Hamburger Abendblatt

Was wird denn hier gespielt?

1. August 2010



Wagners Opern sind kompliziert, eingebunden in ein Denkgeflecht aus dem vorvorigen Jahrhundert. Wer im Bayreuther Festspielhaus sitzt, hat inzwischen schon realtiv viel Glück, denn die Textverständlichkeit der Sängerinnen und Sänger ist in diesem Jahr recht hoch. Aber selbst, wenn man alles verstünde: Was will und der Dichter und Komponist Wagner, was wollen uns die Regisseure damit sagen? Gleich drei Angebote für Einführungen in das jeweils am Abend gespielte Werk versprechen Abhilfe – alle starten jeweils um 10.30 Uhr. Wir haben sie getestet.

Im Chorsaal des Festspielhauses erläutert Katja Leber die Sicht der Regieteams. Die Kenntnis der Handlung und die Eintrittskarte für den Abend sind mitzubringen, dafür lenkt die junge Theaterwissenschaftlerin aus Frankfurt den Blick kostenlos und kompetent auf Details, auf ungewöhnliche Blickwinkel, auf hinter der Inszenierung stehende Grundideen: Warum schaut Wotan Anfang der Walküre noch mal rasch bei Siegmund und Sieglinde vorbei? Wo kommen die Frisuren der Götter her? Was haben die „Normalos“ in Tankred Dorsts „Ring des Nibelungen“ zu bedeuten? Wer etwas vom Abend zuvor nicht verstanden hat, dem wird hier auch geholfen. Ein Flügel steht zwar auf der Bühne, die Erläuterungen gibt es allerdings ohne Musik. Nach einer guten halben Stunde ist man gerüstet für das Abenteuer am Abend. Bei Erläuterungen der Neuinszenierungen soll es hier sogar richtig voll werden; bei der „Walküre“, die schon lange im Angebot ist, war die Zuhörerzahl extrem überschaubar – schade.

Foto: Fink

Foto: Fink

Platzhirsch in Bayreuth ist seit Mitte der 90er-Jahre Stefan Mikisch. Ein anständiger Pianist, pointierter und belesener Erzähler und ein Tausendsassa, wenn es darum geht, im evangelischen Gemeindesaal in der Richard-Wagner-Straße die musikalischen Motive der Wagner-Opern, ihre gröbsten Verwicklungen, philosophische Hintergründe und musikgeschichtliche Zusammenhänge hörbar zu machen. Er nimmt seine Zuhörerschar – bei „Parsifal“ zum Beispiel kamen mehr als 300 Lernwillige – mit auf eine Reise von Demokrit und Sokrates bis zur Astrophysik, spielt hübsche Potpourris, um Tonarten-Verwandschaften sinnfällig zu machen, gerät zuweilen auf esoterische Abwege, wenn er Tonarten mit Sternzeichen in Verbindung bringt. Der Aha-Effekt des Schon-mal-gehört-Habens am Abend dürfte nachhaltig sein,  und Mikischs Art, Wagner mit Puccini, Jazz, Beethoven und Jacques Offenbach zu vermischen, ist mindestens einmalig. Der Mann erklärt einfach alles – und das 90 Minuten lang, von denen keine langweilig wird. Die 12 Euro dafür sind gut angelegt – allerdings wird auch hier die Grundkenntnis der Handlung vorausgesetzt. Und zu den aktuellen Inszenierungen äußert sich Mikisch sicher nur, falls mal danach gefragt wird. Sein 40 CDs umfassendes Erklär-Gesamtwerk gibt’s draußen am Büchertisch. Und bis zum Start der Oper nimmt sicher jeder einen Ohrwurm mit, der ihn bis hinauf auf den Hügel begleitet.

Dort, wo der Meister selbst gearbeitet hat, sein Werk erklärt zu bekommen – authentischer geht’s nun wirklich nicht. Das tut Dr. Sven Friedrich, der Leiter von Richard Wagners Villa Wahnfried im großen Saal des Hauses (Richard-Wagner-Straße), ebenfalls um 10.30 Uhr. Auch hier muss man 90 Minuten übrig haben, dafür wird hier vor allem erklärt, was sich da auf der Bühne eigentlich abspielt, und wozu welche Musik gehört. Einen hohen Wiedererkennungswert für den Abend bieten die ausführlichen Musikbeispiele aus historischen Aufnahmen, hübsch sind auch die Illustrationen aus den ersten Bayreuther Aufführungen. 12 Euro kostet diese Versteh-Hilfe, die fast perfekt wäre, wenn sie noch mit Bildern aus den aktuellen Inszenierungen aufwarten würde.

Und wer’s dann immer noch nicht verstanden hat, muss warten, bis aus Hamburg die Kabarettistin Marlene Jaschke zu Hilfe eilt. Auch sie ist in der Villa Wahnfried zu Gast – mit ihrem ultimativen Erklärungsversuch „Auf in den Ring!“ (Karten reservieren unter 0921/757 28 16). Wer dann noch Fragen hat, dem ist wirklich nicht zu helfen.