikern von Earl Greyhound leihen, aber das änderte nichts an der Güte der Darbietung. Heavy, aber melodiös. Eagles Of The Death Age. Queens Of The Stone Metal. Laut genug, um auch auf der Dachterrasse (tolle Aussicht) gehört zu werden und definitiv ein Festival-Höhepunkt.

Eine schöne Überraschung hatte De Staat auch parat: Ein sensationelles Cover des NDW-Klassikers „Eisbär“. (im Original von Grauzone). Ich habe auch noch ein Geständnis parat: Das Album von De Staat liegt seit Monaten auf meinem Schreibtisch. Originalverpackt. Foxtrot Uniform Charlie Kilo!

Unten vor dem Bunker stehen – völlig unbeachtet – die Jungs von Frittenbude aus München, die den Auftritt ihrer Audiolith-Labelkollegen von Saalschutz beobachten wollen. Frittenbude zerlegte beim Reeperbahn-Festival 2009 das Uebel & Gefährlich – jetzt ist Saalschutz dran, die folgende Audiolith-Party fegt die Reste auf. (Tino Lange)

Nee, wat schön…

24. September 2010

Fein, fein. Der Abend beginnt, Formen anzunehmen. Das Nassgeregnetwerden ist beinahe vergessen (nur ein leichtes Quietschen des Schuhwerks erinnert im Augenblick noch an das nicht sonderlich willkommene kühle Nass) und Wolf Parade tun ein Übriges, Pfützen und erstaunlich fotografierfreudige Mit-Beatles-Tourer (warum bitte fotografiert man einfach alles inklusive der von Stefanie Hempel hoch gehaltenen Fotos?) in wärmeren Tönen erscheinen zu lassen.

Die Indie-Rocker aus Kanada machen ihre Sache gut, sehr gut sogar. 70er-Reminszenzen und wechseln sich ab mit aktuellen Sounds à la Arcade Fire, Spencer Krug irritiert nur mit seiner recht offen zur Schau getragenen Verwandschaft zu Flamingos und Piraten. Oder warum sonst verbringt man drei Viertel der Zeit damit, auf einem Bein zu stehen? Die einzige alternative Erklärung, die sich aufdrängt, ist ein allzu menschliches Bedürfnis. Doch dafür ist der Gesichtsausdruck des jungen Manns, der eine erstaunliche Ähnlichkeit zu einem guten Freund aufweist, zu entspannt. (Alexander Josefowicz)

Mach Schauer!

24. September 2010

Angeblich – aaaaangeeeblich! – sollen die Beatles ja zwischen 1960 und 1962 regelmäßig in Hamburg gespielt und so den Grobschliff für eine einzigartige Karriere bekommen haben. Zumindest behauptet das Stefanie Hempel, Singer/Songwriterin und Beatles-Guide. Auch beim Reeperbahn-Festival führt sie Pressevertreter und internationale Gäste an die Orte, an denen sich die Beatles damals aufgehalten haben sollen. Indra, Top Ten (jetzt Moondoo), Kaiserkeller, das ehemalige Bambi Kino in der Paul-Roosen-Straße und weitere Lokalitäten.

Dabei regnet es – Hamburg eben – in Strömen. Wir kaufen auf dem Weg in der Talstraße für jeweils zwei Euro zwei Regenschirme und überlegen uns, nach der Beatles-Tour gleich 50 Stück zu ordern und für vier Euro auf der Reeperbahn zu verticken. Zum Glück haben wir den Plan dann doch verworfen. Zurück auf dem Kiez werden wir nämlich vor dem Pressezelt angesprochen: „Wollt ihr einen Regenschirm kaufen? Nur drei Euro.“ Der Trottel macht die Preise kaputt!

In der Großen Freiheit 36, im Indra, im Gruenspan und im Moondoo laufen schon die Soundchecks für die abendlichen Konzerte. Und in der Alsterdorfer Sporthalle spielt heute übrigens eine Nu-Metal-Band aus den USA. Aber die ist weit, weit weg. 

