Hamburger Abendblatt

Applaus für den Literatur-Kritiker

12. September 2010

Warum beklatscht man einen Autoren von Weltruf, wenn der einige Brösel Deutsch in seinen Redefluss einstreut? Es klingt ja durchaus charmant, wenn John Irving von einem „Straßenplan“ spricht, der jedem Roman zugrunde liegt. Aber applauswürdig? Nun ja.

Interessanter sind doch die Teile seiner Lebensgeschichte, die er erzählt. Vom Aufwachsen in einem Theater (seine Mutter war Souffleuse), von seiner literarischen Sozialisation mit Hawthorne, Dickens, Sophokles, Shakespeare und Melville. Wenn er davon spricht, dass moderne Literatur die falschen Vorbilder, zu wenig auf Handlung setzt, dann beginnt man, sich neugierig nach vorn zu lehnen. Folgt auf Irvings Theorie, es gäbe zu viele Hemingway-Imitatoren und zu wenige Dickens-Nachahmer vielleicht eine Diskussion über Literaturbegriffe, über Schönheit, Wahrheit, Kunst? Nein, leider nicht. Denn Familie Lebert möchte lieber wissen, welches Essen man zum ersten Date servieren sollte oder wie man den Baum im heimischen Garten fällt.

Die eigentliche Lesung entschädigt für die wenig kreativen Fragen, die Vater und Sohn an Irving stellen. Im sprachlichen Wechsel von Englisch zu Deutsch lesen Irving und Schauspieler Stephan Benson, die Textstellen sind schön gewählt und sorgen bei den Gästen, die noch nicht am Twisted River waren, sicherlich für Neugier. Dass Irving gerne auch laut vorliest, hört man. Zwar kann er nicht ganz mit Benson konkurrieren, aber es macht durchaus Spaß, dem Geschichtenerzähler zuzuhören. (Alexander Josefowicz)