Hamburger Abendblatt

Letzte Gedanken

16. August 2010

Nachdem sich eine gebührende Distanz zum Wetterchaos von gestern Nacht aufgebaut hat, kann man daran schreiten, die letzten drei Tage Revue passieren zu lassen:

Organisatorisch hat sich einiges getan seit letztem Jahr. Ohne den Charme des Familiären, beizeiten Improvisierten einzubüßen, wurde vieles verbessert. Schlangen vor den mobilen Sanitäranlagen gab es zwar immer noch, aber längst nicht mehr so lange, auch die Getränkeversorgung lief deutlich reibungsloser als 2009. Und dank der neuen Geländeaufteilung mit den klar voneinander getrennten Hauptbühnen hielt sich das Kuddelmuddel beim Weg von A nach B in Grenzen, trotz der auf 20 000 angestiegener Besucherzahl. Und wer sogar Stargäste per Hubschrauber einfliegen lassen kann, der ist gut aufgestellt, auch im nächsten Jahr Stars und Sternchen auf die Bühnen zu bringen (auch, wenn sich die Aktion als Kunst herausstellt).

Musikalisch gab es für mich zwar einige Hype-Ärgernisse, zu denen ich ja schon das eine oder andere Wort verloren habe, aber auch Bands, die ich mir gern (wieder) angeschaut habe. Anspruchsvolleren Musikern wie Ja, Panik oder Mutter hätte ich mehr Publikum gewünscht, und die Vermutung liegt nahe, dass sich so mancher im Nachhinein ärgern wird, die Klaxons verpasst zu haben. Die Standards, auf die man immer bauen kann, will sagen Friska Viljor, Shantel und Jan Delay überzeugten allesamt, keine Überraschungen auf der Bühne, aber allesamt feine Konzerte, auch wenn das Wetter… aber das ist ja auch bereits zur Genüge besprochen worden. Dazu noch ein wenig Nostalgie mit Therapy? und Slime, fertig ist das Festivalprogramm für leicht gealterte Besucher.

Zu dicken Beats tanzen konnte, wem der Sinn danach stand, fast durchgängig. Spinnaker, Dorfplatz, Achterdeck und des Nächtens auch der Maschinenraum vibrierten, die Bässe hatten Hochkonjunktur. Lokale DJs und eigens angereiste Kollegen konkurrierten um die Gunst der Tanzenden, ließen die Nacht zum Tage werden.

Und im nächsten Jahr springen dann bestimmt wieder wüst bemalte Juvenile über das Gelände, während das Ü25-Publikum brummelnd daneben steht und sich über Trendkrawall und Spaßguerilla ereifert. (Alexander Josefowicz)