Ganz nah dran dagegen ist das On Air. Nach der Tour setzt man sich dort noch kurz zusammen, lässt die Tour Revue passieren – Kollege Lange erfuhr nicht viel Neues, ich schon – und die beiden Beatles-Nerds vertiefen sich schnell in ein Gespräch, dem ich aufgrund meiner laienhaften Kenntnisse über John, Paul und diese anderen beiden nur bedingt folgen kann. Der Blick schweift auf die Leinwand, dort läuft Michael Jacksons „Moonwalker“. Das kenn ich. Gefangen im Pop der späten Achtziger, ein Schicksal, dem ich heute abend hoffentlich entgehe. (Tino Lange/Alexander Josefowicz)

Ein neuer Kampfstern am Pop-Himmel?

24. September 2010

Die 26-jährige Sängerin Nabiha aus Kopenhagen ist in Dänemark geboren und aufgewachsen, hat Verwandte in Mali und Gambia, hörte die Reggae-, Disco- und Soul-Platten ihrer Eltern, spielte als Kind Tuba (!) und nahm ihr Debütalbum in London auf. Kurz: Sie hat den urbanen Groove.

Sie liebt es, an der Straße zu stehen, die Augen zu schließen und sich von den Geräuschen der Umgebung inspirieren zu lassen (viel Spaß an der Reeperbahn!) – das Ergebnis ist eine kraftvolle Mischung aus Soul, Pop, Elektro, Afrobeat und mehr.

Vor einigen Tagen trat Nabiha schon im Vorprogramm von (määh!) Jason Derülo im Docks auf und kennt sich somit dort aus, wenn sie am Sonnabend (21 Uhr) ihre Reeperbahn-Festival-Premiere feiert.

Im Gespräch am Freitag offenbart die charmante Dänin aber auch ihre dunkle Seite der Macht: Sie ist ein absoluter Sci-Fi- und Comic-Nerd! Star Wars, Star Trek, Kampfstern Galactica, X-Men („Die Verfilmungen sind mies!“)… Nabiha hätte nichts dagegen, auch vor der Kamera zu stehen. Ihre Lieblingsrolle? Barbarella!

Sie hat mir versprochen, Fotos zu schicken, sobald sie im Barbarella-Kostüm zu sehen ist. Mal sehen, ob sie sich daran hält. Schon Darth Vader wusste: „Der Imperator verzeiht nicht so leicht, wie ich es tue.“ (Tino Lange)

Hinter der Musik! Totes Kapital?

24. September 2010

Zum Finale am Donnerstag gab es das Reeperbahn-Festival in komprimierter Form: Im Docks ließ es Jochen Distelmeyer krachen: „Hinter der Musik! Totes Kapital! Warten auf den Kick! Bring das Ding noch mal!“ Schlaudenker traf Hau-Rocker. Der Mann hat einfach Format.

Ein paar Meter weiter waberten die elektronischen Hochflor-Teppiche des Hamburger Duos Hundreds durch das volle Schmidts Tivoli – während aus dem Foyer noch das Absatz-Geklacker einer Swing-Tanzgruppe zu hören war. Die Tänzer selber hörten den Beat der Viva-con-Agua-DJs, die auf der anderen Seite der Reeperbahn an der ehemaligen „Heißen Ecke“ auflegten. Und was durfte (wie in New-York-Filmen) auch nicht fehlen? Polizeisirenen. Hamburg ist die Stadt, die niemals schläft.

In der Prinzenbar, im Molotow und in der Hasenschaukel wurde es eng. Tivoli, Docks und Moondoo waren gut besucht. Respektabel für den in den Vorjahren noch vergleichsweise übersichtlichen Festival-Donnerstag. Und das. War erst. Das Ende. Des Anfangs. (Tino Lange)

Junge Wilde und mittelalte Besänftigte

24. September 2010

Die Bühne ist ein abgehängtes Schaufenster, im Zuschauerraum werden sonst Bausparverträge abgeschlossen, Dispositionskredite ausgereizt und Überweisungen getätigt. Die Sparkassenfiliale an der Reeperbahn ist als Spielort sogar noch abwegiger als eine Table Dance Bar. Band und Zuschauer stört das nicht, schließlich hat man einen Auftrag:

