Hamburger Abendblatt

Musiker, bleib bei deinen Noten

16. September 2010

Was ist das denn? Iggy Pop darf sich in seine Hose laminieren lassen und mit freiem Oberkörper über die Bühne toben. Aber der Gitarrist, den sich Claude-Oliver Rudolph für die Lesung aus der Iggy-Pop-Biografie mitgebracht hat, wirkt optisch eher wie die schlimmstmögliche Mischung aus Kid Rock und einem goldenen Kondom. Und warum ein Schauspieler, auf dessen Konto auch mehrere Hörbücher gehen, den Vortragsstil eines gelangweilten Elftklässlers kopiert, ist mir auch nicht ganz klar. War er beleidigt, weil lediglich 50 Menschen am Mittwoch in der Markthalle erschienen sind? Oder liegt es an der dräuenden Erkältung, ausgelöst durch die bis zum Bauchnabel geöffnete Sweat-Jacke?

Leider entschädigen auch die anderen Neu-Literaten nur bedingt für den Auftritt von Rudolph. Schade, eigentlich, denn Joachim Seidel macht einen wirklich sympathischen Eindruck. Der Ex-Punk ist launig, verteilt Bier ans Publikum und besitzt eine Glitzergitarre. So jemandem kann man fast nicht böse sein. Aber „Himbeer Toni“ ist einfach kein gutes Buch, und Seidel kein guter Vorleser. Auch seine neueste Idee, tote Rockstars beim Saufen im Himmel zu beobachten, hakt gewaltig. Naja, es kommen ja noch mehr literaturaffine Musikschaffende.

Der nächste auf der Bühne ist Produzent Robin Felder und ich bin mir nicht ganz sicher, ob der hektische Stakkato-Rhythmus, mit dem er aus „Der Unsympath“ vorträgt charakterlich bedingt ist oder ein Stilmittel sein soll. Sein Protagonist erfüllt den Anspruch des Titels jedenfalls ganz hervorragend, mehr macht er aber auch nicht. Ich fühle mich an Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ erinnert, bloß ohne die Aspekte, die den hurenmordenden Yuppie interessant machten. Aber vielleicht sind Gesellschaftskritik und Bestialitäten ja irgendwo anders im Buch versteckt, dass Felder wahrscheinlich komplett durchgefräst hätte, hätte er nur zwei Stunden mehr Zeit gehabt.

Weiter geht’s mit dem lustigen Reigen. Martell Beigang betritt die Bühne, seinen Kollegen Tim Talent im Schlepptau, der den Drummer musikalisch und deklamatorisch unterstützt. Beides ist ganz hübsch anzuhören, Beigang hat sich von Ben, dem frustrierten Bassisten aus „Unverarschbar“ inspirieren lassen und greift neuerdings zum 4-Saiter. Solider Rock, dazu eine leidlich interessante Geschichte.

Lichtblick des Abends ist Elektropionier und Ex-Kraftwerk-ler Wolfgang Flür. Seine „Rheinland-Groteske“ rund um ein Ehepaar  ist wirklich angenehm abstrus und wird – nicht ganz unwichtig für eine Lesung – ansprechend vorgetragen. Ach ja, Samy Deluxe war auch da, hatte aber laut eigener Aussage keine große Lust, vorzulesen. Hätte er nicht erwähnen müssen, das hörte man auch so. (Alexander Josefowicz)