Hamburger Abendblatt

Grüner Hügel 2010, die Erste: Der Festival-Bär ist los

19. Juli 2010

Trommeln und Tücher zum Tanz: Vor den Wagner-Festspielen hat Bayreuth das Afro-Karibische Festival gesetzt. Foto: Hans-Juergen Fink

Trommeln und Tücher zum Tanz: Vor den Wagner-Festspielen hat Bayreuth das Afro-Karibische Festival gesetzt. Foto: Hans-Juergen Fink

Das Afro-Karibische Festival sorgt eine Woche vor Eröffnung der Wagner-Sause dafür, dass die oberfränkische Stadt nicht zu monokulturell wird.

Eine Woche vor der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele ist in Bayreuth längst der Festival-Bär los. Ganz besonders vor dem Alten Schloss; da wird getrommelt und gesungen, was das Zeug hält. Das Afro-Karibische Festival, auch das hat hier Tradition, sorgt dafür, dass die oberfränkische Wagner-Stadt nicht zu monokulturell wird.

Die Musik hat ordentlich Wumm und muss sich vor dem Lärm im Bayreuther Orchestergraben nicht verstecken. Würde heute der alte Bruckner noch mal den toten Liszt nebenan in der Schlosskirche ins Grab orgeln, es wäre kaum zu hören. Von Zebras über Räucherstäbchen und Reggae-CDs bis hin zu Shishas wird auf dem Festvial alles verditscht, was sich unversehens bei der nächsten Schlingensief-Inszenierung auch auf der Bühne des Festspielhauses wiederfinden könnte.

Überhaupt: die Shisha, die Wasserpfeife. Sie macht Bayreuth weltläufig und gehört hier selbstverständlich zum Angebot diverser Call-Shops, die Bayreuth „85 Prozent billiger“ mit der ganzen exotischen Welt da draußen verbinden. Von denen gibt es viele, genau wie von den Handy-Shops, die nach und nach in der Fußgängerzone die Bäcker und Eisläden ersetzen.

Eine Woche vor Wagner ist von Richard noch nicht viel zu spüren in der Stadt. Eine Apotheke warnt zwar: „Sommerzeit ist Festspielzeit“ und offeriert sicherheitshalber Ultradeos und Cremes, die erschlaffte Gesichter über Nacht regenerieren sollen. Wagners Russ, der treue Neufundländer des Meisters, ruht und wacht immer noch an dessen Grab. Vor Jahren hat ihn der Hitler-Gartenzwerg-Künstler Ottmar Hörl zum stadtmöblierenden Kunst-Multiple zu Hunderten vervielfältigt; jetzt haben sich die letzten Exemplare  (sofern sie nicht von Hardcore-Wagnerianern in den heimischen Garten entführt wurden) in die Schaufenster von Friseuren und vom „Joy Erotic Paradies“ am Hauptbahnhof zurückgezogen – eine höchst sublime Inszenierung.

Die Woche vor der Premiere ist Generalprobenwoche. Da sind die Hotelpreise schon auf Festspiel-Niveau, denn jetzt dürfen Solisten, Choristen und Orchestermitglieder Freunde und Angehörige einladen, um zuzuhören und sie davon zu überzeugen, dass zehn Wochen Proben und Aufführungen in Bayreuth harte Arbeit sowie klösterliche Abgeschiedenheit und nicht etwa Venusberg bedeuten. Schlechte Zeiten für Taxifahrer – „die kommen alle mit dem eigenen Wagen“.

Abends sitzen Orchestergrüppchen im Biergarten beieinander, beäugen sich, um herauszufinden, wer woher kommt und welches fremde Instrument sich da ins eigene Stammlokal verirrt hat. Gefeiert wird auch schon, und manchmal wird sogar ein Cellist zu den Ersten Geigen eingeladen – strenge Krawattenpflicht. Die Frage aller Fragen – „Wie wird der Neuenfels-Lohengrin?“ – wird überall gestellt und erzeugt überall, außer Geraune und Gerüchten, verschworenes Schweigen, das nicht mal die Berliner Kollegin bricht, die seit Beginn der Proben als „embedded journalist“ alles, aber auch wirklich alles und Allerheiligstes sehen darf, aber über das Wichtigste natürlich auch nicht schreiben darf. Dabei hat sie sogar die Zahl der Stufen errechnet, die Neuenfels’ Assistentenschar täglich im Festspielhaus rauf- und runtersprintet: 14.960.

Lohengrin-Generalprobe ist am Donnerstag. Spätestens dann wissen noch mehr Rauner, dass Jonas Kaufmann ein absoluter Traum-Schwanenritter sein wird. Dann rüsten sich die neuen Herrinnen des Hügels für Kanzlerin und Co., in der Fußgängerzone wird nicht mehr getrommelt – Bayreuth startet in neue sechs Wochen Ausnahmezustand und Wagner-Seligkeit.