Fuck Art, Let’s Dance. Die Ansage funktioniert. Beats aus dem Elektropunk mit dem Gitarrensound einer „The“-Band, dazu das gewisse Quäntchen an jugendlicher Rotzigkeit, gemildert durch den Charme, den jede spielfreudige Band ausstrahlt, wenn sie vor größeren Ansammlungen von Zuhörenden spielen darf. Wenn die jungen „Krach und Getöse“-Preisträger noch ein wenig mehr Variation in ihr Repertoire bringen, werden sie Bankfilialen demnächst nur noch zum Einzahlen betreten müssen.

Ganz ähnlich und doch anders hört es sich um die Ecke im Moondoo an: Auch hier gesellen sich Beats zur Gitarre, wird Ähnliches gemischt wie in der Bank, aber der Sound von ZPYZ ist glattgeschliffener, ohne Ecken und Kanten. Wie ein rundgelutschter Drops. Wo Fuck Art… Spaß und Willen ausstrahlen, hat bei ZPYZ das höhere Alter Spuren der Distanz hinterlassen. Und die sich in Glamrock-Höhen schraubende Stimme des Sängers ist gewöhnungsbedürftig. (Alexander Josefowicz)

Babylon by B(r)ass

23. September 2010

Beim Reeperbahn-Festival ist man nicht nur auf der Suche nach heißen Bands, sondern auch auf der Suche nach dem Hotspot. WLAN und so. Im Pressezelt gibt es einen, so nah und doch so fern. Denn kaum haben die ersten Bands angefangen, macht das Pressezelt um 22 Uhr Feierabend. „Aber ich will doch nur… aber ich muss doch…“ – nichts zu machen. Merkwürdig. Aber auf dem Asphalt vor dem Zelt gibt es noch einen Rest Hotspot. Höhö!

Und heißes Zeug gab es auch: Babylon Circus, ein Zehner aus Frankreich, wild, tanzbar und irgendwo zwischen Klezmer-Rock und Gipsy-Pop angesiedelt. Während Gogol Bordello, Fanfare Ciocarlia oder Bucovina Orkestar schon seit einiger Zeit für Furore sorgten, hat sich dieses Ensemble in den letzten 15 Jahren gut versteckt. Was solls, das Docks war begeistert. Pumpt gut, das. Babylon by B(r)ass. Mal sehen, ob La BrassBanda am Sonnabend noch einen draufsetzen kann. (Tino Lange)

Ein lupenreiner Bastard

23. September 2010

C-Mon & Kypski sind wirklich nicht zu beneiden. Das Quartett aus den Niederlanden dürfte zu den Bands mit dem meisten Beschallungsgerümpel gehören, die an diesem Wochenende auftreten. Aber wer sich zum Ziel gesetzt hat, Rock mit Pop mit Klezmer mit Hip-Hop mit Folk mit Ichweißauchnichtsogenauwas zu mischen, der darf sich nicht beschweren, wenn er zusätzlich zur üblichen Ausstattung einer Band noch esoterische Gerätschaften wie eine doppelhälsige Gitarre-Bass-Kombination und diverseste Effektgeräte mit sich durch die Gegend tragen darf.

Und das Ergebnis der Bestrebungen hört sich auch auf das erste, zaghaft ins Moondoo gereckte Ohr ein wenig konfus an. Erst mit der Zeit beginnt man, ein Konzept hinter dem wüsten Mischmasch zu ahnen. Dann aber beginnt die Musik, ernsthaft Spaß zu machen.

Jetzt braucht der alte(rnde) Mann aber erstmal Kaffee. Das Refugium auf dem Hamburger Berg lädt zu Café Solo, Mojito und einer kurzen Verschnaufpause. Wenn nicht vor der Tür eine entfesselte Horde Frauen furiengleich ihr Stimmvolumen testen würde. Aber auch das lässt sich ausblenden. (Alexander Josefowicz)

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