Hamburger Abendblatt

Quer durch alle Problemfelder

16. September 2010

Auch, wenn man nicht wüsste, dass heute in der Fischauktionshalle ein ehemaliger Bundesminister liest, es gibt einige untrügliche Anzeichen: Im Saal bewegen sich einige auffällig unauffällige Anzugträger mit Knopf im Ohr, die Begrüßung übernimmt nicht irgendwer, sondern gleich der Chef der Buchhandelskette, die beim Harbour Front allgegenwärtig ist und vor dem Saal verteilen zwei Männer Flugblätter. Auf dem „Faktenblatt“, dass sie Interessierten wie Desinteressierten überreichen, legen sie dar, dass am 11. September kein terroristischer Anschlag auf die USA verübt wurde. Ob die beiden Clowns wohl für ihr Unterhaltungsprogramm bezahlt werden?

Als Peer Steinbrück dann auftritt, macht er einen gut gelaunten Eintrag. Verständlich, denn ihm sitzt ein wohlwollendes Publikum gegenüber. Der Saal ist gut gefüllt, die Sitzplätze vollständig besetzt und als Miriam Meckel, Steinbrücks Gesprächspartnerin, das Wort „Kanzlerkandidat“ in den Mund nimmt, brandet spontaner Applaus auf. Davon will er nichts wissen, und er braucht auch keine wohlklingenden Stichwörter.

Mit seinen Äußerungen sorgt er immer wieder für Lacher, Applaus und zustimmendes Gemurmel. Ob er dem Vorsitzenden der FDP einen „gewissen Bedeutungsüberschuss“ attestiert, „linke oder rechte Spinner“ als allenfalls nachrangige Gefährdung für die Gesellschaft wahrnimmt oder dem Journalismus einen wachsenden Machthunger und die „Inszenierung“ von Politik unterstellt, Widerspruch muss der SPDler nicht fürchten. Das muss schön sein, einmal ohne ständige Rechtfertigung seine Meinung kundtun zu können. (Alexander Josefowicz)