Hamburger Abendblatt

Doch nicht ganz so wie in der Volkshochschule

14. September 2010

Harry Rowohlt kann nicht einfach nur vorlesen. Ohne skurrile kleine Geschichten, Zwischenrufe und Erklärungen zu seinem Berufsstand kommt er nicht aus; Publikum und Ken Bruen danken es ihm: „Thank god for Harry, he makes me sound intelligent.“ Auf der Bühne des St. Pauli-Theaters lesen Autor und Übersetzer aus den Krimis um den irischen Privatermittler Jack Taylor, der raucht, säuft und flucht. Parallelen zu Rowohlt drängen sich auf oder zumindest zu dessen früheren Auftritten. Seit 2007 muss das „Schausaufen mit Betonung“ ohne große Mengen irischen Whiskeys und französischer Zigaretten auskommen. Das nimmt der Veranstaltung zwar den Reiz des Verruchten, nicht aber den Spaß. Selbst Ken Bruen fängt immer wieder an zu lachen, obwohl laut eigener Aussage kein Wort von dem stehe, was der Mensch gewordene Brummbär von sich gibt.

Der wiederum erklärt den Zuschauern, dass er nicht dafür bezahlt würde, Sandwich mit Sandwich zu übersetzen, „sondern mit Klappstulle“, zieht aus dem unvermeidlichen Jute-Büddel (mit „Lindenstraße“-Logo) große Mengen an Zetteln und beginnt vorzutragen. „Erst lese ich eine Stelle auf Deutsch vor, dann liest Ken die gleiche Stelle auf Englisch vor. Das wird ein bisschen wie in der Volkshochschule, aber so ist es geplant.“

Kommen wird es anders. Während Rowohlt in seinen Notizen blättert und die vom Verlag ausgewählten Textstellen aus verschiedenen Jack-Taylor-Krimis zu Gehör bringt, beschränkt sich Bruen auf den ersten Band „The Guards“ (zu deutsch: Jack Taylor fliegt raus). Man erfährt im Laufe des bilingualen Vorlese-Erlebnisses einiges über Irland, so wie der Autor es sieht. Der Niedergang der Pub-Kultur, angetrunkene Polizisten und den stetig grummelnden, betrunkenen Jack. Und über Hamburg: Laut Rowohlt sei das St.-Pauli-Theater die einzige Bühne, auf der der „Faust“ je ein Happy End gehabt habe. Das Kiez-Publikum forderte bei einer Aufführung in grauer Vorzeit lautstark „Heiraten, Heiraten!“ und aus Angst um das Gestühl habe man der Forderung nachgegeben und Faust um Gretchens Hand anhalten lassen. Geschichtlein wie diese entschädigen auch für das Gekrakel, die die beiden bei der Signierstunde in den Büchern hinterlassen. „Für leserliche Autogramme wende man sich an Uns Uwe Seeler, der macht das richtig schön konzentriert, mit Zunge raus.“ Danke für diese Information, Herr Rowohlt. (Alexander Josefowicz)