Hamburger Abendblatt

Schmutz und Schmerzen

16. September 2010

Dass Philipp Meyers erstes Buch „gräßlich“ war und das zweite sich „zwischen mittelmäßig und schlecht“ bewegte, mag man für „fishing for compliments“ halten, aber es stimmt. Vor „Rost“ hat er vergeblich versucht, als Autor Fuß zu fassen, musste lernen, dass das Schreiben kein genialisches Vom-Himmel-Fallen eines fertigen Meisterwerks ist, sondern harte Arbeit. Die sich jetzt auszahlt.

Ob der Autor selbst auf Englisch liest oder Tom Schilling die Übersetzung von Frank Heibert, man wird sofort in die Szenen gezogen. Die inneren Monologe von Isaac und Poe wirken nicht gestellt, sie lassen einen Blick in den Kopf der Protagonisten zu, der Leser erlebt eine Welt, die genau so brüchig und angeschlagen ist wie die Psyche der Charaktere, die sie durchwandern. Pennsylvania ist weitab vom Glitzerbild, dass die Stereotypen prägt, dreckig, schmutzig, vor Problemen überquellend.

Meyer wählte die Gegend bewusst, auch die Entfernung von seiner Heimatstadt Baltimore ist kein Zufall. Autobiografische Anteile seien schwierig für ihn, einfacher wäre es gewesen, als Beobachter Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, ein für den Leser schlüssiges Bild zu schaffen, die Wahrheit zu erzählen. Wahrheit ist Meyer wichtig: Obwohl ihm klar war, dass die Entscheidung, den wirklich „unverdünnt bösen“ – wie Moderator Heibert es formuliert – Charakteren eine andere Hautfarbe zu geben, zu negativen Reaktionen führen würde, fühlte er sich der unbequemen Wahrheit verpflichtet. Er erklärt, dass in den Gefängnissen der USA ungeschriebene Gesetze der „Rassentrennung“ herrschen, deren Übertretung gefährlich ist. Der ungeschminkte Blick auf die Schattenseiten des Lands der unbekannten Möglichkeiten schmerzt beizeiten, aber er lohnt sich. (Alexander Josefowicz)