Hamburger Abendblatt

„Wir sind Festspiele“

30. Juli 2010

Auch wenn es oft falsch zitiert wird als „Kinder, schafft Neues“ und sich so auch im Kopf der Autors festgesetzt hatte: Richtig heißt das Zitat „Kinder, macht Neues“ – so mahnte Richard Wagner seine Jünger vor Erstarrung im Hergebrachten 1852 in einem Brief an Franz Liszt; Blog-Leser „Falparsi“ hat uns darauf hingewiesen.  Der neue Förderverein der Bayreuther Festspiele „TAff“, am 27. Juli gerade erst amtlich eingetragen, nimmt die Mahnung ernst und zitiert sie in seinem ersten Prospekt auch korrekt.

Der Vorstand der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" (GdF): Stephan Götzl, Georg Freiherr von Waldenfels und Wolfgang Wagner. (dpa)

Der Vorstand der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" (GdF): Stephan Götzl, Georg Freiherr von Waldenfels und Wolfgang Wagner. (dpa)

Der neue Verein, gegründet von einem fränkischen Telekommunikationsunternehmer und einem Werber, sorgt droben am Festspielhügel für Gesprächsstoff und Aufregung. Nicht, weil er schon einige 100 Anmeldungen auf seiner Liste stehen hat – die traditionelle „Gesellschaft der Freunde Bayreuths“ (www.freunde-bayreuth.org), Mitgliedsabzeichen: der kleine goldene Ring am Revers, hat 5324 Mitglieder. Sie haben aktuell 8,7 Millionen Euro in ihrer Förderkasse – 55 Millionen haben sie den Festspielen an Unterstützung in den vergangenen 60 Jahren zukommen lassen. Mehr noch: Sie sind zu 25 Prozent Miteigner der Festspiele und bekommen gut 24 Prozent aller Festspielkarten für ihre Mitglieder.
„TAff“ wird noch ganz schön rackern müssen, um da zahlenmäßig auf Augenhöhe zu kommen. Noch residiert der Verein am Stadtrand und die „Freunde“ direkt neben dem Festspielhaus auf dem Hügel. Bei den „Freunden Bayreuths“ allerdings blinken die Warnlampen. Denn die Neuen verweisen wie selbstverständlich auf das Wohlwollen der Festspielleitung, das man für sich selbst gepachtet glaubte. Und darauf, dass sogar Stardirigent Christian Thielemann Mitglied werden wolle. Und dass sie nur ein „technischer Vorstand“ zum Zweck der Vereinsgründung seien. Andreas Vogt, von der Festspielleitung sehr geschätzt, im „Freunde“-internen Vorstandsstreit dort gegangen, soll bei der ersten Mitgliederversammlung an die „TAff“-Spitze gewählt werden. Mit ihm liebäugeln offenbar eine ganze Reihe von „Noch“-Freunden mit einem Wechsel. Neue Zeiten auch für die Mäzene?
Noch kann „TAff“ seinen Mitgliedern nicht allzu viel bieten, wobei Einblicke und Bühnen- und Orchesterproben in Bayreuth schon ein echtes Pfund sind. Spannend würde es, wenn auch „TAff“ seinen Mitgliedern ein Kartenkontingent weiterverkaufen könnte. Bei den Freunden ist das eines der stärksten Argumente für eine Mitgliedschaft – sie verkürzt die Wartezeit von etwa zehn auf drei bis vier Jahre. Wenn auch „TAff“ Karten bekäme, hätten die Freunde dieses Exklusiv-Argument nicht mehr. Festspiel-Chefin Katharina Wagner sagte dem Abendblatt, sie wolle die Entwicklung noch abwarten, bevor man darüber mal sprechen könne.
Im Augenblick wird heftig geschmollt. Weder die beiden Festspielleiterinnen noch Eröffnungsregisseur Hans Neuenfels beehrten die „Freunde“ mit ihrem traditionellen Erscheinen bei der Mitgliederversammlung. Kreislaufprobleme, Nasenbluten und eine Signierstunde verhinderten das – auf dem Hügel ist so was Gesprächsthema für mindestens eine Woche.
Aber die „Freunde“ hatten auch ordentlich vorgelegt: Nicht nur zögert deren Vorstand, eine Zusage für die Finanzierung einer neuen, dringend notwendigen Probebühne abzugeben. Auch für die Unterstützung des Künstlerempfangs, gerne mit Kanzlerin, wurde in diesem Jahr abgewunken. Die Festspielleitung freut sich, dass es nun zwei Fördervereine gibt, von denen sicher eine immer Gutes tun möchte´. Diesmal sprang „TAff“ gern ein. Zahlte und propagierte seinen selbstbewussten Slogan „Wir sind Festspiele“. Der prangt auch auf der Website (www.wir-sind-festspiele.de), die seit kurzem online ist.  Der Anfang ist gemacht – für die Festspiele kann das nur ein Vorteil sein.

Eine Reaktion zu “„Wir sind Festspiele“”

  1. Falparsiam 2. August 2010 um 10:09 Uhr

    Leider irrt der Verfasser, obwohl er ach so sehr auf dem Zitat herumreitet. Im Original (Brief Wagners an Franz Liszt, 8.9.1852) heisst es „Kinder! macht Neues! Neues! und abermals Neues! – hängt ihr Euch ans Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler! …
    [Sämtliche Briefe: Bd. 4: Briefe Mai 1851 bis September 1852, S. 794. Digitale Bibliothek Band 107: Richard Wagner: Werke, Schriften und Briefe, S. 10524 (vgl. Wagner-SB Bd. 4, S. 460)]
    Soviel dazu.
    – und mit besten Grüßen aus B.
    Falparsi