Hamburger Abendblatt

„Ja, ist er jetzt doch wieder mit seiner…?“

26. Juli 2010

Foto: DPA

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Wem die Festspielkarten zu teuer sind, der hat zumindest ein Schauspiel gratis: den Aufmarsch der Prominenz zur Eröffnungspremiere. Wird der Vorplatz am Königs(an)bau des Festspielhauses abgesperrt, Fotografen, rangeln um die besten Plätze, am Ende stehen Sie nach Größe der Leitern gestaffelt mehr oder weniger friedlich und warten mit großen Objektiven. Die Kanzlerin, Guido Westerwelle, Guttenberg, Fürstin Gloria, Edgar Selge, Seehofer, Genscher, Gottschalk und, und, und…

Erste Disziplin im Block des zuschauenden Volks: Wer ist wer? Bei fernsehbekannten Gesichtern ist das kein Problem, meistens. Da gibt es die Punktewertung sofort durch Applaus oder Buh-Rufe, man ist ja schließlich vorm Theater. Es ist eine Volksabstimmung der besonderen Art. Besonders gemein: Wenn beim Vorausgehenden geklatscht wird und dann kommt einer, und es bleibt mausestill. Wirtschaftsführer haben es generell schwerer als die Politiker. Bitterster Spruch dazu, sinngemäß übertragen aus dem Oberfränkischen: „Sehen tu ich ihn schon, aber kennen tu ich ihn nicht.“ Die Kanzlerin fällt durch. „Die war so klein, die hab ich nicht gesehen.“

Zweite Disziplin: Wer mit wem? Das Volk kennt sich aus. „Ja, ist er jetzt doch wieder mit seiner…?“ – „Die war doch vor zwei Jahren mit dem Dings da…“. Oder prophetisch: „Da wird er was ham…“ Am interessantesten sind naturgemäß Theaterpärchen, die Rätsel aufgeben: „Wen die Gloria da nun wieder…“ Die Fürstin spricht intensiv mit einem schwergewichtigen farbigen Festspielbesucher; sie lächelt still so etwas wie „Nie sollst du mich befragen.“

Dritte Disziplin: die Stilkritik, gestaffelt in Extrapunkte für Dekolleté, Beine, teuer, altersgemäß und extravagant. Klare Favoriten gab’s bei der Eröffnung keine, es dominierte noble Dezenz. Sicher, der eine oder andere Orden wurde wieder zu aufdringlich getragen, hier und da hatte die Robe im vergangenen Jahr noch lockerer gesessen. Bei den Herren war ein roter Gehrock der Gipfel der Extravaganz, bei den Damen eine Creation, die nur einem Träger über der rechten Schulter traute. Da kann das Wagner-Publikum bei den folgenden Aufführungen noch deutlich nachlegen.

Vierte Disziplin: Wie lang hält man das eigentlich aus – so als Volk? In der Knallsonne stehen, Digikamera hochhalten, ins Blaue knipsen und lästern? Einige beschlossen angesichts der undurchdringbaren Mauer von Schaulustigen noch ganz am Anfang: „Mir gehn heim und schaun’s im Fernseh.“ Andere standen tapfer von zwei Uhr bis vier da oben vorm Eingang. Ganz schön viele  belagerten noch Stunden später in den beiden „Lohengrin“-Pausen den Auf- und Abgang zum Restaurant.

Bayreuth kann ganz schön hart sein. Nicht nur auf den Sitzen, sondern auch als Volk.